Brasilien bei der WM in Katar:Im Achtelfinale dank eines Schweizer Pos

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Brasilien bei der WM in Katar: Die Entscheidung: Casemiro nach seinem Treffer, im Hintergrund enttäuschte Schweizer.

Die Entscheidung: Casemiro nach seinem Treffer, im Hintergrund enttäuschte Schweizer.

(Foto: Andre Penner/dpa)

Der Seleção genügt ein später, abgefälschter Treffer von Casemiro zum 1:0 gegen die Schweiz - und damit zum Einzug in die nächste Runde. Einen Klassenunterschied sieht man erst in der letzten halben Stunde.

Von Claudio Catuogno, Doha

Die Brasilianer sind da, ein paar Vorkehrungen können also nicht schaden. In der U-Bahn zum Beispiel, goldene Linie Richtung Ras Bu Abboud, haben die Katarer die ersten zwei Waggons für Frauen und Kinder abgesperrt, während sie die kanariengelben Fans energisch weiter nach hinten schicken, damit sie dort ihre Liebeslieder an die Seleção und ihre musikalischen Flüche gegen Lionel Messi zum Besten geben können. Die Frauen und Kinder verpassen allerdings was: So ausgelassene Stimmung herrscht bestimmt nicht häufig in Dohas Nahverkehr.

Die Schweizer hatten allen Grund, in ihrem zweiten Gruppenspiel am Montagabend ebenfalls auf der Hut zu sein: Ihr 1:0-Sieg gegen Kamerun hatte ihnen zwar eine glänzende Ausgangslage für das Erreichen der K.-o.-Runde beschert. Aber die Brasilianer bringen halt nicht nur den Samba in die Stadien mit ihren Trommeln und Pfeifen, sondern auch eine andere Qualität auf den Platz als die Kameruner. Andererseits: Muss man sich, bloß weil es gegen einen der Favoriten geht, kleiner machen, als man sowieso schon ist?

Das hatte der Schweizer Nationaltrainer Murat Yakin nicht vor. Er schickte nicht nur fast dieselbe Elf auf den Rasen des 974-Stadions von Doha wie gegen Kamerun (lediglich Xherdan Shaqiri blieb anstelle von Fabian Rieder auf der Bank) - und er schickte sie auch mutig nach vorne. Zu verlieren hatten die Schweizer wenig, nachdem sich die Gruppen-Rivalen Kamerun und Serbien 3:3 getrennt hatten. Und so entspann sich ein halbwegs offener Schlagabtausch mit ähnlichen Ballbesitzanteilen für beide. Für die Schweiz war das ein größeres Kompliment als für Brasilien.

Am Ende gewannen aber doch die Brasilianer, letztlich dank eines Schweizer Pos. Weil bei einem brillanten Volleyschuss von Casemiro das Gesäß von Manuel Akanji im Weg war und den Ball abfälschte, hatte der Schweizer Torwart Yann Sommer keine Chance (83.). Der 1:0-Sieg bringt Brasilien sicher ins Achtelfinale.

Neymar reiste nicht mit ins Stadion

Bei den Brasilianern hatte sich in den letzten Tagen viel um zwei verletzte Sprunggelenke gedreht: um jenes von Neymar und um jenes von Danilo. Wobei Neymars Sprunggelenk natürlich als deutlich größere Kostbarkeit gilt, der Prominenz seines Besitzers wegen. Bilder von einer Schwellung hatten schnell die Runde gemacht, nachdem Neymar beim 2:0-Auftakt gegen Serbien ausgewechselt werden musste. Seither wird das malade Körperteil quasi rund um die Uhr gepflegt- weshalb der Kapitän der Seleção auch nicht als Zuschauer und prominenter Unterstützer mitreiste ins Stadion. Danilo hingegen begleitete die Mannschaft, war aber ebenfalls nicht einsatzfähig. Brasiliens Coach Tite musste auf zwei Positionen wechseln: Fred ersetzte Neymar, Eder Militao verteidigte anstelle von Danilo.

Fast die gesamte Arena war in Gelb und Blau getaucht, die brasilianischen Fans trommelten und johlten - aber auf ihre Mannschaft übertrug sich das optische und akustische Übergewicht lange Zeit nicht. Das Spiel der Brasilianer wirkte ein bisschen runtergedimmt, es fehlte die letzte Überzeugung. Richtig gute Chancen? Gab es in der ersten Halbzeit nur zwei. Einmal klärte Sommer mit einem starken Reflex gegen Vinicius Junior (27.). Und ein Schussversuch von Raphinha war noch einfacher aufzunehmen für den Keeper von Borussia Mönchengladbach (31.). Ansonsten war es ein einziges Geflanke und Flanken-Herausgeköpfe, ein Distanzgeschieße und Distanzschussgeblocke, hüben wie drüben.

Ihre erste wirklich griffige Aktion gelang den Brasilianern in der 64. Minute. Einen Steilpass von Bruno Guimaraes konnten die Schweizer nicht verhindern, über Casemiro lief der Ball schnell weiter zu Vinicius Junior - aber der Videoschiedsrichter annullierte dessen Treffer, ein halber Ellenbogen war im Abseits enttarnt worden.

Den erwarteten Klassenunterschied sah man erst in der letzten halben Stunde. Mehr als Casemiros Siegtreffer kam zwar nicht dabei heraus. Die brasilianischen Fans zogen trotzdem gut gelaunt von dannen - es würde also mal wieder laut werden in der Metro von Doha, goldene Linie Richtung Al-Azizyah.

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