WM 2011: Einzelkritik:Mit Theo beim Bankett auf Tonga

Drei Spiele, drei Siege, sicher im Viertelfinale - Deutschlands Fußballerinnen begeistern für den Moment. Doch wie nachhaltig ist dieser Erfolg? Die Einzelkritik der deutschen Frauen zur WM-Halbzeit.

Claudio Catougno, Wolfsburg

WM 2011: Einzelkritik

Simone Laudehr

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(Foto: dapd)

Im Moment sind Deutschlands Fußballerinnen so bekannt, als hätten sie gerade an einer Casting-Show im Privatfernsehen teilgenommen. Die Frage, die über dieser herrlichen WM liegt, lautet aber: Werden die Spielerinnen nach der WM ebenso in Vergessenheit geraten, wie die meisten gecasteten Superstars? Oder wird ihr Ruhm "nachhaltig" sein, wie die im Umfeld der Mannschaft anzutreffenden Politiker und Funktionäre formulieren würden? Wie die SZ aus sicherer Quelle erfuhr, steht bereits fest, welche Spielerinnen das Land auch nach der WM vertreten dürfen. Auf der Basis der bisher gezeigten Vorrundenleistungen wurden im Kanzleramt vier Kategorien entworfen: Wer dem Land die größte Ehre erwiesen hat, darf auf Weltreise gehen. Andere kommen nicht ganz so weit rum. Auf Weltreise Stand vor dem Turnier im Mittelpunkt von Geschichten, in denen es um Jubelposen, Sport-BHs und ihren Waschbrettbauch ging. Steht jetzt im Mittelpunkt von Geschichten, in denen es um Fleischwunden, Blutergüsse und Prellungen geht. Fühlt sich in diesen Geschichten deutlich wohler. Interpretiert den Fußball auf der Sechser-Position aber keinesfalls - wie gegen Nigeria - nur als Kampfsport, sondern so modern und vielseitig, dass man darüber mal eine Geschichte schreiben müsste. Bisher die Beste im deutschen Team. Darf nach der WM die Kanzlerin auf die nächste Reise nach Lagos und Abuja begleiten.

WM 2011: Einzelkritik

Kerstin Garefrekes

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(Foto: REUTERS)

Trägt nach zwei Kopfballtreffern den DFB-Ehrentitel "Torgefährlichste Mittelfeldspielerin der Welt". Trägt neuerdings auch die Binde am Arm, wird aber trotzdem nicht Capitana" genannt. Hört auch bei dieser WM lieber zu, als selbst viel zu reden. Darf als Protokollantin mitfliegen, wenn Theo Zwanziger bei den Fifa-Banketten in Tonga, Port-au-Prince und Katar Festansprachen zum Thema "Ethik im Frauenfußball" hält.

WM 2011: Einzelkritik

Babett Peter

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(Foto: dapd)

Erregt inzwischen Aufmerksamkeit mit Flanken, denen man schon in der Luft ansieht, dass sie zu Toren führen werden. Würde auch vom Rand eines Weißbierglases den Kopf von Kerstin Garefrekes treffen. Ist zudem links in der Viererkette unumstritten. Darf ihren Potsdamer Trainer-Guru Bernd Schröder nach Olabo, Mongomo und Luba begleiten, wo er für Äquatorialguineas Zeitungen La Gaceta, La Opinión und La Verdad Kolumnen über Frauenfußball schreibt.

WM 2011: Einzelkritik

Célia Okoyino da Mbabi

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(Foto: dpa)

Verkörpert als neuartiger Offensivmotor die Energiewende im offensiven Mittelfeld: Braucht weniger Kraft als Birgit Prinz, und das bei größerer Effizienz. Setzt mit Hochgeschwindigkeitspässen das gesamte Team unter Strom. Darf nach der WM mit Claudia Roth einen Offshore-Windpark besuchen.

WM 2011: Einzelkritik

Inka Grings

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(Foto: AP)

War zwei Spiele lang eine Art Sprechpuppe des Teams. Wenn man eine Münze einwarf, krähte sie: "Ich will spielen." Man ahnte dann: Sie will spielen. Spielte gegen Frankreich von Anfang an, traf zweimal, wenn auch nicht vom Rand eines Weißbierglases. Darf wohl auch gegen Japan wieder spielen. Bekommt nach der WM ein Round-the-world-Ticket mit den Stationen Los Angeles und Shanghai, wo sie 2003 und 2007 die WM-Endspiele verpasst hat.

WM 2011: Einzelkritik

Nadine Angerer

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(Foto: Getty Images)

Auf Interrail-Tour War bei der letzten WM eine Torhüterin ohne Gegentor. Ist bei dieser WM eine Torhüterin mit schon drei Gegentoren. Ist deshalb aber nicht schlechter geworden. Hält immer noch alles, was man halten kann - und neuerdings sogar die Fans mit lustigen Twitter-Botschaften bei Laune. Darf nach dem WM im schwedischen Mörrum-Fluss einen Lachs mit der Hand fangen.

WM 2011: Einzelkritik

Annike Krahn

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(Foto: dpa)

Schockte Silvia Neid vor gut einem Jahr mit der Diagnose "Kreuzbandriss". Begreift die WM jetzt auch als eine Art Rehamaßnahme bei laufendem Spielbetrieb. Ist dafür in der Innenverteidigung bisher fast tadellos. Auch ihr Überraschungsmoment in der Spieleröffnung brachte sie bereits mehrmals zur Ansicht: hohe Bälle, die sich erst eine Weile in den Wolken verstecken, von dort aber theoretisch jederzeit ins gegnerische Tor hüpfen könnten. Bekommt nach der WM ein Erste-Klasse-Ticket zum nächsten Kniechirurgen-Kongress.

WM 2011: Einzelkritik

Saskia Bartusiak

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(Foto: Getty Images)

Wird auf dem Platz von den Mitspielerinnen oft nicht erkannt, weil sie ohne die modische schwarze Hornbrille aufläuft, die sonst ihr Gesicht ziert. Spielt dafür mit erstaunlicher Übersicht. Hielt bisher, neben Krahn, die Abwehr zusammen, und leitete, wie Krahn, nur flacher, die deutschen Offensivaktionen ein. Darf sich im Juli in der französischen Stadt Morez das Brillenmuseum anschauen.

WM 2011: Einzelkritik

Linda Bresonik

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(Foto: dapd)

Setzte als Rechtsverteidigerin bisher weniger Akzente als Babett Peter auf der anderen Seite. Hatte dafür aber auch weniger Zeit: Saß gegen Frankreich mit einer Magenverstimmung auf der Bank. Darf nach der WM von Duisburg in fünf europäische Städte ihrer Wahl reisen, um sich einen neuen Verein zu suchen.

WM 2011: Einzelkritik

Lena Goeßling

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(Foto: AP)

Auf Bildungsreise Wirkte anfangs eher wie ein WM-Groupie, sprang mit großen Augen und lustigem Pferdeschwanz über den Trainingsplatz. Bewies gegen Frankreich, dass sie eine richtige Fußballerin ist. Im Mittelfeld präsenter und unaufgeregter als Kim Kulig. Später auch in der Abwehr ohne größere Schwächen. Darf nach der WM in ihrer neuen Fußballstadt Wolfsburg das VW-Gelände (inkl. Presswerk) besichtigen.

WM 2011: Einzelkritik

Bianca Schmidt

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(Foto: Getty Images)

Ersetzte Linda Bresonik gegen Frankreich als Rechtsverteidigerin. Aber außer Bernd Schröder, ihrem Trainer in Potsdam, hat's fast keiner gemerkt. Was sie durchaus auch als Kompliment verstehen kann. Darf nach der WM mit dem Schiff die Küste Norwegens entlangfahren, wo Bernd Schröder für die Zeitung Dagens Næringsliv Kolumnen über Frauenfußball schreibt.

WM 2011: Einzelkritik

Lira Bajramaj

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(Foto: dpa)

Kann endlich wieder lachen. Zum Beispiel über die Kolumnen von Bernd Schröder. Lachte, als sie über sich las, sie sei fremdbestimmt und werde ausgegrenzt. Lachte nicht, als sie über sich las: "Wer scharf aussieht, schießt auch schärfer" - das war ein Werbeplakat ihres persönlichen Ausrüsters. Musste zunächst auf der Bank scharf aussehen, schoss gegen Frankreich dann auch auf dem Rasen wieder schärfer - wenn auch manchmal zu spät. Darf Bernd Schröder nach der WM zum Ausräumen des einen oder anderen Missverständnisses in Potsdam besuchen, oder in Nürnberg, wo er bei einem Magazin namens Kicker Kolumnen über Frauenfußball schreibt.

WM 2011: Einzelkritik

Melanie Behringer

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(Foto: dpa)

Verdängte das Fußball-Model Bajramaj von der linken Seite. Kann schärfer schießen als jede andere, musste nach einem Tritt im Nigeria-Spiel aber weichen. Darf nach der WM wieder in München vorbeischauen, wo 2012 das Champions-League-Finale stattfindet, das sie mit Frankfurt gerne gewinnen würde.

WM 2011: Einzelkritik

Kim Kulig

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(Foto: dapd)

Auf der Kurzsstrecke Gegen Frankreich wegen Gelb-Vorbelastung geschont. Davor auch noch nicht richtig im Turnier: oft einen Schritt zu spät. Darf nach der WM mit dem Bus nach Ehningen bei Böblingen, wo die Bäckerei Sehne ein Roggenmischbrot namens Kim-Kulig-Kruste im Angebot hat.

WM 2011: Einzelkritik

Alexandra Popp

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(Foto: dapd)

Gilt als beste Kopfballspielerin, wuchtigste Stürmerin, furchtloseste Brechstange des Planeten. Brachte die Erwartungen aber noch nicht auf den Rasen, weil Silvia Neid erst gar keine Stürmerin aufstellte und dann Inka Grings. Ist aber noch so jung, dass das nicht schlimm ist. Darf nach der WM mit der Bahn von Duisburg nach Frankfurt fahren, um sich mit dem Manager Siggi Dietrich über ihre Zukunft zu unterhalten. Oder Inka Grings in Los Angeles besuchen.

WM 2011: Einzelkritik

Ariane Hingst

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(Foto: AFP)

Kam laut Silvia Neid gegen Frankreich nach der Pause im Mittelfeld rein, weil Kim Kulig schon Gelb hatte und deshalb nicht für Simone Laudehr kommen konnte, die auch schon Gelb hatte. Klingt nach: Notlösung. Spielte dann aber nicht wie eine. Sondern mit Übersicht und Zug zum Tor. Darf nach der WM an der Tür lauschen, wenn Theo Zwanziger Claudia Roth seine Lieblings-Rede (die über Ethik im Frauenfußball) vorträgt.

WM 2011: Einzelkritik

Birgit Prinz

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(Foto: dapd)

Lernt auch bei ihrer fünften WM noch dazu. Ist, selbst wenn sie nicht spielt, als Persönlichkeit so unumstritten, dass in der Kanzlerinnen-Maschine stets ein Plätzchen für sie freigehalten wird. Fährt aber lieber mit der U-Bahn nach Frankfurt am Main.

© SZ vom 08.07.2011 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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