Süddeutsche Zeitung

WM 2011: Abby Wambach:Das Strafraumbiest beißt

Mit Wucht, Köpfchen und Flexibilität: Im Endspiel gegen Japan spielt Stürmerin Abby Wambach für die USA erneut eine Schlüsselrolle. Die verdienteste und erfolgreichste Akteurin ihres Teams verfügt über die Art von Siegeswillen, wie es ihn wohl nur in Amerika gibt. Zu verdanken hat sie ihre Karriere einer ganz Großen des Frauenfußballs.

Kathrin Steinbichler, Frankfurt

Die USA und ihre sportvernarrten Bürger lieben Endspiele. Ein Finale ist einer der Momente, in denen die Geschichte hinter dem Spiel größer wird als das Spiel selbst, weil so viel Bemühen und so viel Hoffnung in eben diesem Moment ihre Auflösung finden. Für die USA ist ein Spiel ohnehin nie nur ein Spiel. "Wir sind auf einer Mission", sagt Abby Wambach bei dieser Weltmeisterschaft immer wieder, als sei das Auflaufen im Nationalteam für sie eine andere Art von Dienst am Vaterland. Natürlich, auch die Japanerinnen haben jeden Grund, dasselbe von sich zu behaupten.

Die Erdbeben, der Tsunami, das Reaktorunglück, die deshalb trostbedürftigen Menschen zu Hause - der schicksalhafte Überbau, den Japans Fußballerinnen bisher mit erstaunlicher Leichtigkeit mit sich durch diese WM tragen, beeindruckt auch Wambach. Aber so sehr die 31-Jährige ihre Gegnerinnen respektiert, so sehr weiß sie, dass sie sich davon nicht ablenken lassen darf. Nicht jetzt, nicht so kurz vor dem, "wofür ich und das Team so hart gearbeitet haben".

Die Nachrichten, welche die US-Stürmerin vor dem WM-Endspiel gegen Japan am Sonntag (20.45/ARD und Eurosport) aus der Heimat erhält, geben Wambach zudem täglich das Gefühl, auf ihrer Mission das Richtige zu tun. Der ausführlich vom Turnier berichtende Sender ESPN hält von den WM-Standorten in Deutschland nicht nur seine Millionen Fernsehzuschauer auf dem Laufenden, sondern auch das Nationalteam selbst. Julie Foudy, Live-Reporterin und ehemalige Spielführerin der USA, erzählt im Mannschaftshotel in Frankfurt den Spielerinnen, dass etwa vor der City Hall in San Francisco die Menschen zum Public Viewing zusammenkommen.

Auch die US-Soldaten der 170. Infanterie in Afghanistan hätten sich als Fans der soccer girls entpuppt und um die Leinwand versammelt. So viel Zuspruch, so viel Anteilnahme: "Das ist es, warum wir das alles hier tun", sagt Wambach, "diese Energie, die das auslöst, dieser Zusammenhalt - ich liebe mein Land, und ich liebe mein Team." Vielleicht muss man Wambachs Geschichte kennen, um nachzufühlen, welche Bedeutung das Nationalteam für sie hat. Und welche Bedeutung sie für ihre Mannschaft hat.

Wer mit Mia Hamm über Abby Wambach spricht, bekommt leuchtende Augen zu sehen. Hamm, die einstige Spielmacherin und heutige Fußball-Ikone der USA, spielte zu ihrer aktiven Zeit bei Washington Freedom mit Wambach zusammen. Oder besser gesagt: "Ich habe sie unter meine Fittiche genommen", sagte Hamm einmal. Denn Wambach, die sich vor Jahren selbst als "Dummerchen" bezeichnete und inzwischen in Boca Raton/Florida spielt, hatte vieles von dem, was eine gute Fußballerin auszeichnet, aber noch zu wenig von dem, was eine Siegerin ausmacht. "Sie wusste, sie hat diese Physis und dieses Talent, aber sie wusste lange nicht, wie sie damit umzugehen hat", sagte Hamm.

Mary Abigail Wambach, genannt Abby, ist mit ihren 1,81 Meter eine beeindruckende Stürmerin, die immer dann am gewagtesten in die Zweikämpfe geht, wenn ihr Team sonst keine Idee mehr hat. Im Halbfinale gegen Frankreich etwa warf sich Wambach mit dem Schussbein voraus gegen zwei Gegnerinnen in eine Flanke, wie immer - mit voller Wucht. Danach lagen Sonia Bompastor und Torfrau Bérangèr Sapowicz unter sichtlichen Schmerzen derart ineinander verkeilt auf dem Rasen, dass zu befürchten war, neben dem Ärzteteam würde gleich auch ein Feuerwehrteam mit einem Brennschneider aufs Feld eilen.

"Alle fühlen sich gleich stärker"

Später gelang Wambach mit einem schmerzfreien Kopfstoß, nach dem sie an den Pfosten prallte, das wegweisende 2:1. Auch im Viertelfinale gegen Brasilien war sie es gewesen, die mit ihrem Kopfballtor in der Nachspielzeit der Verlängerung die USA erst ins Elfmeterschießen gebracht hat. "Sie ist ein Biest", sagt US-Trainerin Pia Sundhage über ihre verdienteste und an Toren erfolgreichste Stürmerin, "vor dem jede auf dem Feld Respekt hat. Wenn du eine wie sie im Team hast, fühlen sich die anderen Spielerinnen gleich stärker."

Als Wambach vier Jahre alt war, begann sie - die jüngste Tochter einer neunköpfigen Familie aus Rochester/New York - in einer Mädchenliga mit dem Fußball. Nach nur drei Spielen, in denen sie 27 Tore geschossen hatte, wurde sie in die Jungenliga versetzt. Wambach hat vier ältere Brüder, sie fühlte sich gleich wie zu Hause - die Jungs aber bekamen sie auch nicht in den Griff und waren wohl froh, als sie sich auf die High School verabschiedete.

2002 dann, ein Jahr vor ihrem US-Debüt, wurde Wambach Profi und wechselte von der College-Liga nach Washington. Die Ehrfurcht, dort in der Offensive mit Mia Hamm zu spielen, wich bald der Dankbarkeit, endlich jemanden an der Seite zu haben, der weiß, wie es ist, exponiert zu sein. Und der weiß, wie Talent in Exzellenz zu verwandeln ist. "Ich habe viel gelernt von Mia", sagt Wambach: "Von der richtigen Einstellung über die richtige Ernährung bis zu dem Punkt, dass du immer auf dein Ziel fokussiert sein musst." Und Wambachs Ziel ist längst nicht mehr, ganz alleine die Tore zu schießen.

Unter Greg Ryan, dem Vorgänger von Sundhage, hatte Wambach die Rolle, im gegnerischen Strafraum den Wellenbrecher zu spielen, die Flanken anzunehmen und irgendwie das Ding reinzumachen. Mit Sundhage "spielen wir mehr, statt nur zu laufen, wir sind taktisch flexibler geworden, auch ich", sagt Wambach. Ob Heather O'Reilly oder Lauren Cheney, ob Megan Rapinoe oder Alex Morgan - unter Sundhage kreiselt die Offensive der USA mit vielen Positionswechseln übers Feld, Wambach spielt sie oft frei, setzt ihre Wucht jetzt dosierter ein und hat in der Folge "mehr Power in den Momenten, auf die es ankommt".

Am Sonntag, im Endspiel gegen Japan, kommt es noch einmal darauf an. Mit ihrem Treffer im Halbfinale, ihrem zwölften Tor bei einer WM, hat Wambach schon jetzt mit der US-Legende Michelle Akers gleichgezogen, doch Wambach bleibt bescheiden. "Das ist eine Ehre, aber dafür spiele ich nicht. Ich will diesen Titel. Japan spielt hier zwar einen großartigen Fußball. Aber jetzt stehen wir im Finale, und in so einem Spiel wird es darauf ankommen, wer es mehr will." Und wenn es sein muss, wird sie sich auch wieder in die Gegner und gegen die Pfosten werfen.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2011/jbe
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