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WM 2010: Zwischenbilanz:Genug Zeit für eine Plantage

Torhüter erkennen die Boshaftigkeit des Lebens, Fledermäuse brummen und Nicolas Anelka hat wirklich mitgespielt: Beobachtungen aus der WM-Vorrunde.

Christian Zaschke

13 Bilder

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Quelle: AP

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Der Zeitplan ist eng, mittags Fußball, nachmittags Fußball, abends Fußball, und nun ist nicht einmal eine Woche der WM vergangen, und schon haben sich alle 32 Mannschaften einmal gezeigt. Manche wären lieber noch eine Weile unsichtbar geblieben, ganz ohne Häme sei hier auf Griechenland verwiesen, das glücklichere Tage erlebt hat, auch auf dem Platz. Andere Teams paradierten stolz über den Rasen, auch der Ball flog in tollsten Kurven, und angeblich gibt es ein Geräusch, das diesen ersten Spieltag der Vorrunde bestimmt hat. Zeit also, kurz innezuhalten und eine erste Zwischenbilanz zu ziehen.

Auch mathematisch eher unbegabte Menschen dürften bereits bemerkt haben, dass bei dieser WM bisher nicht allzu viele Tore gefallen sind. 1954 in der Schweiz waren es 5,58 Treffer pro Spiel, WM-Rekord bis heute. Mittels einiger komplizierter Rechenaktionen, in deren Verlauf die Techniken der Addition und der Division zum Einsatz kamen, konnte ermittelt werden, dass bei der WM in Südafrika bis Mittwochnachmittag im Schnitt lediglich 1,60 Tore pro Spiel erzielt wurden. Warum das so ist, gilt es im Folgenden zu ergründen. Doch zunächst muss es um traurige Männer gehen (im Bild Südafrikas Torhüter Itumeleng Khune).

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Quelle: AP

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Manchmal tritt ein Verteidiger über den Ball und muss ertragen, dass ihm per Ferndiagnose Holzfüße attestiert werden. Bisweilen jagt ein Stürmer die Kugel aus kürzester Distanz über das leere Tor und muss sich anhören, dass auch fortbewegungstechnisch herausgeforderte weibliche Senioren aus der näheren Verwandtschaft diesen Ball, wie man dann so sagt, "reingemacht" hätten. Niemand aber zieht Spott und Häme so sehr an wie ein Torhüter, der einen spielentscheidenden Fehler begangen hat. Die traurigen Männer des Turniers sind bisher Faouzi Chaouchi aus Algerien, Justo Villar aus Paraguay und Robert Green (im Bild) aus England. Faouzi Chaouchi hatte die Arme ausgebreitet wie ein Vater, der sein Neugeborenes erstmals an die Brust drücken will, der ganze Chaouchi war freudige Erwartung. Der Ball jedoch ignorierte Chaouchi und flog an ihm vorbei ins Netz, was dieser mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes quittierte, der erstmals erlebt, dass die Welt im Laufe eines Lebens die ein oder andere Boshaftigkeit bereithält. Justo Villar sprang hoch und höher, es schien, als erstiege er eine Leiter aus Luft, doch der Ball flog noch ein bisschen höher, gerade so hoch, dass Villar ihn nicht erreichen konnte, und bald lag der Ball im Netz. Villar landete am Boden, als habe ihm jemand die Leiter aus Luft unter den Füßen weggezogen. Robert Green ist ein englischer Torwart.

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Quelle: AP

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Da sämtliche Spiele von einem freundlichen, recht lauten Brummen begleitet werden, dessen Herkunft Experten aus aller Welt zu ergründen suchen, haben fast alle Mannschaften die Zeichensprache auf dem Platz eingeführt. Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw hatte das bereits vor dem Turnier angekündigt, weil er eine den Hörsinn betreffende Beeinträchtigung durch sogenannte Vuvuzelas befürchtete. Diese Befürchtung erwies sich als grundlos, aber dennoch ist da dieses unergründliche Brummen, es ist immer da und scheint aus dem Überall zu wummern, kein Mensch weiß, woher genau, aber das ist egal, denn jede WM hat ihr kleines Geheimnis. Bei den Deutschen klappte das mit der Zeichensprache sehr gut. Bei den Dänen, deren Torwart Thomas Sørensen gesagt hatte, man werde nicht nur mittels Zeichensprache, sondern auch per Augenkontakt kommunizieren, lief es nicht so gut, sie erzielten eines der schönsten Eigentore der WM-Geschichte. Empfindliche Fernsehzuschauer, die sich allen Ernstes an dem Brummen stören, seien darauf hingewiesen, dass es auf der Webseite des Weltfußballverbandes Fifa alle Spiele auf Video gibt, kommentiert in Zeichensprache, beziehungsweise wie es offiziell heißt, in IS (International Sign), der internationalen Gebärdensprache.

Johnny Rep, Torwart Sepp Maier, Paul Breitner

Quelle: imago

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Service: Die beiden WM-Turniere mit den wenigsten Treffern pro Spiel fanden beide in Deutschland statt. 1974 fielen 2,55, 2006 fielen 2,56 Treffer pro Partie (im Bild vergibt Johnny Rep (Mitte, Niederlande) bei der WM 1974 eine Hundertprozentige, Torwart Sepp Maier und Paul Breitner (li. bzw. re., beide Deutschland) schauen dem Ball hinterher).

Grafite

Quelle: AP

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Bisher ist ein wenig untergegangen, dass fast die komplette Ersatzbank des VfL Wolfsburg angereist ist, und nein, nicht als Zuschauer. Ein, zwei Stammspieler durften auch mit, so dass der VfL mit neun Spielern hier vertreten ist, die in acht verschiedenen Teams antreten (im Bild Grafite, der für Brasilien spielt).

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Quelle: ap

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Ebenfalls ein wenig untergegangen ist im Rummel um die drei traurigen Torhüter, dass die meisten Schlussmänner grundsolide Auftritte hinlegten und einige sogar großartige. Stellvertretend sei Nigerias Vincent Enyeama (re., um Duell mit Argentiniens Lionel Messi) genannt, der nach der Niederlage seines Teams mit untertassengroßen Augen davon berichtete, dass er nichts und Gott alles getan habe, weshalb er Gott dankte, ihn zudem lobte und pries. Chaouchi, Villar und Green dürften die phantastische Leistung Vincent Enyeamas mit ungläubigem Staunen verfolgt haben.

98496702

Quelle: AFP

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Einer der Gründe für die wenigen Tore ist das bei dieser WM bisher bevorzugte Spielsystem 4-2-3-1. Das bedeutet: Die meisten Teams stellen vor die Vierer-Abwehrkette (4) zwei defensive Mittelfeldspieler (2), postieren davor drei offensivere Mittelfeldspieler (3), und nach vorn beordern sie einen einsamen Mittelstürmer (1), der sich allein und oft vergeblich müht. Der Brasilianer Luis Fabiano ist ein gutes Beispiel, er war meist so abgekoppelt vom Spiel seines Teams, dass er im Strafraum der Nordkoreaner unbemerkt eine kleine Kresse- oder Haschplantage hätte anlegen können. Nicht ausgeschlossen ist, dass er genau das getan hat; sollte sich im Turnierverlauf, wenn die Triebe aus dem Boden sprießen, herausstellen, dass er sich beim Pflanzen wider Erwarten gegen die Kresse entschieden hat, so sei angemerkt, dass Hasch in der südafrikanischen Kälte nicht gut gedeiht, auf der Dopingliste steht, illegal ist und Fabiano aus dem Alter nun wirklich raus sein sollte. Ein weiteres Beispiel für die Einsamkeit des Mittelstürmers bei der WM ist Frankreichs Nicolas Anelka (re., daneben Uruguays Verteidiger Diego Godin), bei dem sich selbst erfahrenste Beobachter nicht sicher waren, ob er gegen Uruguay wirklich mitgespielt hat. Dazu sei gesagt: Hat er.

WM 2010 - Niederlande - Dänemark

Quelle: dpa

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Service: Die neun Wolfsburger bei der WM sind Obafemi Martins (Nigeria), Karim Ziani (Algerien), Makoto Hasebe (Japan), Jonathan Santana (Paraguay), Thomas Kahlenberg (im Bild Mitte, Dänemark), Peter Pekarik (Slowakei. Doch, die sind dabei), Diego Benaglio (Schweiz), Josue und Grafite (beide Brasilien).

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Quelle: AP

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Die geringe Anzahl an Toren hat noch einen Grund: Es ist die Angst im ersten Spiel. Vielleicht ist Angst ein etwas zu starkes Wort, aber es war deutlich zu sehen, wie alle Mannschaften zunächst einmal sauber ins Turnier kommen wollten, und sauber heißt: erst einmal nicht verlieren. Das 4-2-3-1 mag als strukturelle Erklärung dienen, die Angst vorm ersten Spiel ist die psychologische und letztlich schlüssigere. Es werden mit ziemlicher Sicherheit bald deutlich mehr Tore fallen. Auch dafür gibt es eine psychologische und eine strukturelle Erklärung. Psychologie: Nach dem ersten Spiel wissen die Teams, was sie erwartet, sie sind weniger nervös, sie haben ein besseres Gefühl für das Turnier. Zudem müssen sie, wenn sie im ersten Spiel nicht gewonnen haben, jetzt allmählich Punkte sammeln, denn so viele Gelegenheiten gibt es ja auch wieder nicht. Struktur: Das defensiv anmutende 4-2-3-1 ist ein sehr flexibles System, das sich durchaus offensiv interpretieren lässt. Einer der beiden defensiven Mittelfeldspieler rückt etwas weiter vor und übernimmt den Part des Regisseurs, die beiden äußeren offensiven Mittelfeldspieler werden zu verkappten Flügelstürmern. Spielt niemand so? Deutschland gegen Australien gesehen? (Im Bild Thomas Müller, unten, im Zweikampf mit Australiens Mile Jedinak.)

WM2010 - Auftaktsieg Deutschlands bei Fußball-WM '90

Quelle: dpa

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Apropos Deutschland: Erinnert das Ganze nicht an 1990, als nach holpriger Qualifikation nicht viel zu erwarten war, und dann gab's im ersten Spiel ein 4:1 gegen Jugoslawien. Der Rest ist Geschichte. Bei der bisher torarmen und spielerisch wenig berückenden WM ist die deutsche Elf das leuchtende Beispiel dafür, wie es besser geht, mithin die Lok, die den ganzen Bahnhof zieht. Hätte vor einer Woche auch niemand gedacht.

Im Bild versucht der ballführende deutsche Stürmer Jürgen Klinsmann (2.v.li.) am jugoslawischen Gegenspieler Predrag Spasic (li.) vorbeizukommen. Spasics Teamgefährte Dragoljub Biznovic (2.v.re.) schaut wie der dänische Schiedsrichter Peter Mikkelsen (re.) zu.

Italy's Mauro Camoranesi appeals to referee Benito Archundia of Mexico after receiving a yellow card during their 2010 World Cup Group F soccer match against Paraguay at Green Point stadium in Cape Town

Quelle: Reuters

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Die WM ist immer eine Leistungsschau. Besonders gut lässt sich die Evolution des Fouls beobachten. Derzeit im Trend liegt ein Phänomen, das im Breitenfußball als "Kappe hoch" bekannt und verpönt ist. Erstaunlich oft steigen die Spieler einander auf die Füße oder die Knöchel, stets mit zunächst gehobener Fußspitze. Bei der Landung glaubt man, das Knirschen im Knochen- und Bänderwerk des Gefoulten bis auf die Tribüne zu hören. Beispielhaft vorgeführt hat dieses Foul der Italiener Mauro Camoranesi (re., daneben der mexikanische Schiedsrichter Benito Archundia), der im Spiel gegen Paraguay Enrique Vera Schmerzen zufügte und anschließend tat, als sei nichts geschehen. Oft zu beobachten ist dieses Foul auch in der Ausführung "nach rechts treten, nach links schauen", und meistens fallen die Schiedsrichter darauf herein.

Oscar Perez

Quelle: AP

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Die Mexikaner haben nach dem Eröffnungsspiel mit eiförmigen Bällen trainiert, wie sie im American Football verwendet werden (im Bild Torwart Oscar Perez). Damit glauben sie, die Flugkurve des WM-Balls "Jabulani" simulieren zu können. Dahinter steckt nicht der Genuss von Gewächsen, wie sie Luis Fabiano im nordkoreanischen Strafraum gepflanzt haben könnte. Die meinen das bei vollem Bewusstsein ernst.

Argentina v Nigeria: Group B - 2010 FIFA World Cup

Quelle: Getty Images

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Vor vier Jahren flatterte der WM-Ball "Teamgeist" wie die Fledermäuse im Ellis Park. Es sind übrigens sehr große Fledermäuse, vielleicht sind sie es, die für das dauernde Brummen verantwortlich zeichnen. Der "Jabulani" (im Bild) flattert kein bisschen, er fliegt zwar manchmal auf seltsamen Bahnen, doch woran das genau liegt, wird noch zu ergründen sein. Die WM hat ja gerade erst begonnen.

© sueddeutsche.de/mb

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