Süddeutsche Zeitung

WM 2010: Südafrika:Fußball mit einer Tasse Tee

Die WM in Südafrika ist das kälteste Fußballfest aller Zeiten. Ein Besuch in leeren Fanparks, bei frierenden Fußballfans und Menschen, die neben einem Holzkohlegrill nächtigen müssen.

Thomas Hummel, Johannesburg

Johannesburg, Public Viewing im Stadtteil Sandton, am Donnerstag gegen 17.50 Uhr: Die Sonne ist vor 20 Minuten hinter der hausgroßen Bühne mit der Leinwand verschwunden, auf der Otto Rehhagel gerade seinen seltsamen Sieg gegen Nigeria feiert. Da beginnt die Flucht. Die vielleicht 100 Besucher eines von zwei offiziellen Fanfesten (wie hier Public Viewing heißt) in der Stadt hetzen zum Ausgang. Die meisten sind sauer, weil schon wieder eine afrikanische Mannschaft verloren hat, doch das ist nicht der Grund für ihre Eile. Sie wollen nach Hause, dorthin, wo es warm ist.

Die Temperatur fällt in diesen Minuten unter den Gefrierpunkt. Hinter der Bühne formen etwa 30 Zelte auf einer Wiese ein Rondell, dort sollen die erwarteten Massen essen und trinken. Doch in den Zelten warten halb vermummte Menschen auf Kunden, die nicht kommen an diesem Nachmittag, erst recht nicht später am Abend. "Oh Mann, es ist kalt", klagt ein junger Inder, der um 18 Uhr seine ersten Samoosas, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, für 2,50 Euro verkauft. Nur zum Geldwechseln zieht er seine Hände aus den Taschen und hebt das Kinn über den Kragen seines Anoraks. Er zittert leicht unter all den Kleidern, dabei hat er das Schlimmste noch vor sich: Weil der Weg nach Hause - etwa 200 Kilometer vor Johannesburg - zu weit und beschwerlich wäre, schlafen er und seine Mitarbeiter in diesen vier WM-Wochen hier im Zelt. Neben einem Holzkohlegrill.

Über Südafrika ist pünktlich zur ersten WM-Woche eine Kältewelle hereingebrochen, die selbst schlimmste Befürchtungen übertrifft. Minus 3,2 Grad Celsius meldete der Wetterdienst für Johannesburg am Donnerstagnachmittag kurz nach der Dämmerung, was den bisherigen Minusrekord der Stadt aus dem Jahr 1994 um 0,2 Grad unterbietet. Beim Spiel Frankreich gegen Mexiko in Polokwane am Abend wurden gar minus 10,3 Grad gemeldet. Die Zeitung The Star zeigte am Freitag auf ihrer Titelseite etwas hämisch die dick eingepackte französische Ersatzbank unter der Frage: "Can you feel it?"

Was auch immer noch bei dieser WM passieren wird, sie hat schon jetzt einen Titel sicher: die kälteste WM aller Zeiten.

Kein Entschuldigungsgrund

Nun gelten eisige Temperaturen (im Gegensatz zu Hitze) allgemein nicht als Entschuldigungsgrund für schlechte Leistungen auf dem Platz. "Ich glaube, die Spieler können besser spielen, wenn es kalt ist, als wenn es zu heiß wäre", sagte Otto Rehhagel vor der Partie gegen Nigeria. Von Heimvorteil für afrikanische Mannschaften bei der ersten WM auf ihrem Kontinent kann indes auch keine Rede mehr sein, Temperaturen dieser Art sind eher Spieler von der Nordhalbkugel gewöhnt.

Viel schlimmer als die Mannschaften trifft es das Land und seine erhoffte WM-Stimmung. Denn in Südafrika gibt es sehr viele Menschen, die sich weder eine Heizung noch ein Heim in einem gut isolierten Haus leisten können. Und da verschwindet so eine Fußball-WM, auch wenn sie im eigenen Land stattfindet, schnell hinter existentiellen Problemen.

Dienstagabend. Im Ellis Park, Johannesburg, sprechen viele vom kältesten WM-Spiel aller Zeiten. Ein paar Kilometer weiter liegt das Township Alexandra zur gleichen Zeit im Dunkeln, zumindest die ersten Straßenzüge neben der Autobahn. Stromausfall, wie so oft. Statt Brasilianer und Nordkoreaner beim Fußballspielen im Fernsehen zuzuschauen, versammeln sich einige Menschen auf den Straßen um kleine und größere Feuerstellen. Die meisten sitzen in ihren Häusern zusammen und haben die Vorhänge zugezogen. Es liegt eine fast gespenstige Stimmung über diese sehr eng aneinanderliegenden Gemäuer. Die Fußball-Weltmeisterschaft mit ihren Millionenumsätzen ist von hier aus gesehen so weit weg wie der Südpol vom Ballermann.

Wer dennoch mal rausgehen, mit Gleichgesinnten in einem Shabeen, einer Township-Kneipe, die WM erleben will, muss lange suchen. Selbst dort, wo es Strom gibt. Die meisten Shabeen-Besitzer in Alexandra rücken auch während dieser WM nicht von ihrer Gewohnheit ab, unter der Woche zu schließen. Und so dauert es eine Weile, bis irgendwo ein Flachbildschirm flimmert, davor quetschen sich je fünf dick eingepackte Männer Schulter an Schulter auf drei Bänke und wärmen sich gegenseitig. Als Brasilien das erste Tor schießt, jubelt hier und da einer kurz, dann ducken sie sich wieder in ihre Anoraks und wärmen sich gegenseitig.

Kaum Zuschauer im Fanpark

"In Johannesburg kommen immer mehr Leute in unsere Suppenküchen", berichtet Garth Niemand, Sprecher der südafrikanischen Heilsarmee. Die Ärmsten, die Obdachlosen und auch viele Alleinerziehende suchten Decken und warmes Essen. Die Heilsarmee rief die Bevölkerung zu Spenden auf. Decken, Kleidung, vor allem Kinderklamotten, sowie haltbares Essen wie Tütensuppen zum Aufkochen sind gewünscht.

Von Alexandra ist es nicht weit zum Fanpark in Sandton. Der Ort wurde auch deshalb ausgewählt, weil er genau zwischen dem reichsten Johannesburger Stadtteil Sandton und dem teils berüchtigten Township liegt. Fußball als Treffpunkt zwischen Arm und Reich. Das klappt mitunter sogar, vor allem wenn die Südafrikaner spielen. Die ersten beiden Partien gegen Mexiko und Uruguay sahen hier mehr als die eigentlich zugelassenen 20.000 Menschen, trotz der Kälte. An den anderen Tagen aber ist hier nichts los.

"Das ist das Risiko einer Freiluftveranstaltung", sagt Jessica Lehr. Sie kam vor zehn Jahren aus Gelnhausen nach Südafrika und leitet nun den Fanpark für die Fifa. Sie betont, dass sie als Fifa-Offizielle nur Fakten, aber keine Einschätzung geben wird. Fakt eins also: "Die Leute hier sind eine solche Kälte nicht gewohnt, sie sitzen lieber zu Hause." Fakt zwei: "Wir würden uns mehr ausländische Touristen im Fanpark wünschen."

Hinter dem Verkaufszelt der beiden Inder rattert derweil ein Generator, sein Getöse vermischt sich mit "Waka, Waka - this is time for Africa", dem offiziellen WM-Lied von Shakira, das von der Bühne herüberhallt. Der Strom reicht gerade aus, damit im Zeltinneren eine Lampe leuchtet und davor ein Wasserkessel dampft. Der erste Gedanke beim Anblick des Kessels führt unweigerlich zu einem Glühwein-Geschmack im Mund, doch ein heißer Tee tut es auch. Vielleicht bleibt ja dieses Bild von der ersten WM in Afrika hängen: Fußball gucken mit einer Tasse Tee in der Hand.

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