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WM 2010: Südafrika:Fußball mit einer Tasse Tee

Die WM in Südafrika ist das kälteste Fußballfest aller Zeiten. Ein Besuch in leeren Fanparks, bei frierenden Fußballfans und Menschen, die neben einem Holzkohlegrill nächtigen müssen.

Johannesburg, Public Viewing im Stadtteil Sandton, am Donnerstag gegen 17.50 Uhr: Die Sonne ist vor 20 Minuten hinter der hausgroßen Bühne mit der Leinwand verschwunden, auf der Otto Rehhagel gerade seinen seltsamen Sieg gegen Nigeria feiert. Da beginnt die Flucht. Die vielleicht 100 Besucher eines von zwei offiziellen Fanfesten (wie hier Public Viewing heißt) in der Stadt hetzen zum Ausgang. Die meisten sind sauer, weil schon wieder eine afrikanische Mannschaft verloren hat, doch das ist nicht der Grund für ihre Eile. Sie wollen nach Hause, dorthin, wo es warm ist.

Ein Verkäufer in einem Township in Pretoria wartet auf Kunden - die nicht kommen.

(Foto: afp)

Die Temperatur fällt in diesen Minuten unter den Gefrierpunkt. Hinter der Bühne formen etwa 30 Zelte auf einer Wiese ein Rondell, dort sollen die erwarteten Massen essen und trinken. Doch in den Zelten warten halb vermummte Menschen auf Kunden, die nicht kommen an diesem Nachmittag, erst recht nicht später am Abend. "Oh Mann, es ist kalt", klagt ein junger Inder, der um 18 Uhr seine ersten Samoosas, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, für 2,50 Euro verkauft. Nur zum Geldwechseln zieht er seine Hände aus den Taschen und hebt das Kinn über den Kragen seines Anoraks. Er zittert leicht unter all den Kleidern, dabei hat er das Schlimmste noch vor sich: Weil der Weg nach Hause - etwa 200 Kilometer vor Johannesburg - zu weit und beschwerlich wäre, schlafen er und seine Mitarbeiter in diesen vier WM-Wochen hier im Zelt. Neben einem Holzkohlegrill.

Über Südafrika ist pünktlich zur ersten WM-Woche eine Kältewelle hereingebrochen, die selbst schlimmste Befürchtungen übertrifft. Minus 3,2 Grad Celsius meldete der Wetterdienst für Johannesburg am Donnerstagnachmittag kurz nach der Dämmerung, was den bisherigen Minusrekord der Stadt aus dem Jahr 1994 um 0,2 Grad unterbietet. Beim Spiel Frankreich gegen Mexiko in Polokwane am Abend wurden gar minus 10,3 Grad gemeldet. Die Zeitung The Star zeigte am Freitag auf ihrer Titelseite etwas hämisch die dick eingepackte französische Ersatzbank unter der Frage: "Can you feel it?"

Was auch immer noch bei dieser WM passieren wird, sie hat schon jetzt einen Titel sicher: die kälteste WM aller Zeiten.

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