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WM 2010: Streiks in Südafrika:Kratzer auf dem Jubelbild

Proteste, Streiks, Sitzblockaden - in Südafrika geschieht, was die Organisatoren fürchten: Die sozialen Probleme des Landes beeinflussen die Fußball-WM. Dem Turnier drohen massive Störungen.

Thomas Hummel, Johannesburg

In der sehr vitalen Radiolandschaft in Johannesburg dauerte es nicht lange, und die Sender riefen ihre Hörer zu Diskussionen auf. Sie stellten eine Frage, die derzeit Südafrika spaltet: Dürfen Arbeiter während der Fußball-Weltmeisterschaft streiken? In vier Stadien haben Angestellte von privaten Sicherheitsfirmen in den vergangenen drei Tagen die Arbeit niedergelegt und besonders vor und nach einigen Partien einigen Ärger ausgelöst. Busfahrer in Johannesburg stoppten ihre Fahrzeuge, um sich über Überstunden zu beschweren. Wesentlich gravierender ist allerdings, dass die Arbeiter des halbstaatlichen Energieversorgers Eskom mit Streik drohen.

Sitzstreik vor dem Moses-Mabhida-Stadion in Durban nach dem Spiel Deutschland gegen Australien.

(Foto: ap)

Das Gesetz lässt in Südafrika einen Streik zu allen Zeiten zu, die Ausstände sind also legal. Was das Land mehr beschäftigt, ist indes die moralische Frage, schließlich schaut die ganze Welt derzeit auf Südafrika und die Nation sorgt sich um nichts mehr, als für diese Welt ein gutes Bild abzugeben. Für viele passen da Arbeitsniederlegungen nicht dazu. WM-Chef-Organisator Danny Jordaan klagte: "Wir haben Respekt vor den Rechten der Arbeiter, aber es ist inakzeptabel, die Abläufe an einem Spieltag zu stören."

Es begann am Abend des Spiels Deutschland gegen Australien in Durban, als Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes per Sitzblockade gegen die niedrige Bezahlung protestierten. Die Polizei ging mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die etwa 400 Demonstranten vor. In Kapstadt blieben noch Minuten vor dem Anpfiff der Partie Italien gegen Paraguay viele Plätze leer, weil die Angestellten keine Sicherheitskontrollen mehr durchführten. Auch in Johannesburg, sowohl in Soccer City wie auch in Ellis Park, protestierten Arbeiter gegen niedrige Löhne. Am Dienstagabend blockierten 700 Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma einen Eingang vor dem Spiel Brasilien gegen Nordkorea.

Dabei wirft dieser Konflikt ein Licht auf die gesellschaftlichen Probleme des Landes, den außergewöhnlichen Abstand zwischen Arm und Reich und den bisweilen schäbigen Umgang mit seinen Angestellten.

19 Euro für 19 Stunden Arbeit

Beim Streik am Moses-Mabhida-Stadion in Durban wurde bekannt, dass die privaten Sicherheitsdienste neue Mitarbeiter für die WM eingestellt hatten. Die Verträge laufen zumeist über drei Monate - beinhalten aber kein Gehalt. Ein Gewerkschaftssprecher sagte, dass die meisten Unternehmen, die mit der Fifa einen Vertrag haben, den Mitarbeitern mündlich ein gewisses Tagesgehalt versprochen hätten, ihnen nun aber wesentlich weniger ausbezahlen. Demnach seien 500 Rand (50 Euro) pro Tag vereinbart, am Ende bekämen die Arbeiter nur 190 Rand (19 Euro).

Manche hätten sogar gar nichts erhalten, weil das Geld per Briefumschlag überreicht worden sei, und offenbar einige zwei Umschläge abholten, während andere leer ausgingen. Ein Sicherheits-Mitarbeiter in Durban sagte der Times, er habe am Tag des Deutschland-Spiels von morgens 6.30 Uhr bis eineinhalb Stunden nach Mitternacht gearbeitet. "Wir sind keine Sklaven. Die 190 Rand sind eine Beleidigung."

Vor dem Ellis-Park-Stadion sagte ein Angestellter der Zeitung The Citizen, er habe 1200 Rand (120 Euro) für seine schwarze Uniform bezahlen müssen und auch für sein Essen während eines Arbeitstages müsse er selbst aufkommen. Einige seiner Mitarbeiter übernachteten zwischen den Spielen in einem nahegelegenen Stadion, weil sie nicht genug Geld hätten, nach Hause zu fahren. In Johannesburg hatte es in der Nacht zum Mittwoch minus zwei Grad Celsius. Die betroffenen Sicherheitsfirmen gaben zu alldem keinen Kommentar.

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