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WM 2010 in Südafrika:32 Kugeln und Charlize Theron

Die Welt blickt zur Auslosung nach Südafrika. Die deutsche Abordnung ist "einen Tick aufgeregt" - wegen der möglichen Gruppengegner und der Angst vor dem Lagerkoller.

Es wird eine ganz andere WM werden, so viel steht fest für Oliver Bierhoff sieben Monate vor dem Beginn der nächsten großen Fußballmesse. Diese Prognose hat zunächst nichts damit zu tun, dass das Turnier zum ersten Mal in seiner dann 80-jährigen Geschichte auf dem Kontinent Afrika stattfindet, sondern mit der profanen Tatsache, dass in Südafrika Winter ist, wenn der nächste Weltmeister ermittelt wird.

WM 2010 in Südafrika

Am Freitag werden die Gruppen zur Fußball-WM ausgelost.

(Foto: Foto: AP)

Zwischenzeitlich gab es zwar mal die kühne Überlegung bei der Fifa, das Turnier um drei Monate zu verschieben, aber diese Erwägungen hat man schnell wieder fallen lassen: Die praktischen Hindernisse und Widerstände wären zu groß gewesen.

So wird das große Sommervergnügen der Fußball-Welt diesmal Spuren von Wintersport tragen, mit Trainern, die in dicken Jacken auf der Bank sitzen und Zuschauern, die auf den Tribünen frieren. "Die Leute vor dem Fernseher werden die Kälte nicht spüren, aber es werden ganz andere Bilder sein", weiß der deutsche Teammanager Bierhoff, der den südafrikanischen Winter von Ausflügen ins deutsche Teamquartier im Hochland von Gauteng kennt. "Tagsüber sind es 18 Grad, aber um fünf Uhr nachmittags ist es stockdunkel und kalt", lautet sein Wetterbericht.

Die Bilder, die an diesem Freitag aus Kapstadt von der Auslosung der WM in die Welt gesendet werden, trügen also ein wenig. In Kapstadt herrscht Sommer, die Sonne glüht vom Himmel - und die komplette Drei-Millionen-Stadt am Südzipfel des Kontinents scheint sich zum Empfang der übrigen Welt in einen Ameisenhaufen verwandelt zu haben.

Allein 500 Reinigungskräfte schwirren derzeit mit Bohnerbesen und Handfegern durch das neue, prachtvoll elegante Stadion, das Mitte Dezember einsatzbereit dem Bauherrn übergeben werden soll. An allen Ecken und Enden zumindest der neuralgischen Punkte im Zentrum wird gebaut, gearbeitet, geputzt, gepflanzt, und überall hat die in Heerstärke angetretene Polizei ein wachsames Auge darauf.

Wenigstens für diesen Tag und diesen Abend wollen Kapstadt und Südafrika der Welt beweisen, dass die skeptischen Kommentare, die der Operation WM vorausgingen, unverdient waren. Und selbstredend wird auch diese Auslosung als kultisches Fest für die ganze Völkerfamilie inszeniert. Die Fernsehübertragung erreicht angeblich 200 Länder und 250 Millionen Menschen, zur Freude der Zuschauer bieten die Organisatoren unter anderen die Schauspielerin Charlize Theron auf und einen Gospelchor aus Soweto.

Doch eigentlich geht es wie immer nur um die 32 Kugeln mit den Namen der Teilnehmer. Spätestens ab Freitagabend um etwa 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit dürften die Würfel gefallen sein. Im Auditorium des Kongresszentrums sitzen außer dem DFB-Manager Bierhoff auch die Trainer Joachim Löw und Hans-Dieter Flick, "einen Tick aufgeregt", wie sie einräumen.

Im Video: Der Manager der Nationalmannschaft über mögliche Gegner, die Nervosität vor der Auslosung und den Austragungsort Südafrika.

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Auf das paranormale Losglück, die Deutschen traditionell begleitet, ist kein Verlass. Bierhoff ist zwar mit der Erwartung angereist, "dass eine WM-Auslosung immer entspannter ist als eine EM-Auslosung", aber dann hat er sich das Tableau angeschaut und den härtesten Ernstfall kombiniert: Elfenbeinküste, Frankreich und die USA, diese Lösung ist ebenso möglich wie die Gegnerfolge Algerien, Neuseeland, Slowakei.

Auf jeden Fall wissen die Deutschen ab Freitagabend, wie ihr weiteres Leben verlaufen wird, denn Löws Assistent Flick hat einen Terminplan für alle denkbaren Gegnerkonstellationen aufgestellt. Von der Gruppeneinteilung hängt ab, an welchem Tag die Nationalelf ins Turnier startet und davon wiederum die Vorbereitung auf das Turnier.

Bereits drei Tage nach dem letzten Bundesligaspieltag (8. Mai) will der Bundestrainer die Mannschaft zu einem finalen Leistungstest versammeln. Anschließend sind ein paar Ferientage vorgesehen, danach ein wenigstens zwei Wochen dauerndes Trainingslager, entweder in Südtirol oder am Wörthersee. Drei Testspiele stehen auf dem Programm, eines davon wird in Aachen gegen Malta bestritten. Sieben Tage vor dem ersten Turnierspiel soll die Anreise erfolgen.

Furcht vor den leeren Stunden

Bis dahin wird Bierhoff mit der Gestaltung des Teamquartiers, das mutterseelenallein im Steppenland zwischen den Großstädten Johannesburg und Pretoria liegt, noch viel Arbeit haben. Die leeren Stunden zwischen den Spielen fürchten die Deutschen beinahe mehr als ihre Gegner. "Man ist dann eingeschlossen in irgendwelchen Räumen und hockt aufeinander. Das wird nicht einfach", ahnt er. Aus Sicherheitsgründen wird sich die Bewegungsfreiheit der Spieler aufs Hotelgelände beschränken: "Wir können den Spielern nicht sagen: Nehmt euch mal ein Auto und fahrt irgendwo hin."

Die Vermeidung des Lagerkollers könnte ein wesentlicher Faktor für Erfolg oder Misserfolg werden, selbst während der fürsorglichen Fan-Belagerung bei der Heimat-WM hatten die Spieler Gelegenheit, voreinander Reißaus zu nehmen. Dennoch sagt Bierhoff: "Nach den Ergebnissen der vergangenen WM-Turniere müssen wir einfach das Ziel haben, Weltmeister zu werden."

© SZ vom 04.12.2009/jüsc

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