Süddeutsche Zeitung

WM: Deutschland im Achtelfinale:Das Glück hat einen Namen - Mesut Özil

Das 1:0 der Deutschen gegen Ghana bringt beide Mannschaften ins Achtelfinale der Fußball-WM. Die DFB-Elf triumphiert dank eines Traumtores von Mesut Özil gegen starke Ghanaer, die nun auf die USA treffen. Deutschland tritt zum Klassiker an - gegen England.

Arne Friedrich sank auf die Knie, als sei er nun bereit, zum Ritter geschlagen zu werden. Per Mertesacker, der Hüne, sank ebenfalls auf den Rasen von Johannesburgs Soccer City, um Friedrich in die Arme zu schließen. Es war das Schlussbild der Partie Deutschland gegen Ghana. 1:0 (0:0) hatten die Deutschen gewonnen und sich damit fürs Achtelfinale der WM qualifiziert. Eine gute Minute später gab es ein zweites Schlussbild des Abends, als Andre Ayew mit der ghanaischen Fahne über den Platz rannte wie ein Sieger, glücklich winkend, jubelnd und froh.

Da die Australier Serbien besiegt haben, sind die Ghanaer mit der knappen Niederlage ebenfalls fürs Achtelfinale qualifiziert, so dass dieser Fußballabend etwas vorherbrachte, was im Wettkampfsport selten ist: zwei Sieger. "Es war ein unheimlich intensives Spiel", sagte ein mitgenommener, ein erschöpfter Bundestrainer Joachim Löw nach dem Schlusspfiff.

Da es zuvor um nicht weniger als die nähere Zukunft des deutschen Fußballs gegangen war, hatte Löw seine Elf ein wenig umgebaut - obwohl, ehrlich gesagt, nicht nur deshalb. Die Hereinnahme von Cacau als Mittelstürmer war der Sperre Miroslav Kloses geschuldet, und die Aufstellung Jérôme Boatengs als Linksverteidiger ergab einen doppelten Sinn.

Feinstes Öl ins Feuer

Zum einen hatte Holger Badstuber auf dieser Position gegen Serbien nicht immer gut ausgesehen, zum anderen standen so beide Boatengs auf dem Platz, einer für Ghana, einer für Deutschland; Löw mag sich gedacht haben: Wenn das Spiel schon derart brisant ist, gieße ich noch ein großes Fass feinsten Öls ins Feuer. Dann weiß auch der Letzte, worum es geht.

Es entwickelte sich allerdings keineswegs eine durchweg hitzige Partie, sondern eine phasenweise so erstaunlich langsam geführte, dass die Zuschauer im Stadion von dem Verdacht beschlichen wurden, die Super-Zeitlupe habe sich der Realität bemächtigt. Dieser Eindruck verstärkte sich, weil manche Szenen sehr wohl in normalem Tempo gespielt wurden.

Da wäre als erste jene zu nennen, in der Bastian Schweinsteiger im Strafraum der Ghanaer seinen Mitspieler Sami Khedira mit einem angedeuteten Fallrückzieher umtrat (8. Minute). Und als zweite schon die erste Torchance der deutschen Elf. Lukas Podolski schlug eine scharfe Flanke in den Strafraum, wo der Ghanaer Jonathan Mensah den Ball so unglücklich abfälschte, dass Torhüter Richard Kingson zu einer ersten guten Parade gezwungen wurde.

Die Mannschaft Ghanas hatte nicht vor, sich zu verstecken, das zeigte sich bald. Immer wieder entwickelte sie schnelle Spielzüge, bereits nach knapp einer Viertelstunde musste Bastian Schweinsteiger in höchster Not vor Asamoah Gyan klären, der bereits zwei Treffer im Turnier erzielt hatte; allerdings beide per Elfmeter. Die Deutschen antworteten, indem sie ihrerseits einmal schnell nach vorne kombinierten. Thomas Müllers weite Flanke fand Lukas Podolski, der allerdings wohl noch die Schuhe aus der Partie gegen Serbien an den Füßen trug: Er schoss sofort, traf jedoch den Ball nicht voll.

Lahm fälscht richtig ab

Mit zunehmendem Spielverlauf zeigte sich, dass die deutsche Abwehr ein Problem hat, mit dem sie in dieser Form wohl nicht gerechnet hätte. Während Arne Friedrich sicher stand und keinen Zweikampf verlor, wirkte Per Mertesacker unsicher. Mehrmals landete der Ball beim Gegner, nachdem Mertesacker Annahmen und Stoppversuche misslungen waren. Zum Glück für ihn blieben die kleinen Fehler folgenlos.

Mesut Özil schien mit der Rolle des Spielmachers zunächst auf eigentümliche Weise nicht zurecht zu kommen, es wirkte bisweilen, als verstecke er sich in der Gruppe. Dennoch war er es, der die beste Chance der ersten Halbzeit hatte. In der 25. Minute lief er plötzlich allein aufs Tor der Ghanaer zu, das musste es sein, Soccer City rumorte bereits vor Erwartung, doch Özil schoss Torwart Kingson an, dessen in Lilatönen schattiertes Trikot offenbar eine magische Anziehungskraft ausübte.

Ausgeglichen war die Begegnung und nicht besonders hochklassig. Im Fußball werden solche Partien unter der Rubrik "Zitterspiel" eingeordnet; für beide Mannschaften geht es um so viel, dass sie nicht imstande sind, ihr wahres Leistungsvermögen zu zeigen (oder, im Fußballdeutsch: abzurufen). Chancen gab es entsprechend auf beiden Seiten. Als Asamoah Gyan in der 26. Minute einen Kopfball aufs deutsche Tor zirkelte, war es Philipp Lahm, der auf der Linie stand und rettete. Als auf der anderen Seite Cacau aus 15 Metern schoss (29.) oder Schweinsteiger eine Freistoßflanke direkt aufs Tor zog (41.), war es jeweils Richard Kingson, der den Flug des Balles vor dem Netz beendete.

Sichtlich unter Druck

In der zweiten Halbzeit entfaltete die deutsche Mannschaft mehr Druck, sie bekam das Spiel besser in den Griff; die Ghanaer zogen sich weiter zurück, was sie in allerlei schwierige Situationen brachte. Schweinsteiger und Khedira trieben die deutsche Elf nach vorn, und nun kam auch Özil mit der Begegnung besser zurecht. Nach genau einer Stunde kam er 18 Meter vor dem Tor an den Ball, er warf einen Blick auf sein Ziel, kurz nur, dann jagte er die Kugel unhaltbar zum 1:0 in Netz.

Lange jubelten die deutschen Spieler, sie waren sichtlich erleichtert; kurz nur jubelte der deutsche Trainer Joachim Löw. Er stand sichtlich unter Druck. Eine Weile leisteten die Ghanaer nun ernsthafte Gegenwehr, einen Schuss von Andre Ayew fälschte Philipp Lahm im wirklich letzten Moment ab.

Dann schien die Kunde von Australiens Führung sich auf dem Rasen in Johannesburg herumgesprochen zu haben, die Ghanaer stellten ihre Bemühungen ein. Erst kurz vor Schluss, als Serbien noch einmal verkürzt hatte, nahm Ghana das Spiel wieder auf, allerdings war es zu spät, um Entscheidendes zu bewegen. Doch durch Australiens Sieg war es eine Niederlage, die die Ghaner kein bisschen betrübte.

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SZ vom 24.06.2010/mikö
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