WM 2010: Deutschland:Badstuber für Badstuber

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Fürs Spiel gegen Ghana muss sich Löw Gedanken um die Aufstellung machen. Nicht nur, weil Klose gesperrt fehlt. Sondern auch, weil Badstuber für seine Leistung gegen Serbien viel Kritik einstecken musste. Doch gibt es eine sinnvolle Alternative?

Johannes Aumüller

Es ist erstaunlich, wie schnell manchmal der Weg in die Stammformation der deutschen Nationalmannschaft verläuft. Kaum jemand kann das derzeit besser beschreiben als Bayern Münchens Abwehrspieler Holger Badstuber.

Bis sechs Wochen vor der WM war er von der Nationalelf so weit entfernt wie der Vuvuzela-Sound vom Kuhglocken-Klang, doch beim FC Bayern hatte er eine überzeugende Saison higespielt - und wer beim FC Bayern eine überzeugende Saison spielt, kann völlig verdient ins Aufgebot eines WM-Kaders rutschen. Dann suchte Joachim Löw wochenlang und fast schon verzweifelt nach einem zweiten Außenverteidiger, testete beim 3:1 gegen Bosnien auch mal Badstuber - und weil der in diesem Test ganz solide spielte, war er zum WM-Auftakt gegen Australien dabei. Dann beeindruckte Deutschland beim 4:0 gegen Australien die ganze Welt - und weil natürlich niemand ein Team ändert, das die ganze Welt beeindruckt, durfte sich Badstuber plötzlich als Stammkraft fühlen.

So rasant kann es im Fußball gehen, doch wie es nun weitergeht, ist ungewiss. Denn nach dem 0:1 gegen Serbien hat sich die Stimmung rund um das deutsche Team gewandelt. Das letzte Gruppenspiel gegen Ghana ist die erste K.o.-Partie, und die vermeintlich früh gefundene Stammformation wackelt in ihrem Stammformationsdasein. Miroslav Klose fehlt ohnehin nach seiner gelb-roten Karte, Lukas Podolski gerät wieder stärker in die Kritik, und Holger Badstuber muss um seinen Platz in der ersten Elf bangen.

Fast acht km/h langsamer

Der Münchner machte gegen Serbien kein gutes Spiel, ein ums andere Mal hatte er ihm direkten Duell gegen Milos Krasic das Nachsehen. Nicht nur das 1:0 bereitete der Spieler von ZSKA Moskau vor, sondern auch noch die eine oder andere gute serbische Gelegenheit zum 2:0. Badstuber war schlicht zu langsam, wie die unerbittlichen Analysedaten zeigten. Während Krasic mit bis zu 30,03 km/h über den Platz spurtete, erreichte der Münchner gerade mal einen Spitzenwert von 22,49 km/h.

Neben Kloses gelb-roter Karte und Podolski verschossenem Foulelfmeter gilt Badstuber nun als dritter Hauptgrund für die Niederlage. Die Kritik von Journalisten und Fans war groß, viele forderten seine frühzeitige Auswechslung und die Bild gab ihm - völlig überzogen - die Note sechs. Doch Löw nahm seinen Außenverteidiger in Schutz: "Badstuber stand vielleicht bei der Flanke zum 0:1 nicht optimal, aber man kann in Unterzahl nicht jeden Angriff des Gegners abfangen, zumal Milos Krasic auch ein sehr guter Mann ist", sagte er nur.

Lahm als Schlüsselperson

Der Bundestrainer tut gut daran, zurückhaltende Worte zu wählen. Denn erstens war es ja seine Entscheidung, Badstuber auf einer Position zu nominieren, die aufgrund mangelnder Schnelligkeit gar nicht dessen ideale Position ist. Der Münchner fühlt sich als Innenverteidiger wohler und hatte als Linksverteidiger auch in München gegen stärkere Gegner Probleme, zum Beispiel in der Champions League gegen Manchester. Und dass gegen Serbien mit Milos Krasic ein ungemein schneller und ungemein starker Spieler würde angerauscht kommen, hätte Löw und seinem Stab klar müssen - auch wenn Krasic beim WM-Auftakt gegen Ghana nicht überzeugt hatte.

Zweitens stellt sich aber auch die Frage nach den Alternativen. Nicht umsonst hatte Löw ja etliche Kandidaten getestet, zwischenzeitlich sogar mal auf Heiko Westermann als Linksverteidiger gesetzt, bevor der sich verletzte. So richtig aufgedrängt hatte sich keiner, weshalb Badstuber eine solide Leistung gegen Bosnien ausgereicht hatte, um in die Startelf zu rücken.

Die einzigen Ersatz-Kandidaten sind derzeit die Hamburger Dennis Aogo und - Ironie der Geschichte - Marcell Jansen. Ausgerechnet jener Jansen, der den Bundestrainer Löw während der EM 2008 in ein Linksverteidiger-Trauma gestürzt hatte, als er im zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien (1:2) eine katastrophale Leistung zeigte. Objektiv sind weder Aogo noch Jansen besser als Badstuber.

Boateng stünde bereit

Nach dem Kroatien-Spiel 2008 reagierte der Bundestrainer übrigens mit einer Entscheidung, die auch in den kommenden Tagen wieder eifrig diskutiert werden dürfte: Er schob Philipp Lahm von der rechten auf die linke Seite. Denkbar wäre das auch nun wieder. Sollte Lahm nach links rücken, stünde rechts wie schon in weiten Teilen der Qualifikationsrunde Jerome Boateng bereit. Boateng aber ausgerechnet gegen Ghana und seinen Halbbruder Kevin-Prince zu bringen, könnte für unkalkulierbare Effekte sorgen, weshalb noch eine weitere Variante möglich erscheint: Arne Friedrich rückt wie schon bei der EM 2008 nach rechts und Serdar Tasci auf die Friedrich-Position in der Mitte.

Das Hauptproblem an diesen Gedankenspielen ist aber, dass Lahm überhaupt nicht als Linksverteidiger agieren will. Er ist im Klub auf die andere Flanke gewechselt, hat sich dort in Fahrt gespielt und gehörte auch bei den beiden ersten WM-Spielen zu den jeweils besten deutschen Akteuren. Lahm fühlt sich rechts einfach wohler als links und ist - da hat er alle Kritiker inklusive Uli Hoeneß widerlegt - rechts auch noch ein bisschen stärker als links. Warum sollte Bundestrainer Löw in dieser Frage einen Konflikt mit seinem Kapitän riskieren? Und warum sollte er wegen eines unglück verlaufenden Spiels die ganze Hintermannschaft umoperieren?

Von daher könnte die Antwort auf die Frage "Wer ersetzt gegen Ghana Badstuber?" durchaus auch "Holger Badstuber" lauten - wie Löw auch in der Pressekonferenz am Samstagmittag andeutete: "Er hat vielleicht einen Fehler gemacht, aber auch andere haben Fehler gemacht. Insgesamt gefällt er mir sehr gut, und er ist einfach eines unserer größten Talente." Zumal dem jungen Münchner dann kein flotter Flügelflitzer internationaler Klasse wie Milos Krasic gegenübersteht, sondern vermutlich Prince Tagoe, der beim Bundesligisten TSG Hoffenheim nicht einmal Stammspieler ist.

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