Süddeutsche Zeitung

WM 2010: Deutsche Elf:Hilflos in die Falle

Das 4:1 gegen England resultiert wieder einmal aus einer vorzüglichen taktischen Leistung von Joachim Löw und DFB-Scout Urs Siegenthaler. Vor dem Viertelfinale muss der Bundestrainer aber einen früheren Fehler vermeiden.

Ob dies auch ein Sieg über Fabio Capello sei, wurde Joachim Löw nach dem Achtelfinalsieg über England gefragt. Der Bundestrainer antwortete mit einem automatisierten "Nein!", dann schnupfte er einmal und blickte etwas verschämt auf den Boden. Ein bisschen war dem 50-Jährigen anzumerken, dass ihm diese Frage schmeichelte, denn immerhin gilt Fabio Capello als Könner. Löw lobte ihn als "hervorragenden Trainer" - um anschließend zu erklären, wie er Capellos englische Mannschaft zerlegt hatte.

Seine Spieler sollten den Engländern hinten das Spiel überlassen, weil diese damit Probleme hätten. Klose sollte John Terry herauslocken, um Lücken in der Abwehr zu schaffen, wohin dann Özil, Müller oder Podolski stoßen sollten. Die Engländer würden irgendwann ungeduldig werden und die Ordnung verlieren. "Wir haben sie kalt erwischt, von Anfang an."

Ein wenig schulmeisterlich wirkten Löws Ausführungen nach dem 4:1-Sieg in den Katakomben des Free-State-Stadions von Bloemfontein schon. Doch selbst Menschen, die einen solchen Auftritt nach einem gewonnenen Spiel nicht mögen, müssen zugeben, dass Löws Worte haargenau der Realität dieses WM-Achtelfinals entsprachen. Der Bundestrainer hat zusammen mit seinem Chefscout Urs Siegenthaler mal wieder einen Gegner beobachtet, ihn seziert, seine Schwächen erkannt und ihm anschließend unlösbare Aufgaben gestellt.

Kunstvoll ausgekontert

Löw und Siegenthaler waren schon bei der WM 2006 für die Spieltaktik verantwortlich und damit maßgeblich beteiligt am verklärten Sommermärchen. Die Schweden und die Polen können davon berichten, übrigens auch die Argentinier. Bei der EM 2008 wurden vor allem die hochfavorisierten Portugiesen Opfer der deutschen Ausrichtung - und jetzt England.

Es war faszinierend zu sehen, wie die Engländer den Deutschen in die Falle gingen, wie sie hilflos ihre Schwächen offenbaren mussten: Sie konnten gegen einen defensiven Gegner das Spiel nicht machen, und das völlig überschätzte Mittelfeld mit Frank Lampard und Steven Gerrard kam bei Ballverlust viel zu langsam zurück. Vor allem die angeblichen Stars von der Insel (auch Wayne Rooney) hätten die offene Feldschlacht bevorzugt, doch die Deutschen verweigerten sich. Um den Gegner dann kunstvollendet auszukontern.

Löw und Siegenthaler wissen, dass die nächste Aufgabe ungleich schwerer wird. Argentinien spielt vor allem taktisch auf höchstem Niveau und versucht selbst, aus sicherer Defensive über orkanartige Überfälle zum Erfolg zu kommen. Vor dem Testspiel im März stimmte Löw über diesen Gegner wahre Hymen an. Er redete ihn noch stärker als er ohnehin schon ist, was dazu führte, dass die eigene Elf auf dem Feld förmlich in Ehrfucht erstarrte. Ein solch psychologisch-taktischer Fehler ist einzigartig in der DFB-Karriere des Joachim Löw. Er darf ihn nicht wiederholen.

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