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WM 1970:Als das Jahrhundertspiel verloren geht

Die deutsche Elf unterliegt Italien dramatisch, Pelé wird ein letztes Mal Weltmeister. Erinnerungen an die WM 1970, die als eine der besten überhaupt gilt.

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Aztekenstadion in Mexiko City während der WM 1970; WM 1970

Quelle: imago/WEREK

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Als am 31. Mai 1970 - vor 50 Jahren - die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko beginnt, ist vieles anders. Erstmals wird eine WM in Farbe im Fernsehen übertragen. Erstmals dürfen die Nationaltrainer zwei Spieler pro Partie auswechseln - wegen der großen Hitze. Erstmals dürfen die Schiedsrichter gelbe und rote Karten verteilen, auch wenn die Rote kein einziges Mal gezückt wird. So gut wie 1970 ist das Niveau bei einer Weltmeisterschaft noch nie gewesen. Es kommt sogar zu zwei Jahrhundertspielen. Ein Rückblick auf vier denkwürdige Turnierwochen in Mexiko.

Kader BR Deutschland für die WM 1970 hi v li Wolfgang Overath Max Lorenz Hannes Löhr Uwe Seele; WM 1970

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Die deutsche Elf schlägt für die WM ihr Quartier in Léon auf. Die Spieler erholen sich im idyllischen Garten, sie baden im Pool und trinken am Beckenrand Bier. Gerd Müller nennt es "das Paradies". Entspannt erreichen die Deutschen nach Siegen gegen Marokko, Bulgarien und Peru das Viertelfinale. Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Berti Vogts, Wolfgang Overath, Reinhard Libuda, Uwe Seeler und Gerd Müller gehören zum Kader, sie spielen groß auf und haben bei dem Turnier viel vor.

Reinhard Stan Libuda BR Deutschland gegen Terry Cooper England; WM 1970

Quelle: imago/Horstmüller

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Am 14. Juni 1970 im Viertelfinale gegen England steht die deutsche Elf kurz vor dem Aus (im Bild: Libuda). 0:2 liegt das Team von Helmut Schön nach 49 Minuten zurück. Doch dann gelingt Beckenbauer in der 67. Minute nach einem Solo-Lauf der Anschlusstreffer, in der 82. Minute trifft Seeler mit dem Hinterkopf zum Ausgleich. Die Verlängerung beginnt und die Engländer werden zunehmend müder. In der 108. Minute flankt Hennes Löhr, Gerd Müller ist zur Stelle und entscheidet die Partie. Es ist das aufsehenerregendste Fußball-Spiel, das bis dahin bei einer Weltmeisterschaft gegeben hat. Manche sprechen vom Spiel des Jahrhunderts. Doch nur drei Tage später wird es noch dramatischer ...

WM 1970 Deutschland - Italien

Quelle: dpa

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Die deutsche Elf reist zum Halbfinale gegen Italien nach Mexiko-Stadt. Die Sonne brennt unbarmherzig. 102 000 Zuschauer sind im Aztekenstadion, nach dem packenden Auftritt im Viertelfinale feuern die meisten die deutschen Spieler an. Die Italiener werden nach ihren schwachen, passiven Auftritten im Turnier sogar ausgebuht. Die Partie beginnt um 23 Uhr europäischer Zeit, ins Bett gehen vor dem Schlusspfiff nur wenige.

WM 1970: Karl Heinz Schnellinger (BR Deutschland) erzielt gegen Torwart Enrico Albertosi (Italien) das Tor zum 1:1; WM

Quelle: imago images/Horstmüller

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Nach sieben Minuten geht die italienische Mannschaft in Führung. Die deutsche Elf kämpft, erspielt sich Chancen, ärgert sich über nicht gegebene Elfmeter, doch sie trifft nicht. Nach einem Foul schmerzt Beckenbauer die rechte Schulter, der Arm wird schließlich mit Klebeband an seinen Oberkörper fixiert. Es sieht danach aus, als würde Italien den Vorsprung über die Zeit retten, Trainer Schön gibt dem Sport-Informations-Dienst auf der Bank bereits ein Interview. Doch in der Nachspielzeit flankt Jürgen Grabowski noch einmal vor das Tor, der in Mailand spielende Karl-Heinz Schnellinger (im Bild) streckt das Bein aus und trifft. Es ist das einzige Länderspiel-Tor seiner Karriere. Die Verlängerung ist erreicht, doch nun beginnt erst der Wahnsinn dieses Spiels.

WM 1970 Deutschland - Italien

Quelle: Lothar Heidtmann/dpa

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Die Spieler (im Bild: Beckenbauer) werden auf dem Platz massiert, das England-Spiel hat gezehrt, manche haben Wadenkrämpfe. Sie rappeln sich auf. Müller dreht richtig auf, nach einer Ecke bringt er die deutsche Elf in der 95. Minute in Führung. Doch drei Minuten später wehrt Angreifer Siegfried Held einen Ball ungeschickt ab, direkt vor die Füße von Tarcisio Burgnich. Italien gleicht aus - und geht in der 103. Minute erneut in Führung. Luigi Riva trickst Schnellinger mit einem Haken aus und zielt ins Toreck. Doch wieder ist Müller da: Mit einem Hechtsprung kommt er an die Flanke von Libuda, 3:3. Elfmeterschießen gibt es zu dieser Zeit noch nicht, würde es Unentschieden nach Verlängerung stehen, würde das Los über den Sieger entscheiden. Doch es kommt anders.

WM 1970 Deutschland - Italien

Quelle: Lothar Heidtmann/dpa

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Gianni Rivera (im BiId mit Uwe Seeler), der eben noch enttäuscht ins Tornetz gebissen hat, schießt Italien eine Minute später ins Finale. Die deutsche Elf ist nach dem eigenen Treffer kurz unsortiert, Rivera steht ganz allein am Elfmeterpunkt und trifft. Es ist vorbei. Fünf Tore in der Verlängerung bei einer WM-Partie sind bis heute unerreicht geblieben. Nie zuvor und danach ist ein Spiel derart dramatisch gewankt, nie war die Spannung derart unglaublich.

1970 FIFA World Cup - West Germany v England; WM 1970

Quelle: Popperfoto via Getty Images

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So ein Spiel, sagt Gerd Müller (im Bild) Jahre später, "das kriegt man nie mehr aus dem Kopf. Ich könnte heute noch wahnsinnig werden". Bei der Abfahrt aus dem Stadion bricht Berti Vogts in Tränen aus. Bereits kurz nach Schlusspfiff sprechen viele Zuschauer, Reporter und Spieler vom Jahrhundertspiel - und als das gilt es noch heute. Am Aztekenstadion ist eine Erinnerungstafel angebracht: "17. Juni 1970 - Italien (4) gegen Deutschland (3) - Jahrhundertspiel" steht darauf.

Weltmeisterschaft Finale Brasilien Italien in Mexiko Stadt v li Rivelino Pele Jairzinho all; WM 1970

Quelle: imago/WEREK

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Gerd Müller wird WM-Torschützenkönig, zehn Treffer erzielt er - und präsentiert sich der Welt bei dem Turnier auf seinem besten Niveau. Aber auch das brasilianische Team spielt eine extrem starke WM. Mit dabei sind legendäre Fußballer wie Pelé (im Bild: Mitte), Roberto Rivelino (links im Bild), Jairzinho (rechts im Bild), Gérson oder Tostão. Ohne Probleme erreichen die Brasilianer das Finale gegen Italien, das am 21. Juni 1970 in Mexiko-Stadt ausgetragen wird.

Football. 1970 World Cup Final. Mexico City, Mexico. 21st June, 1970. Brazil 4 v Italy 1. Brazil's Tostao (left) and Pele celebrate the fourth goal scored by captain Carlos Alberto to seal their historic win.; WM 1970

Quelle: Popperfoto via Getty Images

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Pelé köpfelt im Endspiel sein Team schnell in Führung. Als der brasilianischen Abwehr in der 37. Minute ein grober Patzer unterläuft, gleicht Roberto Boninsegna aus. In der zweiten Halbzeit zeigt sich allerdings, dass sich die Italiener beim Jahrhundertspiel gegen die deutsche Elf zu sehr verausgabt haben, sie lassen nach. Gérson trifft zum 2:1, das 3:1 erzielt Jairzinho, ehe Pelé dem Kapitän Carlos Alberto das 4:1 auflegt. Es ist eine Vorführung.

Pele WM Fußball 1970 Mexiko

Quelle: dpa

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Brasilien ist zum dritten Mal Weltmeister - als erstes Team der Welt. Den Pokal Coupe Jules Rimet dürfen sie deswegen mit nach Hause nehmen. Die Spieler und das Land feiern. Eine Ära endet: Es ist der letzte Titel für Pelé, ein Jahr später tritt er ein letztes Mal für die Nationalelf an. Erst 1994 wird Brasilien wieder Weltmeister.

© SZ.de/tbr

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