Wintersport:Zum ganz großen Glück fehlt nur die Hüpfburg

Snowboard - Weltcup in Aspen

Mit hohen Sprüngen zum ersten Weltcup-Podestplatz: Halfpipe-Snowboarder André Höflich in Aspen.

(Foto: Mike Dawson/U.S. Ski & Snowboard/dpa)

Die deutschen Freestyle-Snowboarder blicken auf einen erfolgreichen Winter zurück. Ihre Resultate sind das Ergebnis eines langen Aufbauprozesses, der möglichst weitergehen soll.

Von Thomas Becker

Als Leon Vockensperger vor einer Woche die letzten Salti und Schrauben in die Landschaft von Silvaplana gesetzt hatte, war seine Laune erst wolkig, dann heiter: "Im Training habe ich Tricks gelandet, die konnte ich heute gar nicht zeigen. Aber egal. Ich bin super happy." Wie das zusammenpasst, erklären die nächsten Sätze: "Ich verstehe gerade gar nicht, was abgeht. Friedl zeigt mir den Weltcup-Stand - auf dem ich Dritter bin. Wahnsinn!" Das Wort beschreibt die Saison der Freestyle-Snowboarder ganz gut: Der Friedl, Nachname May, Trainer der Slopestyler, hat mit den Kollegen von Snowboard Germany ein besonderes Kapitel deutscher Snowboard-Geschichte geschrieben. Vockensperger (SC Rosenheim) wurde beim Weltcup-Finale Neunter und als erster Deutscher Dritter der Gesamtwertung. Ein schöner Erfolg - und nicht der einzige.

Die deutschen Halfpipe-, Slopestyle- und Big Air-Athleten haben mit zwei Podestplätzen, vier WM-Finalteilnahmen und einer Silbermedaille bei der Junioren-WM gezeigt, dass sie in der Weltspitze angekommen sind. Die meisten von ihnen kommen aus Bayern. Ihre Erfolge sind das Ergebnis eines langen Aufbauprozesses. "Mit ganz Jungen sind wir gestartet, jetzt sind die in dem Alter, dass sie performen", sagt Bundestrainer Michael Dammert. "Wir haben nicht nur einen erfolgreichen Athleten, sondern viele."

Der Weg dorthin verlief bei jedem anders. Beispiel Vockensperger: "Er hat den größten Schritt von allen gemacht", sagt Dammert, "von außen gesehen, kam er aus dem Nichts, was natürlich nicht stimmt." Schon vor drei Jahren stand der 21-Jährige in einem Weltcup-Finale, hatte dann zwei Jahre Probleme mit dem Syndesmoseband. "Leon ist ein abartiger Kämpfer", meint Dammert, der aber auch ein Talent dafür habe, mitreißend fahren zu können: "Er ist ein natürlicher Entertainer, der es schafft, einem Lust zu machen, selber Snowboarden zu gehen. Im Endeffekt ist es ja eine Show, bei der das Zusehen Spaß machen muss."

Bei den Frauen haben Leilani Ettel und Annika Morgan großes Potenzial

Corona habe in dieser Saison komplexe Planung verlangt, aber auch "einen positiven Drive reingebracht", findet der Bundestrainer. "Jetzt haben wir die Erfolge gefeiert, auf die wir schon eine Weile gewartet haben. Dass es gleich bei so vielen so gut geklappt hat, war eine besonders schöne Überraschung."

So hat sich bei den Frauen Leilani Ettel vom SV Pullach in der Halfpipe in der Weltspitze etabliert und fährt konstant in die Top Ten. Ähnliches gilt für Annika Morgan in Slopestyle und Big Air. Die 19-Jährige (SC Miesbach) steckt im Abi-Stress. Trotzdem buchte sie als WM-Siebte in Aspen das Olympia-Ticket, wurde Sechste im Big-Air-Weltcup und bekam erneut eine X-Games-Einladung. "Ziel ist das Podium bei Olympia", sagt Dammert. Potenzial hat sie noch bei den Doppel-Salti, die sie im Wettkampf noch nicht geschafft hat. "Das muss verfestigt werden auf Trampolin und Landing Bag", sagt Dammert, "das braucht man, um um Medaillen zu fahren."

Am Olympia-Stützpunkt an der Berchtesgadener Christophorus-Schule steht eine Trampolinhalle samt Luftkissen. Es fehlt: besagtes Landing Bag, eine Art Hüpfburg. Aber genau das, sagt Dammert, mache den Unterschied. "Damit können wir auf Weltspitzen-Niveau arbeiten. Japan, Kanada, Österreich, England: Die Nationen mit Landing Bag sind auch die, die auf dem Podium stehen." Er kämpft für bessere Bedingungen, aber allein das Kissen koste einen sechsstelligen Betrag, hinzu komme eine aufwendige Infrastruktur. Frühestens im Sommer 2022 könnte es mit dem Landekissen klappen.

Wenn das Budget kein Hotel mehr hergibt, wird eben gezeltet

Solange fahren die Snowboarderinnen und Snowboarder in den "Banger Park" im fast drei Stunden entfernten Scharnitz bei Mittenwald. "Das ist die Extra-Meile, die jeder von uns gerne geht", sagt Dammert. Und wenn das Budget kein Hotel mehr hergibt, wird dort eben gezeltet: "Das ist kostenloses Team-Building." Als studierter Psychologe spricht er von Reframing: Den Mangel nicht als Belastung sehen, sondern als Chance.

Zudem vertraut Dammert auch auf Einflüsse von außen, womit er auch André Höflich zu einem Schub verhalf. Auf Instagram entdeckte er den in Kanada lebenden Trampolin-Trainer Greg Roe und schrieb ihn an - der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Dammert sagt: "Ich komme vom Geräteturnen: Da ist der methodische Weg, wie man jemandem die Riesenfelge beibringt, seit Jahrzehnten klar. Wir sind eine junge Sportart, da gibt's keine Lehrbücher. Wir entwickeln ständig neue Trainingsansätze."

Dank Roe hat Höflich in der Halfpipe nun den komplexen Double Cork 1260 - dreieinhalb Schrauben plus zwei Salti - perfektioniert. "Das ist der Trick, der ihn immer nach vorn katapultiert", erklärt Dammert, "niemand kann den so stylish wie er. Style drückt ja Sicherheit aus, wie das Zehenspitzenstrecken im Turnen." Auch für Höflich war es die beste Saison. Der 23-jährige Allgäuer erreichte jedes Weltcup-Finale, stand auf dem Podium und wurde WM-Siebter. Einziger Wermutstropfen: Wegen Corona gab es von Greg Roe nur Videos statt Präsenzunterricht. Aber damit wissen sie ja umzugehen: Situationen einfach in einem anderen Rahmen sehen - schon wird aus einem Mangel eine Chance.

© SZ/jki/and/grö/jkn
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