Süddeutsche Zeitung

Wintersport:Wundersames aus der Winterwelt

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Laura Nolte gewinnt das Generationenduell, Anastasija Gubanowa dreht Kringel für Georgien - und Georg Hackl sorgt für Aufsehen. Sechs Geschichten aus Eis und Schnee.

Eispilotin

Der Schauplatz hätte nicht angemessener sein können für das Duell des Winters: Celerina, St. Moritz, die berühmteste Natureisbahn der Welt. Durch diese Röhre mussten sie kommen, die beiden derzeit besten Bob-Pilotinnen der Welt: Kaillie Humphries, 37 Jahre, aus den USA, erste Olympiasiegerin im Monobob bei den Winterspielpremiere in Peking, sowie Laura Nolte, 24, aus Winterberg. Im Weltcup hatte diese Saison bisher mal die eine, mal die andere dominiert. Nun stand in St. Moritz der WM-Titelkampf im Monoschlitten an. Viermal schossen sie die durch die Bahn: Auf die Hundertstelsekunde zeitgleich kamen sie im ersten Lauf am Samstag ins Ziel. Im zweiten und dritten Durchgang war Nolte schneller, und abschließend lag sie vier Zehntelsekunden vorn. "Ich hätte nicht damit gerechnet. Ich dachte, dass Kaillie hier dominiert", sagte Nolte: "Aber ich wollte nicht lockerlassen." Zweierbob-Olympiasiegerin war Nolte schon, nun ist sie Weltmeisterin im Einer und hat Kaillie Humphries in dieser Disziplin abgelöst. Womöglich ein Generationenwechsel im Eis.

Prestigerodeln

Der Rodelrekordweltmeister hat bei der Weltmeisterschaft in Oberhof eine unerwartete Niederlage kassiert Im Einsitzer kam Felix Loch im frostigen Thüringer Wald nur als Viertschnellster in Ziel und musste mit ansehen, wie der ausgerechnet von seinem früheren Mentor Georg Hackl betreute Österreicher Jonas Müller den Titel eroberte. Loch, 33, der zum WM-Auftakt Sprint-Gold gewonnen hatte, lag bereits nach dem ersten Lauf zurück, im zweiten unterlief ihm ein leichter Fehler. Hackl, 56, hingegen war hochzufrieden: "Das tut sehr gut, wenn die persönliche Arbeit mit Erfolg gesegnet wird", verkündete der frühere Weltklasseathlet aus Berchtesgaden: Für ihn ist es der erste Prestigeerfolg seit dem Wechsel zu den Österreichern im vergangenen Frühjahr. In Oberhof wurde Max Langenhan, 23, WM-Zweiter, Bronze gewann der Österreicher David Gleirscher. Die Bilanz des deutschen Teams bleibt herausragend: Die Mannschaft von Bundestrainer Norbert Loch sicherte sich 16 von 27 möglichen Medaillen und acht von neun möglichen WM-Titeln.

Sternstunde

Eines hat Anastasija Gubanowa dem Publikum in Finnland bewiesen: Um die Zuschauer in den Bann zu ziehen, muss eine Eiskunstlauf-Europameisterin keine Vierfachsprünge absolvieren. Gubanowa, 20, tupfte zu ihrer von Bollywood inspirierten Kür fünf Dreifachsprünge aufs Eis und strauchelte nur beim Dreifach-Flip. Das reichte, um die Favoritin, die diesmal nicht fehlerfreie WM-Zweite Loena Hendrickx aus Belgien, in Schach zu halten. Nach einem verunglückten Kurzprogramm rettete sich die deutsche Meisterin Nicole Schott, 26, in der Kür noch auf Platz neun. Anastasija Gubanowa, in St. Petersburg geboren, darf sich nun als Nachfolgerin der Vierfachspringerin Kamila Walijewa fühlen, der eine positive Dopingprobe nachgewiesen wurde, und dieser Triumph ist nicht ohne Ironie: Denn Gubanowa, die in Russland trainiert, geht der dortigen starken Rivalität international aus dem Weg, indem sie seit einiger Zeit für Georgien antritt. Bei der EM waren die Russinnen wegen des Ukrainekriegs nicht zugelassen: Gubanowa hat ihre Sternstunde entschlossen genutzt.

Dreifachgold

Ob Wind, ob Kälte, nichts hat sie in Östersund aufhalten können. Linn Kazmaier, erst 16 Jahre alt, hat bei der nordischen Para-WM am Samstag mit ihrer Kollegin Leonie Walter für einen deutschen Doppelsieg gesorgt. Im Skilanglauf über zehn Kilometer war das Duo in der Klasse mit Sehbeeinträchtigung nicht zu schlagen. Für Kazmaier, Spitzentalent aus Nürtingen, war es das dritte Gold in Schweden.

Bei ihrem Sieg trotzte dem stetigen Gegenwind. "Das war hart", sagte sie, als sie mit ihrem Guide Florian Baumann ins Ziel kam: "Ich habe geschaut, dass ich gut in seinem Windschatten laufe." Leonie Walter, zuvor zweifache Weltmeisterin im Biathlon, lag mit ihrem Guide Pirmin Strecker 25 Sekunden zurück. Paralympics-Siegerin Kazmaier hatte auch im Biathlon der Sehbehinderten auf der Langdistanz über 12,5 Kilometer triumphiert, dazu im klassischen Langlauf. Zudem gewann Anja Wicker bei den sitzend ihre vierte Silbermedaille bei der WM, dazu einmal Bronze. "Östersund ist ein gutes Pflaster für uns", fand Linn Kazmaier.

Traumhaft

Wagemut ist Grundvoraussetzung für diesen Sport, bei dem es Kopf voran in die Eisrinne geht. Überraschende Wendungen darf man ebenfalls erwarten: Susanne Kreher, 24, hat in ihrer jungen Karriere nie einen Weltcup-Wettbewerb gewonnen, seit Freitag ist sie nun Skeleton-Weltmeisterin. Das hätte sie sich "nie erträumt", sagte sie in St. Moritz und lachte. Allerdings werden Triumphe aus dem Nichts langsam zur Tradition im deutschen Team: Bei den Winterspielen 2022 in Peking war die Kollegin Hannah Neise, ohne vorher nennenswerte Erfolge zu sammeln, kopfüber zu Olympiagold gesaust. Christopher Grotheer, der Titelverteidiger in St. Moritz, war diesmal nur Zehnter mit 4,14 Sekunden Rückstand auf den britischen Sieger Matt Weston - auch dies eine Volte des Unverhofften. Entsprechend verärgert reagierte Grotheer: "Ich bin absolut enttäuscht, es war richtig, richtig schlecht." Am Sonntag hat er es dann noch einmal mit Susanne Kreher im neuen olympischen Mixed-Team-Rennen probiert. Und, was soll man sagen: Es wurde traumhaftes Gold.

Flugschau

Andreas Wellinger hat am zweiten Tag des Skiflug-Weltcups am Kulm sein bestes Ergebnis des Winters erreicht. Der zweimalige Olympiasieger segelte auf der mächtigen Schanze auf den vierten Rang, den Sieg sicherte sich wie schon am Vortag Halvor Egner Granerud aus Norwegen. Wellinger, am Samstag noch Neunter, zeigte zwei Sprünge auf je 230,0 Meter und sorgte damit für die zweitbeste Platzierung eines DSV-Athleten in dieser Saison: Karl Geiger war Anfang Dezember in Titisee-Neustadt Dritter geworden, ebenso Markus Eisenbichler in Sapporo. "Ich habe wieder einen Schritt nach vorne gemacht", bilanzierte Wellinger, "ich muss einfach geduldig sein, es dauert nicht mehr lange, dann stehe ich da auch wieder bei der Siegerehrung." Hinter Granerud belegten der Slowene Timi Zajc und der Österreicher Stefan Kraft diesmal die Plätze zwei und drei. Geiger verzichtete auf die Reise, um mit Bundestrainer Stefan Horngacher seine Formschwäche auf der Schanze in Oberstdorf zu bekämpfen. Bis zur WM in Planica sind noch etwas mehr als drei Wochen Zeit.

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