Süddeutsche Zeitung

Wintersport: Ski alpin:Der Erste seit Wasmeier

Ein Deutscher? Auf dem Podest? Im Super G? 19 Jahre nach Markus Wasmeier fährt Stephan Keppler in Gröden urplötzlich auf Rang zwei. Einer ist besonders fassungslos: Keppler selbst.

Stephan Keppler stand schon eine Weile da, er lächelte, während die Kamera auf ihn hielt, und wenn wieder einer der Guten im Ziel war, ballte er die Faust. Solche Bilder sind typisch für ein Skirennen: Der aktuell Führende steht vor einer Sponsorenwand, er wird immer wieder eingeblendet, im Fernsehen und auf der Großleinwand an der Strecke. Aber nun - Stephan Keppler?

Stephan Keppler kann sich noch erinnern, dass er erst einmal vor dieser Wand stand, in Wengen war das, 2007, damals sogar auch relativ lange: Keppler war als Erster gestartet, und der Zweite war gestürzt. Als das Rennen weiterging, waren 25 Fahrer schneller als er, wie so oft. Es gehört zum Alltag in Abfahrt und Super-G, dass die deutschen Männer erst auf Seite zwei der Ergebnisliste auftauchen, wenn überhaupt.

An diesem Freitag aber, beim Super-G von Gröden, war nur einer schneller. Der Österreicher Michael Walchhofer löste Keppler nach über einer halben Stunde ab, und es blieb dann dabei: Walchhofer siegte vor Keppler und Erik Guay aus Kanada. Ein Deutscher auf dem Podest bei einem Speedrennen - letztmals war dies 2004 passiert, auch in Gröden, damals gewann Max Rauffer die Abfahrt. Der letzte deutsche Podestplatz in einem Super-G aber lag schon 19 Jahre zurück: Markus Wasmeier hatte 1991 in Lake Louise/Kanada gewonnen.

"Das war Wahnsinn, wie ich da so lange stand", sagt Keppler, als das Rennen vorbei ist, "ich habe gesehen, wie die Guten Zeit verloren haben", er setzt kurz ab, "das kann man sich nicht erklären." Man kann es allerdings versuchen.

Das Wetter spielte eine Rolle, wie häufig beim Ski alpin: Ab Startnummer 15 schneite es oben, später auch unten, die Sicht wurde schlechter. Dass Keppler mit Nummer sieben starten konnte und nicht wie sonst mit einer Nummer um die 40, war Zufall: Zur ersten Startgruppe fehlt ihm im Gesamtranking ein Punkt, am Vorabend aber sagte der Amerikaner Ted Ligety seine Teilnahme ab, weil er sich auf den Riesenslalom am Sonntag in Alta Badia konzentrieren will; dadurch rückte Keppler auf und wurde auf Nummer sieben gelost.

"Ich sollte Ligety einen Kasten Bier spendieren", sagt Keppler, er grinst. Das Wetter und Ligety leisteten ihren Beitrag, ausschlaggebend aber war beides nicht, Walchhofer startete ja mit Nummer 21. Keppler war einfach ein fehlerfreies Rennen gefahren.

Der 27-jährige Keppler aus Ebingen auf der schwäbischen Alb ist der Erfahrenste im deutschen Speed-Team, aber zuletzt hatte er ihnen Sorgen bereitet. Bei Olympia äußerte er sich abfällig über die Abfahrtsstrecke, die sei für Frauenrennen, aber "keine Strecke für Männer". Bei der Konkurrenz hat das für Verwunderung gesorgt, "wir mussten heftige Kritik für ihn einstecken", sagt Wolfang Maier, Alpindirektor des DSV. Er bekam wütende E-Mails von den anderen Nationen, die fragten, wie man einen Läufer mit einem so schlechten Benehmen zu Olympia schicken könne.

"Ein guter Abfahrer"

Maier hat die E-Mails an Keppler weitergeleitet, und es scheint, als habe das gewirkt. "Er ist ruhiger und konzentrierter", sagt Maier. Keppler hat offenbar verstanden, welches Verhalten in dieser Branche zielführend ist: selbstbewusst sein, aber zurückhaltend, wenn es die Umstände erfordern. "Ein gewinnendes Auftreten", nennt Maier das. Jetzt, fügt er an, müsse man sehen, "wie nachhaltig das ist". Er freut sich über Kepplers Erfolg, aber er ist vorsichtig geworden: Zu oft schon wurden Erwartungen geweckt, die dann enttäuscht wurden.

Doch Kepplers Verbesserung bestätigt einen Trend, der in dieser Saison schon in Ansätzen erkennbar war und sich nun in Gröden deutlich offenbart. Am Donnerstag, beim Abschlusstraining zur an diesem Samstag stattfindenden Abfahrt, war auch dem 21-jährigen Andreas Sander aus Ennepetal ein Ausrufezeichen gelungen: Mit Nummer 64 fuhr er auf Rang drei. Es war nur das Training, aber deutsche Ausrufezeichen waren zuletzt selten; sogar der eigene Physiotherapeut habe ihn gefragt, erzählt Sander, ob er an einem Tor vorbeigefahren sei. Nein: Auch Sander war einfach gut gewesen.

Sander ist eines von ein paar Talenten, die im Schatten der Bedeutungslosigkeit gewachsen sind. Er ist vor zwei Jahren Junioren-Weltmeister im Super-G geworden, und Cheftrainer Karlheinz Waibel sagt, Sanders erstaunlicher Trainingslauf sei kein Zufall gewesen, "er ist ein guter Abfahrer". Das zeigt schon Sanders Statur, 1,77 Meter klein, 90 Kilogramm schwer, er ist ein Kraftpaket. Maier findet, das sei generell auffällig: Die aktuelle Generation der deutschen Skirennfahrer sei athletischer geworden, Sander ist nicht das einzige Kraftpaket.

"Das ist auch eine Frage der Wahrnehmung", glaubt Waibel. Als er den Posten als Cheftrainer vor zwei Jahren antrat, begann er eine Suche nach dem Rennfahrer-Gen, das verloren war im DSV. Dass es nun wieder langsam erkennbar wird, das ist auch Waibels Verdienst. Wichtig war zudem, dass sie begannen, den zweitklassigen Europacup als Chance zu begreifen: Im Gegensatz zu früher werden die Jungen nun immer wieder im Europacup eingesetzt, wo sie sich Selbstvertrauen holen können. Auch Sander wird nach diesem Wochenende zurückgeschickt, und er findet das völlig in Ordnung.

Nach Jahren des Hinterherfahrens haben die Deutschen zwar noch keine dauerhaften Sieganwärter, das nicht, aber sie haben wieder Hoffnung. Am Mittwoch war Maier in Haus im Ennstal, beim Abfahrtscamp der Jahrgänge 1993 bis 1995, er wollte nach dem Rechten sehen. Maier sagt, es habe ihm gefallen, was er gesehen hat.

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Quelle:
SZ vom 18.12.2010/ebc
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