Verurteilung wegen sexueller Attacken:Ein finsteres Kapitel des Wintersports

Lesezeit: 3 min

Shim Suk Hee KOR FEBRUARY 21 2017 Short Track Women s 500m during the 2017 Sapporo Asian Wi; Shorttrack

"Erniedrigende Kehrseite der glorreichen Fassade unseres Landes": Missbrauchsopfer Shim Suk-hee 2017 auf dem Eis.

(Foto: imago)

Südkoreas ehemaliger Shorttrack-Nationaltrainer Cho Jae-beom muss wegen sexuellen Missbrauchs der Olympiasiegerin Shim Suk-hee 13 Jahre ins Gefängnis. Das Urteil ruft das Martyrium der Sportlerin in Erinnerung.

Von Thomas Hahn, Tokio

Es sah schon ein paar Mal so aus, als wäre die wohl scheußlichste Geschichte des südkoreanischen Sports zu Ende. Ende Januar 2019 zum Beispiel, als der Ex-Shorttrack-Nationaltrainer Cho Jae-beom zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, nachdem er die junge Olympiasiegerin Shim Suk-hee immer wieder und am Ende sogar krankenhausreif geschlagen hatte. Dann wieder im Januar 2021, als die Anzeige Shim Suk-hees wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung in einer zusätzlichen zehneinhalbjährigen Gefängnisstrafe für Cho mündete. Und schließlich an diesem Freitag, als der Oberste Gerichtshof in Seoul das Urteil eines Berufungsgerichts bestätigte, wonach Cho wegen sexuellen Missbrauchs sogar für 13 Jahre ins Gefängnis zu schicken sei.

Cho Jae-beom, 40, muss also insgesamt für vierzehneinhalb Jahre in Haft - und damit dürfte dieses finstere Kapitel des olympischen Wintersports wohl endgültig abgeschlossen sein.

Vergessen sollte es allerdings niemand. Der Fall Cho war eine schmerzhafte Entdeckung für den südkoreanischen Spitzensport. Er entfachte weltweit Aufsehen und zeigte, wie hilflos Sportlerinnen der Willkür gewaltbereiter Trainer ausgesetzt sein können. Laut ihrer Rechtsvertretung, der Kanzlei Shin & Kim, traute sich Shim Suk-hee, 2014 in Sotschi mit 17 schon dreimalige Olympiamedaillen-Gewinnerin, jahrelang nicht, die Übergriffe anzuzeigen, weil sie Angst um ihre Sportlerinnen-Karriere hatte. Ihr Martyrium kam erst heraus, als sie kurz vor den Olympischen Heimspielen in Pyeongchang 2018 nach einem besonders brutalen Übergriff Chos die Nationalmannschaft verließ.

Eine Ermittlung folgte, kurz darauf die Suspendierung Chos. Shim Suk-hee war nicht Chos einziges Opfer. "Das enthüllt die erniedrigende Kehrseite der glorreichen Fassade unseres Landes als Sportgroßmacht", sagte damals Südkoreas Präsident Moon Jae-in. Der damalige Vize-Sportminister Roh Tae-kang entschuldigte sich und kündigte an, strengere Regeln gegen Trainergewalt an nationalen Sportzentren einzuführen.

Das Urteil vom Freitag rief noch einmal in Erinnerung, was Shim Suk-hee durchmachen musste im Regime des gewalttätigen Trainers Cho. Es gilt als erwiesen, dass Cho sie zwischen April 2014 und Dezember 2017 27 Mal sexuell belästigte oder vergewaltigte. Beim ersten Übergriff war Shim Suk-hee demnach 17 Jahre alt. Im Prozess dementierte Cho erst. Später sprach er von einvernehmlichem Sex. Deshalb wurde seine Haftstrafe auch noch mal heraufgesetzt. Mit der Behauptung, der Sex sei einvernehmlich gewesen, habe Cho Shim Suk-hee zusätzlichen Schaden zugefügt, fanden die Gerichte.

Textnachrichten gerieten aus den Ermittlungsakten an die Öffentlichkeit - und schürten den Verdacht der Wettkampfmanipulation

Cho Jae-beom hat die Welt der jungen hochbegabten Sportlerin Shim ins Wanken gebracht. Und immer noch plagt diese sich mit den Konsequenzen herum. Nach dem Stress um Cho vor den Heimspielen in Pyeongchang 2018 gewann sie noch Olympiagold mit der 3000-Meter-Staffel. Wegen diverser Verletzungen zog sie sich zunächst aus dem Nationalteam zurück. Sie schloss sich 2020 dem Shorttrackteam der Stadt Seoul an und ist mittlerweile wieder in sehr guter Form. Für Olympia in Peking wäre sie im Grunde schon qualifiziert. Aber es gibt ein Problem.

Im Nationalteam ist Shim Suk-hee gerade suspendiert. Grund: Textnachrichten von ihr aus dem Jahr 2018 an einen nicht genannten Nationalcoach sind aus den Ermittlungsakten an die Öffentlichkeit geraten. In den besagten Nachrichten macht sich Shim über zwei Teamkolleginnen lustig. Schlimmer noch: Eine Stelle lässt den Verdacht zu, sie habe den Ausgang des 1000-Meter-Finals bei den Spielen in Pyeongchang manipulieren wollen. Damals kollidierte sie mit ihrer Teamkollegin Choi Min-jeong. Absichtlich? Um sie zu Fall zu bringen? Choi wurde Vierte, Shim disqualifiziert. Shim Suk-hee hat den Verdacht abgestritten und sich für die abschätzigen Textnachrichten entschuldigt. Nach den Übergriffen von Cho sei es ihr körperlich und seelisch nicht gut gegangen. "Ich konnte die Wut in mir nicht kontrollieren." Deshalb habe sie sich "aggressiv" und "unreif" verhalten.

Die Olympiasiegerin Shim bekam viel Respekt für ihre mutigen Anzeigen. Jetzt muss sie sich selbst rechtfertigen. Eine bittere Pointe. Koreas Eislaufunion KSU hat ihre Ermittlungen zu dem Fall diese Woche abgeschlossen. Die Entscheidung, ob Shim zu Olympia darf, soll im Laufe des Dezembers fallen. Shim Suk-hee muss bangen. Die scheußliche Geschichte mit dem Gewalttrainer Cho Jae-beom ist für sie noch nicht zu Ende.

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