Wintersport Gemeinsam abheben

Die deutschen Kombinierer hatten sowohl beim Teamwettkampf am Samstag (links Jörgen Grabaak im Zielsprint gegen Fabian Rießle) als auch am Sonntag im Einzel keine Chance.

(Foto: imago/Florian Ertl)

Schon zu Beginn der Saison zeigen die Wintersportler, dass sie gute Perspektiven haben. Vor allem die Abteilung Skispringen überzeugt.

Von Volker Kreisl, sid

Stabiler Freitag

Skispringen ist ein psychologisch anspruchsvoller Sport. Es geht um Balance, Konzentration, Selbstvertrauen und den einen kurzen Augenblick beim Absprung. Je nach Erfolg führt das zu Hochgefühlen oder zu elendigen Zweifeln, schlägt sich aber auch in der Mannschafts-Seele nieder. Bei den Deutschen gerade im positiven Sinne: Sie reißen sich gegenseitig mit. Beim ersten Weltcupspringen in Nischni Tagil/Russland hatte das Team alles zu bieten. Einen Qualifikationssieger (Markus Eisenbichler), einen Führenden nach dem ersten Durchgang (Karl Geiger), einen Weltcupsieger nach dem zweiten Durchgang (Richard Freitag) und einen vor Freude in die Luft boxenden Bundestrainer (Werner Schuster). Der war am Samstag auch deshalb aus dem Häuschen, weil Freitag wieder mal eine stabile Auftaktform aufweist - und weil Andreas Wellinger mit einem fabelhaften zweiten Sprung Vierter wurde, sich somit der Form annähert, mit der er zuletzt zweimal WM-Silber gewann. Am Sonntag, so konnte man denken, lasse die allgemeine Aufbruchstimmung nach, doch im Gegenteil: Schusters Springer landeten einen Doppelsieg, Wellinger vor Freitag, Eisenbichler wurde Vierter. Das Team, sagt Wellinger, wachse gemeinsam. Es sei eine Mischung aus internem Wettstreit und der Sicherheit, die der Erfolg bringt. Einer legt eine große Weite vor, der nächste nimmt den Schwung auf und vergisst alle Zweifel, der übernächste will es auch wissen, so funktioniert die Sprungteam-Psyche. Nur ist auch diese tendenziell labil und die Saison 2017/2018 mit Vierschanzentournee, Skiflug-WM, Olympia und Norwegen-Tour noch sehr lang.

Der Einstieg ist jedenfalls gelungen. Überragende Althaus Dies ist wieder ein Winter mit Großereignis, und seit vielen Jahren läuft das im Skispringen der Frauen auf dieselbe Zuspitzung hinaus. 2014, in Sotschi, schnappte Carina Vogt aus Degenfeld der im Weltcup überragenden Japanerin Sara Takanashi Olympiagold weg. 2015, bei der WM in Falun, schnappte die bis dato mäßig starke Carina Vogt der wieder im Weltcup alles überragenden Sara Takanashi WM-Gold weg. Und 2017, bei der WM in Lahti, schnappte Vogt der überragenden Takanashi ... genau. Nun steht also wieder Olympia an, in Südkorea, in Takanashis Nachbarland, wieder hat die Japanerin eine Rechnung offen, wieder könnte Vogt sie überraschen. Andererseits - diesmal könnte auch alles anders kommen, denn diesmal mischt auch Katharina Althaus mit.

Die 21 Jahre alte Oberstdorferin überragte beim Weltcupstart in Lillehammer/Norwegen alle anderen. Sie holte einen zweiten Platz und zwei Siege, nur die Norwegerin Maren Lundby (zweimal Zweite, einmal Erste) verhinderte, dass Althaus schon früh im Gesamtweltcup einen beachtlichen Vorsprung hat. "Ich bin richtig stolz auf die Katharina", sagt Bundestrainer Andreas Bauer. Ihre Sprünge waren nahezu perfekt - auch mit verkürztem Anlauf und schlechteren Windbedingungen gelang Althaus am Sonntag zweimal die Bestweite.

Hält sie die Form, dann bringt sie den gewohnten Saisonablauf durcheinander. Takanashi würde erstmals nicht als überragende Weltcupspringerin zum Saisongipfel reisen, könnte ohne Druck springen, Carina Vogt hinter sich lassen und gewinnen. Wenn nicht Althaus Gold holt.

Vorsichtiger Loch

Die Verunsicherung ist noch zu spüren. Die deutschen Rodel-Männer bleiben vorsichtig. Felix Loch, der Olympiasieger, sagt: "Wir haben gesehen, dass es ganz gut läuft." Und: "Es kann so weitergehen."

Loch hat eine schwere Zeit hinter sich, er ist in den vergangenen zwei Jahren nur noch ausnahmsweise auf Platz eins gefahren, was zu wenig ist für einen, der seit 2007 im Grunde nur verlor, wenn er von Krankheiten geschwächt war. Aber der Rest der weltbesten Rodler holt auf, die Russen Pawlitschenko und Repilow, der Italiener Fischnaller, der Österreicher Kindl kamen ihm nahe oder rodelten besser. Zwei Monate vor den Spielen in Pyeongchang scheint Loch nun wieder auf Kurs zu sein. In Altenberg hat er seinen zweiten Sieg eingefahren und die Führung im Gesamtweltcup ausgebaut. Seine Kufen sind schnell, seine Startzeiten passen, in der Bahn findet er zum alten Rhythmus. Versetzt man sich in die Rolle der Medaillenzähler beim Hauptverband DOSB, dann eröffnet sich mit Lochs Rückkehr wieder die Perspektive auf komplettes Rodelgold. Doppelsitzer und Frauen des Schlittenverbandes BSD sind ohnehin dominant, wie Altenberg gezeigt hat: Toni Eggert und Sascha Benecken gewannen das eine, Natalie Geisenberger (Miesbach) knapp vor Tatjana Hüfner (Blankenburg) das andere Rennen. Trotzdem ist Lochs Vorsicht berechtigt. Bislang siegten die Deutschen nur auf deutschen Bahnen (Winterberg, Altenberg) oder in ihnen zumindest gut bekannten Eiskanälen (Innsbruck-Igls). Ob Loch tatsächlich die Wende schafft, beweist sich nun auf den ungeliebten Strecken Nordamerikas und dann schon bald bei Olympia in Pyeongchang/Südkorea.

Fleißige Pechstein

Claudia Pechstein hat zwei Wochen nach ihrem viel beachteten Sieg über 5000 Meter auch auf ihrer Nebenstrecke über 3000 Meter die nationale Olympia-Norm geknackt. Die Berlinerin wurde beim Weltcup in Calgary in 3:59,13 Minuten Fünfte. Den ersten Teil der Zulassung hatte Pechstein in Heerenveen als Zehnte geschafft. Auch in der Mannschaftsverfolgung hat die 45-Jährige mit Gabriele Hirschbichler und Roxanne Dufter einen Schritt in Richtung Qualifikation für Olympia gemacht. Das Trio sicherte sich in 2:56,76 Minuten Platz zwei hinter Japan. Bei den Männern landete der Erfurter Patrick Beckert mit deutschem Rekord über 5000 Meter auf dem dritten Platz und sicherte sich ebenfalls die nationale Olympia-Norm. Beckert musste sich in 6:10,80 Minuten nur dem Weltrekordhalter Sven Kramer (6:07,04) aus den Niederlanden und dem Kanadier Ted-Jan Bloemen (6:08,54) geschlagen geben.

Heilfrohe Mittermüller

Am Morgen, im Hotel, hatte sich Silvia Mittermüller vor dem Spiegel geschworen, am Abend wieder gesund davor zu stehen - es klappte. "Ich bin heilfroh", sagte Deutschlands beste Freestyle-Snowboarderin. Mittermüller erfüllte mit Platz neun beim Big-Air-Weltcup in Mönchengladbach die nationale Norm für die Winterspiele in Südkorea; die endgültige Qualifikation ist aber noch nicht fix. Am 21. Januar muss der Name Mittermüller auf der akkumulierten Liste der 30 besten Snowboarderinnen des Weltverbandes Fis stehen - nur dann darf sie nach Pyeongchang. Auf dem Weg dorthin steht am 10. Dezember in Copper Mountain noch ein Big Air an, jene Freestyle-Übung, die neben Slopestyle und Halfpipe erstmals olympisch ist. Big Air, das bedeutete in Gladbach, sich eine 49 Meter hohe Rampe hinunterzustürzen. "Für mich ist das Gladiatoren-Snowboarden. Du stehst da oben und dann heißt es: Friss oder stirb", findet Mittermüller. Andererseits: "Es ist schon so eins von meinen Lebenszielen, dieses Olympia abhaken zu können", gibt sie zu. Vor Sotschi 2014 war ihr die Achillessehne gerissen. Sollte sie ihre bisherigen Leistungen bestätigen, sollte sie die Zulassung schaffen - wie Nadja Flemming, die in Gladbach als 16. ebenfalls die Norm erfüllte.