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Wintersport:Gefährliche Rillen im Eiskanal

Ideale Sitzposition

Bobfahren als Abenteuer: die Bayernkurve der Bahn in Rießersee in den fünfziger Jahren.

(Foto: Bob Abteilung SC Riessersee)

Am Rießersee geriet eine der bekanntesten und berüchtigsten Bobbahnen der Welt in Vergessenheit - bis sich ein paar Rentner den Weg zu ihr durchschlugen.

Von Thomas Gröbner

Im Schatten des Waldes über dem Rießersee liegt ein Mythos. Bleich schlängeln sich die Reste der alten Olympia-Bobbahn von Garmisch-Partenkirchen, als hätte sich hier eine urzeitliche Riesenschlange gehäutet und wäre dann in den Rießersee geglitten, dessen Wasser fast bis zur Bahn schwappt. Die Natureisbahn war einst das Herz des deutschen Bobsports, eine der schönsten Bahnen mit gefürchteten Kurven.

Sie war die Heimat des "German Fleischbob", jenes legendären Viererbobs von Andreas Ostler, der mit seiner Besatzung 900 Kilogramm wog und große Löcher und gefährliche Rillen in den Eiskanal riss. Auf dieser Bahn über dem Rießersee wurden Männer zu Olympiasiegern gemacht, auf dieser Bahn starben Olympiasieger.

Und dann, plötzlich, geriet sie in Vergessenheit, und Stille und Gestrüpp wucherten über die Furchen im Wald. Die Schuld daran, da sind sich der alte Bobfahrer Franz Wörmann und Rolf Lehmann einig, trägt der Kilian.

Wenn Lehmann heute durch den restaurierten Kanal der Bobbahn geht, dann streicht der Vorstand der Bobabteilung SC Riessersee zärtlich über das Moos, rüttelt an Holzverschlägen und fischt Steine vom Boden. Inzwischen finden hier wieder Rennen statt - auf historischen Schlitten. Am 12. Februar wird mal wieder ein nostalgisches Rennen auf der restaurierten Bahn ausgetragen.

"Das war mein Baby", sagt Lehmann, "meine Vision." Er erzählt, wie hier seit 1911 Eisblöcke aus dem zugefrorenen Rießersee geschnitten wurden, wie sie aufgetürmt und zusammengefügt wurden zu einem mörderischen Eiskanal. Den die Menschen, die sich auf knarzende Holzkonstruktionen setzten, manchmal nicht beherrschen konnten. "Das waren keine Athleten. Aber mutig waren sie", sagt Lehmann. Früher, wenn ein Mann im Schlitten fehlte, "da hat man einen aus dem Gasthaus geholt und gefragt: "Magst mitfahren?", erzählt er. Lehmann steht in der Bayern-Kurve, eine 180-Grad-Schleife, "weltbekannt", raunt er und zeigt auf ein Kreuz. Darauf eingraviert: die Namen von vier Männern, die hier ihr Leben ließen.

Ganz unten, da steht der Name des Schweizer Schreibmaschinen-Großhändlers und Olympiasiegers von 1948, Felix Endrich. Er ist 1953 das letzte Opfer der Kurve, nachdem er eine Woche zuvor auf derselben Bahn Weltmeister wurde. Diesmal gelingt es ihm nicht, den Bob in der Spur zu halten. Er wird aus der Bayern-Kurve geschleudert, wo seine Frau steht und sieht, was geschieht. Die Beiden waren auf Hochzeitsreise, keine vier Wochen verheiratet. Der Spiegel recherchierte danach, vermaß Neigung und Fliehkraft der Todeskurve und befragte Hanns Kilian, zu dieser Zeit der Präsident des Deutschen Bobverbandes und selbst aus Garmisch. Fazit: Nicht die Bahn sei schuld, sondern die Seil-Steuerung.

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