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Wintersport: Freestyle:Mehr Freigeist, bitte!

Ein "Umdenken" in der deutschen Wintersportkultur kündigen Sportfunktionäre an. Doch das ist schneller gesagt als umgesetzt. Disziplinen wie Freestyle verkörpern einen viel kreativeren und selbständigeren Sportgedanken.

Thomas Hahn

In seiner ganzen Gelassenheit, die er als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes aufbringt, hat Thomas Bach im vergangenen Februar ein paar große Worte ausgesprochen. Und zwar gegen Ende der Spiele von Vancouver, als klar war, dass seine Deutschen zwar wieder famos gerodelt waren und gebiathletet haben, aber in den jungen Sportarten nichts gerissen hatten.

Snowboardwettkampf

Snowboard in Deutschland: Ethan Morgan springt.

(Foto: dpa)

Die deutsche Wintersportkultur müsse sich ändern, sagte Bach, "ein Umdenken" stattfinden, um irgendwann ähnlich cool unterwegs zu sein wie die Actionsportler aus Amerika. Und auch wenn der Wirtschaftsanwalt Bach nicht gerade fließend die Sprache der Jugend spricht und bei seiner Mahnung vor allem an die vielen Medaillen dachte, die es in den Freestyle-Disziplinen zu gewinnen gibt - recht hat er gehabt, der Herr Doktor.

Allerdings gehört zum Umdenken mehr, als nur das Vorhaben auf eine Tagesordnung zu setzen und dann zwischen Punkt eins und drei mal kurz ganz scharf umzudenken. Einen Wintersport-Kulturwandel bekommt man nicht, indem man ein bisschen am System herumruckelt oder ein paar schnelle Skicrosser ins Rennen wirft. Im Snowboard-Sport, in dem der Skiverband Fis von diesem Wochenende an wieder eine WM zu organisieren versucht, müsste man dazu erst mal verstehen, wie Freestyle-Kultur funktioniert.

Der Snowboard-Verband Deutschland (SVD) stellt sich dabei keineswegs so schlecht an, wie man aus der Tatsache schließen könnte, dass er die Freestyle-Disziplinen bei der WM fast unbesetzt lassen muss. Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber der Verband weiß wenigstens, wo er sein Freestyle-Personal suchen muss: in der unabhängigen Szene nämlich, in der die Profis sich Sponsoren verpflichtet fühlen und ansonsten nur ihrer Freiheit.

So hat der SVD zum Beispiel für die WM-Premiere der Disziplin Slopestyle die Wahl-Amerikanerin Silvia Mittermüller gewinnen können, die in der Snowboard-Welt zu den gefragtesten Figuren gehört und nach einer Jugend-Karriere im Skiverband vom angespannten deutschen Sportwesen ziemlich entwöhnt ist. Diese junge Frau hat einen etwas anderen Leistungsbegriff als die medaillenfixierte deutsche Olympiafamilie. Sie steht auf Kreativität, freie Meinungsäußerung, Selbstständigkeit und den Gedanken neben der Spur.

Wenn Thomas Bach wirklich wüsste, was Freestyle alles bedeutet, könnte es sein, dass er doch lieber bei seinen sportsoldatischen Rodlern bleibt.

© SZ vom 15.01.2011/ebc
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