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Brisantes Doping-Geständnis:Ein Beutel Blut im Auto

23 02 2014 Marriott Wien AUT Sochi Sotschi 2014 Johannes Dürr im Bild der österreichische La

Wie wird der Sportler zum Doper? Langläufer Johannes Dürr spricht darüber nun sehr detailliert.

(Foto: Eibner/Imago)
  • Der österreichische Langläufer Johannes Dürr berichtet, wie er sich in Deutschland sein Blut manipulieren ließ.
  • Dürr galt lange als großes Langlauf-Talent.
  • Das wird nun ein Fall für die Münchner Staatsanwaltschaft, die auf Dopingdelikte spezialisiert ist.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Einmal, als der Langläufer Johannes Dürr eine Blutdoping-Methode anwenden wollte, war ein logistisches Problem zu lösen. Das war vor gut fünf Jahren, kurz vorm Start der Tour de Ski, einem der wichtigsten Wettbewerbe dieser Sportart. Der Dopinghelfer kam zum Hotel am Wettkampfort, doch aufs Zimmer konnten sie sich nicht zurückziehen, weil der Athlet aus Österreich dort nicht alleine untergebracht war. Also setzten sie sich ins Auto des Besuchers auf dem Parkplatz. Der vorbereitete Blutbeutel wurde herausgeholt, der Schlauch in die Vene gesteckt und dann kräftig der Blutbeutel gedrückt, damit das Wochen zuvor abgezapfte Blut nun wieder zurückfließen konnte in den Körper des Langläufers Dürr. Ort der Blutpanscherei: Oberhof, Thüringen.

Diese und andere Betrugspraktiken legte Johannes Dürr, 31, nun in einem am Donnerstag ausgestrahlten ARD-Film offen. Und insbesondere schildert der bei den Sotschi-Winterspielen 2014 überführte Doper, wie es immer wieder just dort zu Manipulationen seines Blutes kam, wo derlei Vorgänge zuletzt für ziemlich ausgeschlossen galten: in Deutschland.

Blutdoping

Die Manipulation des Blutes gehört zu den Klassikern, mit denen Athleten versuchen, ihre Leistung zu steigern. Gemäß Punkt M1 der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sind jegliche Transfusionen von Blut oder roten Blutkörperchen verboten. Früher gab es im Spitzensport vermehrt Doping mit fremdem Blut, doch das lässt sich vergleichsweise leicht nachweisen. Weitaus schwieriger ist dies beim sogenannten Eigenblutdoping. Dabei werden dem Athleten zunächst mehrere Hundert Milliliter Blut abgenommen, das dann tiefgekühlt gelagert wird. Nach einigen Wochen, wenn sich der Blutkreislauf wieder normalisiert hat, wird das Blut wieder in den Körper zurückgeführt. So soll erreicht werden, dass der Athlet den Anteil an roten Blutkörperchen in seinem Körpern erhöhen und die Sauerstoffversorgung verbessern kann. SZ

"2013 kam ich mit einem anderen Athleten ins Gespräch. Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass er bereits Eigenblutdoping macht, und er machte mir das Angebot, bei seiner Quelle nachzufragen, ob ich auch dabei sein kann", berichtet Dürr. Erstmals Blut abgezapft worden sei ihm an der Raststätte Irschenberg, nahe der deutsch-österreichischen Grenze, mehrere Hundert Milliliter. Später sei es auch in Hotels am Münchner Flughafen und in der Münchner Innenstadt zu Eigenblut-Kuren gekommen. Regelmäßig ließ er sich Blut abnehmen, die Rückführung habe stets kurz vor den Wettkämpfen stattgefunden; zur Not eben auf einem Parkplatz, wie damals kurz vor Beginn der Tour de Ski in Oberhof. Die Namen der Unterstützer nennt Dürr nicht. "Für mich war das meine Langlauf-Familie, die wollte ich nicht mit hineinziehen", sagte er. "Ich will kein Verräter sein."

Die Staatsanwaltschaft in München ist auf Dopingdelikte spezialisiert

Eigenblutdoping in Deutschland? Solche Geständnisse gab es selten; in der Telekom-Radsportaffäre wurde es vor einer Dekade mehreren Fahrern nachgewiesen. Später gab es dann Aufregung um die Blutbehandlung eines Arztes mit UV-Strahlen, die aber am Ende von Anti-Doping-Instanzen und der Staatsanwaltschaft als nicht zu sanktionierende Handlung klassifiziert wurde. Nun die Schilderungen Dürrs: Sie versetzen die Experten in Bewegung.

Lars Mortsiefer hatte sich Donnerstagnachmittag den Film mit Vertretern des Vereins "Athleten Deutschland" angesehen. Für den Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada sind die nächsten Schritte klar: "Zuerst ist die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in München einzuschalten. Das ist dank der Schauplätze in Bayern kein Problem, bezüglich Oberhof in Thüringen müssen wir schauen." Daneben wurde mit den Nada-Kollegen in Österreich gesprochen. "Wir müssen Kontakt zu Dürr herstellen, damit wir an die Hinterleute rankommen." Er sei froh, dass der Sportler ausgepackt habe, so Mortsiefer, "noch besser wäre es aber, er hätte es erst bei uns getan". Das deutsche Anti-Doping-Gesetz sei zwar erst 2015 in Kraft getreten, "doch Ermittlungsansätze gibt es auch so genug". Mortsiefer hält fest, dass Doping-Medikation auch schon vorher verboten war.

Auch bei der Staatsanwaltschaft in München war der Donnerstag ein Fernsehtag. Oberstaatsanwalt Kai Gräber leitet dort seit 2009 eine auf Dopingdelikte spezialisierte Abteilung. Eigendoping ist hierzulande zwar erst seit Dezember 2015 strafbar, Behördensprecherin Anne Leiding teilte aber der SZ mit, dass die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen Unbekannt geprüft werde: "Die unbekannten Personen, die am Zeugen Johannes Dürr Dopingmethoden angewandt haben, können sich strafbar gemacht haben."

Der tiefe Fall eines großen Langlauf-Talents

Dürr galt als eines der größten internationalen Langlauf-Talente. Bei der Tour de Ski 2013/14, kurz nach seiner - im übrigen hochgefährlich praktizierten - Blutzufuhr auf dem Parkplatz, jagte er überraschend auf Rang drei. Doch die Karriere endete schon im Februar 2014: Da wurde er nach einem positiven Trainingstest auf den Klassiker Epo von den Spielen in Sotschi ausgeschlossen und für zwei Jahre gesperrt. Aus Sotschi war er eigens noch mal kurz nach Innsbruck gereist, um dort nachzutanken - in einem Hotel direkt gegenüber dem Österreichischen Skiverband ÖSV. Derzeit arbeitet er an einem Comeback, er will es noch zur WM 2019 in Seefeld schaffen.

Im Film berichtet Dürr, wie er schrittweise mit Doping in Berührung kam - und irgendwann zu dem Schluss gelangte, er könne es ohne nicht in die olympische Weltspitze schaffen. Auf dem Sportinternat in Stams habe es haufenweise Nahrungsergänzungsmittel gegeben, später in Ruhpolding setzte eine Ärztin die erste Infusion. Bald sei er gedrängt worden, eine der üblichen Ausnahmegenehmigungen für Asthma-Mittel zu beantragen. Und irgendwann habe im Trainingslager in Ramsau ein Betreuer gesagt, es gäbe nun die Möglichkeit, an Epo zu gelangen. Freude und Angst habe er da empfunden, sagt Dürr.

Epo spritzte er sich selbst, nahm zudem Wachstumshormon. Dabei, sagt er, habe er konkrete Medikationspläne erhalten, auch sollen ihm Mitarbeiter des Österreichischen Skiverbandes geholfen haben. Der ÖSV bestreitet das. "Die Antwort ist ein klares Nein. Mir sind solche Fälle nicht bekannt. Einzeltäter wird es immer geben, die entziehen sich meiner Kenntnis", sagte der Anti-Doping-Beauftragte Wolfgang Schobersberger der ARD. Dürr indes empfindet das Verhalten der Funktionäre damals als "sehr heuchlerisch". Gewisse Aussagen hätten ihm signalisiert, "man weiß schon Bescheid, was dazugehört, um ganz vorne zu sein". Mitte 2018 wehrte sich der ÖSV per Gerichtsverfügung gegen Dürrs Einschätzung, es könne eine klammheimliche Duldung von Doping gegeben haben.

Beim Dopen habe ihn eine ständige Angst vor der Entdeckung geplagt, sagt Dürr; zum Beispiel wegen des lauten, sehr charakteristischen Geräusches jenes Gerätes, mit dem das Blut entnommen wurde. Einmal, im Trainingslager in Finnland, habe er nachts genau diesen Lärm im Zimmer über sich gehört. Da war es für ihn ein beruhigendes Geräusch: Solche Momente, sagt Dürr, hätten ihm bestätigt, "dass Doping ein Teil des Spitzensports ist".

© SZ vom 18.01.2019/ebc
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