Iga Swiatek gewinnt WimbledonWenn der Jubel fast länger dauert als das Match

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Macht sich bestimmt nett im Wohnzimmerregal: Iga Swiatek posiert mit ihrer ersten Wimbledon-Siegertrophäe.
Macht sich bestimmt nett im Wohnzimmerregal: Iga Swiatek posiert mit ihrer ersten Wimbledon-Siegertrophäe. Stephanie Lecocq/Reuters
  • Iga Swiatek gewinnt das Wimbledon-Finale 6:0, 6:0 gegen Amanda Anisimova in nur 57 Minuten und sichert sich ihren sechsten Grand-Slam-Titel.
  • Das Endspiel zählt zu den einseitigsten Frauenfinals der Wimbledon-Geschichte, wobei Anisimova trotz der Niederlage erstmals in die Top 10 der Weltrangliste aufsteigt.
  • Ende 2024 sorgte Swiatek für negative Schlagzeilen aufgrund eines positiven Dopingtests, der zu einer einmonatigen Sperre führte, die sie bereits abgesessen hatte.
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Iga Swiatek gewinnt eines der einseitigsten Frauenfinals der Wimbledon-Geschichte. Ihre schwer unterlegene Gegnerin zeigt nach der Partie Größe und Emotionen.

Von Gerald Kleffmann

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Um 15.54 Uhr brandete Applaus auf, zunächst zart, dann euphorischer, und die meisten Zuschauer im Hauptstadion des Grand-Slam-Turniers von Wimbledon erhoben sich. Dann betrat Kate den Centre Court. So ist das hier. Es gibt normale VIPs wie die Schauspielerin Greta Gerwig an diesem heißen Samstagnachmittag oder den früheren Spitzenleichtathleten Sebastian Coe, der sich immerhin Lord nennen darf. Aber wegen solcher Prominenz in der Royal Box würden die Besucher des All England Clubs nicht gleich Schnappatmung bekommen. Bei der Prinzessin von Wales schon. Die 43-Jährige lächelte, winkte, da wurde noch mehr gejubelt. Das Tennis-Frauenfinale, von der Würzburgerin Miriam Bley als Stuhlschiedsrichterin geleitet, konnte also in bester Stimmung beginnen.

57 Minuten später erhoben sich bereits wieder die meisten, diesmal aber nicht für die beliebte Repräsentantin des britischen Königshauses. Iga Swiatek hatte in einem der einseitigsten Frauenfinals der Geschichte 6:0, 6:0 gegen die 23 Jahre alte Amerikanerin Amanda Anisimova gewonnen. Das Endspiel verdiente kaum den Namen Endspiel. „Das wird länger dauern als das Match“, sagte der frühere Spitzenspieler John McEnroe als BBC-Kommentator, als die Polin zu ihrem Team und Freunden lief und sich minutenlang drücken und gratulieren ließ.

Swiatek, die bisher alle fünf ihrer Grand-Slam-Finals erfolgreich bestritten hatte, hat nun auch ihr sechstes für sich entschieden, allerdings erstmals in Wimbledon. Sie ist die erste Polin in der Profiära (seit 1968), die an der Church Road triumphierte. Ihr gelang auch der 100. Match-Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier. Und noch eine Bestmarke verbuchte sie: Nur Margaret Court aus Australien und Monica Seles, die ehemalige jugoslawische Spielerin, die später die amerikanische und die ungarische Staatsbürgerschaft annahm, haben wie sie ihre ersten sechs Grand-Slam-Finalteilnahmen gewonnen.

3,46 Millionen Euro erhält Swiatek, für Anisimova bleiben 1,75 Millionen Euro. Das waren rund 31 000 Euro Schmerzensgeld pro Minute für die Unterlegene, wenn man es positiv betrachtet, und auch wenn Anisimova das kaum trösten wird: Hätte sie 6:7 im dritten Satz verloren, wäre ihr derselbe Betrag überwiesen worden.

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Einige Negativrekorde unterbot dieses einseitige Endspiel überraschend nicht. Es ging noch kürzer in der Vergangenheit. Im Wimbledon-Finale 1922 besiegte die Französin Suzanne Lenglen die norwegisch-amerikanische Gegnerin Molla Mallory 6:2, 6:0 in 23 Minuten. Stefanie Graf gewann 1988 gegen die Russin Natalia Zvereva in nur 32 Minuten 6:0, 6:0. 1911 war die Britin Dorothea Lambert Chambers die erste Spielerin, die ihrer Kontrahentin Dora Boothby keinen Spielgewinn ließ.

Bei der Siegerehrung erhielt Anisimova trotzdem herzlichen und langen Applaus. Das englische Publikum hatte schon immer Empathie. Aus guten Gründen war die auch angebracht. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag war Anisimovas Vater gestorben. Und vor zwei Jahren war sie aufgrund Burn-outs für sieben Monate ausgestiegen. Sie hat sich aus diesem Tief befreit und ihre sportliche Wiederauferstehung auf besonders erfolgreiche Art erlebt.

Die Augen gerötet: Amanda Anisimova bei ihrem Interview nach dem Finale.
Die Augen gerötet: Amanda Anisimova bei ihrem Interview nach dem Finale. Kirill Kudryavtsev/AFP

Als Anisimova ans Mikrofon schritt, machte sie ihre Sache angesichts der Umstände richtig gut und allemal besser als zuvor in der Partie. „Iga, du bist so eine unglaubliche Spielerin, du bist eine Inspiration für mich“, sagte sie, ihre Augen waren jetzt gerötet. Auch wenn ihr „der Sprit ausgegangen“ sei, sei es ein besonderes Turnier für sie gewesen. Sie steigt nun erstmals in den Kreis der besten zehn Spielerinnen in der Weltrangliste auf. Ihre Mutter sei eigens eingeflogen, erwähnte Anisimova noch, da brach sie in dann doch richtig in Tränen aus.

Ende 2024 sorgte Swiatek mit einem positiven Dopingtest für Schlagzeilen

Swiatek, die von Kate die Siegertrophäe namens Venus Rosewater Dish erhalten hatte, tröstete sie: „Du kannst stolz sein, was du hier erreicht hast“, sagte die 24-Jährige. Ihr Triumph kam ihr „surreal“ vor, aber sie meinte das nicht wegen des Ergebnisses. „In Wimbledon einmal zu gewinnen – davon habe ich nicht mal geträumt, weil es mir so weit weg vorkam“, gab sie zu.

Dabei verlief das Match im Grunde so, wie es zu erwarten gewesen war. Mit ihren kurzen Ausholbewegungen setzte die Sandplatz- und Hartplatzspezialistin Swiatek, die bei diesem Wimbledonturnier ihren Frieden mit dem Rasenbelag geschlossen hat, die übernervöse Anisimova permanent unter Druck, sie startete mit zwei Breaks. 3:0 nach 15 Minuten. 5:0, 6:0. Da waren erst 25 Minuten gespielt. Auch im zweiten Satz herrschte pure Einseitigkeit. Nichts von dem, was Anisimova bei ihrem Halbfinalsieg gegen die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka aus Belarus im Positiven gezeigt hatte, war zu sehen.

Für Swiatek endete eine längere Phase ohne Turniersieg, ihren vorerst letzten Triumph durfte sie bei den French Open 2024 feiern. Ende des vergangenen Jahres hatte sie negative Schlagzeilen ausgelöst, als ein positiver Dopingbefund bekannt geworden war; und zwar erst, als ihre Strafe, eine einmonatige Sperre, schon abgesessen war. Swiatek hatte angegeben, ein in Polen erworbenes Schlafmittel eingenommen zu haben, das unwissentlich mit Trimetazidin verunreinigt gewesen sei. TMZ wird etwa bei Durchblutungsstörungen des Herzens angewendet; besonders bekannt wurde die Substanz durch die russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa, die nach einem Positivtest auf TMZ ihren Olympiasieg von Peking 2022 verlor. Die zuständige International Tennis Integrity Agency wertetet Swiateks Vergehen jedenfalls als nicht schwerwiegend.

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