Wimbledon: Männer 6:36 Stunden

Handshake der beiden befreundeten Gladiatoren: Kevin Anderson (links) und John Isner nach ihrem fast 400 minütigen Match.

(Foto: Glyn Kirk/AFP)

Kevin Anderson gewinnt das zweitlängste Match der Wimbledon-Geschichte, an dem natürlich auch Rekordmann John Isner beteiligt ist.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Um 13 Uhr Ortszeit am Freitag betraten John Isner und Kevin Anderson den Centre Court von Wimbledon. Die Sonne stand hoch am Himmel. Als Isner und Anderson den Centre Court verließen, war es kurz vor 21 Uhr. Die Sonne war kurz vor dem Versinken. Lärm brandete auf im All England Club, den man vielleicht auch auf dem europäischen Festland gehört hat.

Vor acht Jahren, im Jahre 2010, hatte es das längste Match der Tennisgeschichte gegeben. Damals besiegte der Amerikaner Isner den Franzosen Nicolas Mahut mit 70:68 im fünften Satz. Mehr als elf Stunden dauerte diese Partie, ausgetragen über drei Tage. So gesehen hatten die Zuschauer und der Veranstalter Glück. Das erste Männer-Halbfinale endete noch an diesem Freitag, den 13., das schon. Aber 6:36 Stunden waren doch nötig, bis ein Sieger feststand. Als Anderson für ein kurzes Statement erschien, sagte er: "Ich entschuldige mich, dass ich mich nicht mehr freue." 7:6 (6), 6:7 (5), 6:7 (9), 6:4 und 26:24 hatte er gewonnen. Es war das längste Halbfinale in Wimbledon jemals, das längste Match auf dem Centre Court. Das drittlängste Match überhaupt.

Es war: eine Zumutung, auch dies. Das bezeugten Andersons leere, roten Augen. Der 32-Jährige, der im Viertelfinale Titelverteidiger Roger Federer nach Abwehr eines Matchballs in fünf Sätzen besiegt hatte, kritisierte selbst, mit brüchiger Stimme, die Regel, dass in Wimbledon im entscheidenden fünften Satz weiterhin kein Tie-Break angewendet wird. "Ich hoffe, wir können das Thema noch mal angehen", sagte er. Möglicherweise war es das letzte Mal, dass die Tenniswelt so eine Partie erlebt hat. Sie hatte die Planung derart durcheinander gewirbelt, dass das zweite Halbfinale zwischen dem Spanier Rafael Nadal und dem Serben Novak Djokovic erst nach 21 Uhr begann und das Dach geschlossen werden musste. Nun war zwar erwartet worden, dass dieses Match so laufen könnte. Aber dann entwickelte es sich noch heftiger. Isner und Anderson bringen es gemeinsam auf 4,11 Meter Körpergröße, entsprechend servierten sie, der 2,08 Meter-Riese und der 2,03 Meter-Hüne. 102 Asse schlugen beide zusammen. In den ersten beiden Sätzen schaffte keiner der beiden, dem anderen ein Aufschlagspiel abzunehmen. Anderson hatte öfter Vorteile auf seiner Seite, im dritten Satz gelang ihm als Erstem ein Break, zum 5:3. Doch Isner, 33, konterte direkt mit dem Re-Break. Als Satz fünf begann, hatten die beiden 3:41 Stunden absolviert. Es sollten weitere 175 Minuten folgen. Natürlich stieg das Spannungsmoment auf dem Centre Court mit jedem bestrittenen Aufschlagspiel. Aber das Match zehrte auch an den Nerven. Als es 8:8 stand, rief ein Zuschauer: "Wir wollen kein 70:68." Das längste Halbfinale in Wimbledon wurde bis dahin 2013 gespielt. Djokovic hatte für einen Sieg gegen den Argentinier Juan Martín del Potro 4:44 Stunden benötigt. Bei 9:9 war dieser Rekord von Isner und Anderson gebrochen. In der Royal Box hatte es wieder hochrangige eingeladene Gäste gegeben, etwa Björn Borg, Barry Gibb, Gary Player und Anna Wintour, aber sie waren nicht durchgängig anwesend, sondern verschwanden zwischendurch. Klar. Die Sonne wanderte, sank dahin. John McEnroe, der frühere Weltranglisten-Erste, brachte während des Kommentierens für die BBC die Frage auf, wann endlich ein Tie-Break in Satz fünf käme. "Ich bewundere, was die beiden hier leisten", sagte McEnroe, "aber es sollte den Tie-Break geben." Bei 10:10 hatte Anderson eine Chance. Breakball. Er traf den Ball mit dem Rahmen. Die BBC wechselte den Kanal, von 1 auf 2. Die Sendezeit war abgelaufen. 11:11. 15:15. 18:18. 20:20. Es ging so weiter, ohne Break. Nun war längst das längste Match, das auf dem Centre Court je stattfand. 2009 hatte Federer im Finale mal den Amerikaner Andy Roddick 16:14 im fünften Satz besiegt. Bei 17:17 hatte Anderson zwei Breakbälle. Was machte Isner? Patsch! Peng! Zwei Asse. Chance tot. McEnroe forderte nun, es sollte "zu irgendeinem Zeitpunkt einen Tie-Break geben". Vielleicht bei 30:30? Dann war noch Luft. Das Ende war so irrwitzig wie der Verlauf. In dem Spiel, das Anderson das Break brachte, stürzte er, nahm den Schläger von der rechten in die linken Hand und rettete sich so. Die letzte Vorhand Isners landete im Aus. Die Weggefährten aus College-Tagen umarmten sich. Anderson, erster Südafrikaner im Wimbledon-Finale seit Brian Norton 1921, schluchzte: "John ist ein großartiger Kerl. Ich fühle mit ihm." Aber der US-Open-Finalist von 2017 sagte auch: "Ein Teil eines Traums wurde wahr." Das Finale am Sonntag will er ja auch gewinnen. Wenn er noch Kraft hat nach diesem epischen Match. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn man unter diesen Bedingungen ein so langes Match spielt, dann fühlt sich das an, wie ein Unentschieden", sagte er. "Aber es musste heute einen Sieger geben." Das war das Grausame an dem Ganzen.