Last 8 Club in Wimbledon:Verborgene Oase neben Gate 5

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Last 8 Club in Wimbledon: Klassisch englisch gediegen, in der zweiten Turnierwoche schön leer, wie eine Oase auf der pulsierenden Anlage von Wimbledon: der "Last 8 Club".

Klassisch englisch gediegen, in der zweiten Turnierwoche schön leer, wie eine Oase auf der pulsierenden Anlage von Wimbledon: der "Last 8 Club".

(Foto: SZ)

Engländer lieben elitäre Clubs. Auch in Wimbledon findet sich eine Ruhezone, in die man sich mit keinem Geld der Welt, sondern nur mit Siegen Zutritt verschaffen kann: der Last-8-Club. Ein Gastbesuch.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

"Da geht's lang", sagt Patrik Kühnen und zeigt mitten im Gewusel nach links. Direkt neben Gate 5 - hinter dem sich die Church Road befindet - taucht eine kleine Lücke neben einem Zaun auf. Der Weg zum berühmten Last 8 Club ist reichlich unspektakulär: Drei Schritte, und schon steht man, etwas versteckt um die Ecke, vor einer Tür.

Kühnen klopft, eine Dame öffnet, Kühnen unterschreibt für sich und seinen Gast - und dann ist man drin in einem kleinen, lauschig-gemütlichen Raum, in dem sonst nur Menschen sich aufhalten dürfen, die etwas Besonderes geschafft haben: Nur wer im Einzel mindestens das Viertelfinale erreicht hat oder das Halbfinale im Doppel, kann hier Mitglied werden.

"Großartig, ich liebe diesen Ort", sagt Kühnen, der seinerseits gleich zweimal die Aufnahmekriterien erfüllte. 1988 erreichte der heute 56-Jährige aus Püttlingen die Runde der letzten Acht. Im Achtelfinale gelang ihm auf Court 2 - früher bekannt als "Friedhof der Stars", bevor er der Modernisierung der Anlage zum Opfer fiel - eine riesige Überraschung, als er Jimmy Connors besiegte. Kühnen erzählt begeistert, was ihm in Erinnerung blieb. Der legendäre Rudi Berger war damals Schiedsrichter. Das Match wurde wegen Regens im Tie-Break des dritten Satz auf den nächsten Tag verlegt. Kühnen vergab zwei Matchbälle im vierten Satz. "Und ab 3:3 im fünften Satz weiß ich nichts mehr. Ich war wie im Tunnel." Er siegte 6:3.

An der Wand steht sein Name, links Sue Barker, rechts Goran Ivanisevic - und dazwischen, eindeutig: "Patrik Kuehnen". Wenn auch mit U und E.

"Ich bin danach in die Umkleide und musste erst mal eine Stunde sitzen. Mir ist schlecht geworden." Vor Aufregung. Weil er nicht glauben konnte, dass er, in Deutschland ja immer im Schatten von Boris Becker (und später von Michael Stich), eine Legende wie Connors rauswarf. Kühnen flüstert fast, es herrscht, auch wenn der Raum mit vier, fünf Tischen und ein paar Couches klein ist, gediegene Atmosphäre. Nichts vom Trubel draußen dringt herein. "Nach dem Match kam dann Ion Tiriac zu mir und meinte" - und jetzt imitiert Kühnen dieses herrliche Tiriac-Deutsch des Rumänen - "hasse gut gespielt, mein Junge, aber warre nur ein Match!" Ja, solche Geschichten passen wahrlich zu diesem Ort. Im Viertelfinale verlor Kühnen dann in vier Sätzen gegen den Schweden Stefan Edberg. "Der war am Netz wie eine Mauer."

Kühnen gibt zu, dass er manchmal, jetzt mit all dem zeitlichen Abstand und neuen Aufgaben - der Familienvater ist Turnierdirektor in München und war in London gerade als Sky-Experte im Einsatz -, kaum glauben kann, dass er es mit Connors und Edberg zu tun hatte in Wimbledon. Aber es war so, er muss nur rüber zur Wand schauen. Da steht sein Name, inmitten der mehr als 650 anderen Namen. Links Sue Barker, rechts Goran Ivanisevic - und dazwischen, eindeutig: "Patrik Kuehnen". Nur mit U und E. Im Doppel schaffte er 1993 den Sprung ins Halbfinale, mit dem Südafrikaner Gary Muller. Damit wäre er auch Mitglied geworden. Kühnen lacht und sagt: "Doppelt hält besser."

Last 8 Club in Wimbledon: Erfüllte gleich zweimal die Kriterien zur Aufnahme im "Last 8 Club": Patrik Kühnen, 1988 Viertelfinalist im Einzel, 1993 sogar Halbfinalist im Doppel.

Erfüllte gleich zweimal die Kriterien zur Aufnahme im "Last 8 Club": Patrik Kühnen, 1988 Viertelfinalist im Einzel, 1993 sogar Halbfinalist im Doppel.

(Foto: SZ)

Die Idee zum Last 8 Club hatte Buzzer Hadingham 1986. Der frühere Chairman des All England Clubs wollte damit besondere Leistungen würdigen, die eben nur nicht ganz zum Triumph gereicht hatten. Auf einem Pult neben der winzigen Bar steht ein gerahmtes Foto von Hadingham, er hat schwere Ähnlichkeit mit Klaus von Dohnanyi. Früher kam immer Post, erzählt Kühnen. "Inzwischen ist es so, dass ich zwei, drei Monate vor dem Turnier eine Mail bekomme und gefragt werde, ob ich dieses Jahr kommen möchte."

Dann muss er ein Formular ausfüllen, um den Last 8 Club-Ausweis zu erhalten. Und zu dem Ausweis erhält jeder noch ein Booklet mit je einem Ground Ticket pro Turniertag. Eine Begleitung also kann jedes Mitglied stets mitnehmen. In die großen Stadien, auf den Centre Court und den Court No. 1, kommen Mitglieder nur, wenn einer der Sitzplätze frei ist, die es in begrenzter Anzahl für sie gibt.

Die Dame vom Empfang nähert sich, mit einem Foto. Es zeigt einige Legenden des Tennissports. "Hier, das war am mittleren Montag, da findet immer ein netter Abend für die Last 8 Club-Mitglieder statt. Hier, Jürgen war auch dabei", sagt Georgina Rhodes, so steht es auf ihrem Ausweis. Seit mehr als 20 Jahren arbeite sie hier. Jürgen, das ist der frühere Doppelspezialist Jürgen Fassbender, der 1973 mit Karl Meiler und 1975 mit Hans-Jürgen Pohmann in Wimbledon das Halbfinale erreichte.

Auf dem Foto auch zu sehen: Rod Laver, Billie Jean King, Margaret Court, Paul McNamee, und, man hätte ihn kaum erkannt mit grauem Wuschelkopf und knalloranger Krawatte, Vijay Amritraj, der indische Doppelkünstler, der später sogar mal als Schauspieler im James-Bond-Film "Octopussy" (mit Roger Moore als 007) glänzen durfte. "Der Abend war herrlich", sagt Frau Rhodes, es habe eine Frage&Antwort-Runde mit Laver und Billie Jean King gegeben, und ein Imitator machte auf der Bühne Größen des Tennis nach, John McEnroe, Rafael Nadal, Novak Djokovic. Da lachten die Alten über die Jüngeren aus dem Last 8 Club. Geht offenbar auch nicht anders zu als in (fast) jedem Kegelklub.

Last 8 Club in Wimbledon: Zwei neue deutsche Mitglieder: Halbfinalistin Tatjana Maria (links) und Viertelfinalistin Jule Niemeier.

Zwei neue deutsche Mitglieder: Halbfinalistin Tatjana Maria (links) und Viertelfinalistin Jule Niemeier.

(Foto: Ryan Pierse/Getty Images)

Im kommenden Jahr werden zwei neue Mitglieder aus Deutschland hier im Raum an der Wand stehen, Jule Niemeier, 22, und Tennis-Mutter Tatjana Maria, 34, hatten im Viertelfinale gegeneinander gespielt, Maria war diejenige, die gar ins Halbfinale vorstieß. Christopher Kas, Niemeiers Trainer, ist auch unter den Namen an der Wand, 2011 stand er im Doppel-Halbfinale mit dem Österreicher Alexander Peya. Kas ist aber eher in normaler Größe geschrieben: je größer, desto erfolgreicher der betroffene Spieler. Steffi Grafs Name ist riesengroß hochkant platziert, Roger Federers auch. Martina Navratilova liegt quer. Und unter Venus Williams taucht klein auch eine Person der deutschen Tennisgeschichte auf: Christian Kuhnke. Der Linkshänder aus Hamburg erreichte 1963 und 1964 jeweils das Viertelfinale.

Georgina Rhodes kramt im Hintergrund einen alten Holzschläger hervor, "der ist von Billie Jean King", erklärt sie. Unverkennbar

Der Last 8 Club ist nicht nur ein Ort zum Plaudern. Man kann hier auch speisen und etwas trinken. Softdrinks sind umsonst. Die Lasagne heute kostet 18 Pfund. Und, vor allem: Der Last 8 Club ist eine Zeitreise. Die Tür geht auf, ein sehr elegant gekleideter Herr betritt den Club. "Oh, das ist Frew McMillan", sagt Kühnen. 80 Jahre alt ist der Südafrikaner, er gewann dreimal im Doppel. Er begrüßt Kühnen, "nice to see you, Patrik".

Vorhin noch hatte Kühnen über Frew McMillan geschwärmt und gesagt: "Ein totaler Gentleman, er spielte alles mit zwei Händen, Vorhand und Rückhand. Und er trug immer ein weißes Barrett." Kühnen und McMillan unterhalten sich gleich über frühere Tage. McMillan erzählt, dass Fred Stolle, 83, auch da sei, dem Australier gehe es leider nicht mehr ganz so gut. Georgina Rhodes kramt derweil im Hintergrund einen alten Holzschläger hervor, "der ist von Billie Jean King", erklärt sie. Unverkennbar: ihr altes Wilson-Racquet.

"Wimbledon ist das Nonplusultra", sagt Kühnen, "neulich war doch die Zeremonie zu Ehren von 100 Jahre Centre Court." Seine Augen strahlen. "Wo gibt's denn sowas - eine Ehrung für einen Tennisplatz!" Für ihn steht fest: "Es gibt nichts Größeres als dieses Turnier. Allein dieses Flair. Diese Tradition - unglaublich. Sie ist überall zu spüren." Auch hier, an diesem Ort, im Last 8 Club, gleich bei Gate 5 hinter dem Zaun.

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