Deutsche in Wimbledon:Kerber wird zur Mitfavoritin, Zverev scheidet aus

Lesezeit: 3 min

Wimbledon

So fit und motiviert wie 2018: Angelique Kerber, die damals in Wimbledon triumphierte, während ihres Matches gegen Coco Gauff.

(Foto: Paul Childs/Reuters)

Angelique Kerber erreicht souverän das Viertelfinale von Wimbledon und präsentiert sich in einer Form, in der ihr der zweite Titel zuzutrauen ist - Alexander Zverev scheitert dagegen knapp am Kanadier Felix Auger-Aliassime.

Von Gerald Kleffmann

Es gibt ein sicheres Indiz dafür, um festzustellen, ob Angelique Kerber in guter Form ist: ihre Hocke. Vielmehr: ihr Defensivschlag mit der Rückhand aus der Hocke. Kerber hat diesen Hieb zu einer Kunstform im Tennis erhoben. Wenn Gegnerinnen angreifen und sie in Bedrängnis bringen, verlagert sie ihren Körperschwerpunkt, an der Grundlinie stehend, nach ganz unten. Stabilität verleiht ihr diese Position. Und noch einen Vorteil beinhaltet diese Technik: Kerber muss nicht nach hinten zurückweichen. In den vergangenen Monaten, als sie nicht wirklich tolle Ergebnisse erzielt hatte, war sie oft viel zu passiv gewesen. Sie war: zurückgewichen. Aber in Wimbledon, an diesem für sie so besonderen Ort, wo sie 2018 schon triumphiert hatte? Da bleibt Kerber stehen. Geht runter. Sie interpretiert die Kerber-Hocke wie zu ihren besten Zeiten. Die 33-Jährige, die dreimalige Grand-Slam-Gewinnerin, spielt wirklich wieder großartig auf, und man muss kein Experte sein, um zu dem Urteil zu gelangen: Nach diesem 6:4, 6:4-Erfolg am Montag im Achtelfinale gegen die Amerikanerin Coco Gauff, 17, ist Kerber plötzlich Mitfavoritin. Die Weltranglisten-Erste Ashleigh Barty dürfte weiterhin erste Anwärterin sein. Die Australierin überzeugte wie bislang auch in ihrem Achtelfinale, sie gewann 7:5, 6:3 gegen die French-Open-Siegerin Barbora Krejcikova aus Tschechien.

Im Viertelfinale trifft Kerber auf die Weltranglisten-22. Karolina Muchova

Schwer zu sagen, ob Kerber in Wimbledon deshalb immer so gut spielt, weil ihr der Rasen so gut liegt - oder sie sich zuerst einredet, dass sie hier, in dem edlen Londoner Stadtteil, ja immer gut war und kraft Selbstsuggestion also dann prompt gut spielt. In jedem Fall ist die Art, wie Deutschlands erfolgreichste Spielerin im All England Club immer wieder ihre Leistungen steigern kann, verblüffend. Im Tennis wird der Begriff Vintage gerne verwendet, wenn jemand Älteres so gekonnt agiert wie früher. Als Roger Federer 2017 bei den Australian Open, nach einer halbjährigen Verletzungspause, den Pokal gewann, war er der Vintage-Roger. Kerber ist nun die Vintage-Angie; so wird ihr Vorname ja abgekürzt. Mit ihren flachen Schlägen schnürte sie Gauff am Montagnachmittag auf dem Center Court an der Grundlinie fest, ihr unterliefen wenig Fehler, die Passierbälle hatten prächtige Winkel. Gauff konnte oft nur wie eine Zuschauerin den Bällen hinterhersehen.

Im Viertelfinale schon an diesem Dienstag trifft Kerber, auf Platz 28 der Weltrangliste geführt, auf die Weltranglisten-22. Karolina Muchova. Die Tschechin besiegte die Spanierin Paula Badosa 7:6 (6), 6:4. Kerber, die ja auch schon die Nummer eins der Welt war, ist in jedem Fall wieder zu favorisieren. "Ich genieße hier einfach meine Zeit", sagte sie nach der Partie beim Interview auf dem Platz. Zu den Zuschauern meinte sie: "Es macht mir so viel Spaß, vor euch zu spielen. Das gibt mir so viel Energie." Kerber ist nun die einzige im Feld verbliebene Spielerin, die schon den Wimbledon-Titel holte. Doch dass nun immer mehr auf sie schauen, blendet sie aus. "Ich versuche, einfach im Moment zu bleiben", sagte sie - und strahlte.

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1,98 Meter in der Horizontalen: Alexander Zverev fehlte es im Match gegen Felix Auger-Aliassime zumindest nicht an Körpereinsatz.

(Foto: Pool/Getty)

Alexander Zverev musste dann etwas zeitversetzt am Montag, auf Court No.1, der zweitgrößten Arena, gegen Felix Auger-Aliassime antreten. Der Weltranglisten-Sechste aus Hamburg hatte sich ohne Blöße ins Achtelfinale gesiegt, doch diesmal war vieles anders. Der 20-jährige Kanadier, der eine tolle Saison spielt und im Ranking auf Platz 19 geführt wird, bot mächtig Gegenwehr. Zverev wirkte nicht ganz so sicher, startete bezeichnend mit zwei Doppelfehlern in seinem ersten Aufschlagspiel. Mit 6:4, 7:6 (6) sicherte sich Auger-Aliassime, der seit geraumer Zeit mit Rafael Nadals Onkel und Ex-Trainer Toni Nadal zusammenarbeitet, die ersten beiden Sätze. Doch Zverev biss sich rein, und wenn auf dem Niveau der eine nur um Nuancen besser spielt und der andere um Nuancen nachlässt, kippen die Vorteile. 6:3, 6:3 für Zverev, fünfter Satz.

Federer im Viertelfinale

Wimbledonsieger Roger Federer hat es zum 18. Mal in das Viertelfinale des Grand-Slam-Turniers in London geschafft. Der 39-jährige Schweizer besiegte den Italiener Lorenzo Sonego am Montag 7:5, 6:4, 6:2. Mit 39 Jahren und 337 Tagen avancierte Federer zum ältesten Wimbledon-Viertelfinalisten in der Profi-Ära des Tennis. Die langjährige Nummer eins trifft am Mittwoch entweder auf den Weltranglisten-Zweiten Daniil Medwedew aus Russland oder den Polen Hubert Hurkacz. dpa

Break Auger-Aliassime, Re-Break Zverev, sie verhakten sich nun komplett ineinander. In dem genialen Band "Asterix auf Korsika" stehen manche Korsen den Römern gegenüber und fordern sie per gegenseitigem Anstarren zum Duell heraus. Bis einer einknickt. Hier, auf dem Rasenplatz, war es ähnlich. Nur verwendeten die beiden Kontrahenten Tennisschläger statt giftiger Blicke. Wer knickte ein? Es war Zverev, der sein Aufschlagspiel zum 3:4 abgab. Auger-Aliassime spielte den Vorteil ausgebufft und gierig auf den Sieg aus - nach dem 6:4, 7:6, 3:6, 3:6, 6:4 steht das Riesentalent, schon seit frühester Kindheit bei Tenniskennern hoch gehandelt, erstmals bei einem Grand Slam in einem Viertelfinale.

Während sich Zverev enttäuscht trollte, sprach Auger-Aliassime überglücklich auf dem Platz: "Ich bin ein normaler Typ aus Montreal, Kanada, und hier bin ich." Seine Augen leuchteten: "Das war der größte Sieg meiner Karriere." Für Zverev hat sich damit nichts geändert: Er muss weiter auf seinen ersehnten ersten Grand-Slam-Sieg warten.

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