Tennisturnier in WimbledonStruff glänzt bei Niederlage, Zverev rettet sich zum Sieg

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Trotz vorbildlicher Gegenwehr: Jan-Lennard Struff muss sich in Wimbledon dem Weltranglistenersten Jannik Sinner beugen.
Trotz vorbildlicher Gegenwehr: Jan-Lennard Struff muss sich in Wimbledon dem Weltranglistenersten Jannik Sinner beugen. Andrew Couldridge/Reuters

Jan-Lennard Struffs fabelhafte Reise in Wimbledon endet im Viertelfinale. Mit Verzögerung hat sich auch Alexander Zverev in die Runde der besten Acht gespielt – aber er hat noch mehr vor.

Von Gerald Kleffmann

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Am Dienstagvormittag erschienen Jan-Lennard Struff und Alexander Zverev, getrennt voneinander, im Aorangi Park. Auf diesem Areal, das sich auf der Tennisanlage des All England Clubs befindet und zu dem nur Profis samt Team sowie Medienvertreter Zutritt haben, trainieren die Spielerinnen und Spieler in Wimbledon. Für Struff stand eines der größten Matches seiner Karriere unmittelbar bevor. Auf Court No. 1 sollte er sich wenig später zum Duell mit dem Weltranglistenersten Jannik Sinner treffen. In seinem ersten Viertelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier – das er mit 36 Jahren als ältester Mann der Geschichte erreichte. Zverev wiederum musste sein am Vorabend unterbrochenes Match gegen den Tschechen Jiri Lehecka fortsetzen, auf dem Centre Court. In Wimbledon darf nur bis 23 Uhr gespielt werden, das hatten Nachbarn der Anlage vor Jahren bewirkt, aus Lärmschutzgründen. So ergab es sich, dass Zverev am Montagabend beim Stand von 6:4, 7:5, 3:3 die Tasche packen musste.

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Es war eine bemerkenswerte halbe Stunde im Aorangi Park. Struff schlug auf Court 9 Bälle, der frische French-Open-Gewinner Zverev auf Court 1 –  und neben ihm spielte sich die dreimalige Grand-Slam-Gewinnerin Angelique Kerber mit Andrea Petkovic ein, beide waren später im Turnier der sogenannten Legenden an der Reihe. „Mega Aufschlag, das sind bestimmt 170“, rief Petkovic zu Kerber hinüber, und Zverev, der mit dem früheren Profi Matthias Bachinger alle Schläge – Grundlinienschläge, Volleys, Aufschlag, Return – noch einmal durchging und just in dem Moment zuhörte, grinste verschmitzt in sich hinein. Entspannt wirkten sie alle. Nur Struff hatte kurz etwas Probleme, bei der Platzreservierung war etwas schiefgegangen. Aber man fand ein Plätzchen für ihn.

Respektsbekundung: Jannik Sinner (links) gratuliert Jan-Lennard Struff zu seinem starken Auftritt.
Respektsbekundung: Jannik Sinner (links) gratuliert Jan-Lennard Struff zu seinem starken Auftritt. Matthew Stockman/Getty Images

Struff präsentierte sich dann hervorragend bei seiner Viertelfinalpremiere. Und als er um 15.44 Uhr das Stadion verließ, erhielt er tosenden Applaus. Zwar hatte er 5:7, 6:7 (4), 3:6 verloren, dabei aber den Titelverteidiger mächtig in die Bredouille gebracht. „Das war ein harter Gegner, er ist ein starker Aufschläger“, lobte ihn der Italiener beim kurzen Interview auf dem Platz und ergänzte allgemein: „Er verdient alles, was er in seiner Karriere erreicht hat. Er ist eine großartige Person abseits des Platzes.“

Zverev verbuchte schließlich das bessere Ergebnis, doch seltsamerweise spielte er nicht mehr so gut wie am Abend zuvor. Das Dach war nicht mehr geschlossen, die Bedingungen waren somit völlig andere. Aus der privat anmutenden Hallensession wurde ein teils lautstark verfolgtes Match in praller Sonne. Zverev verlor sofort drei Spiele in Serie und musste in den vierten Satz. Der 29-Jährige glänzte nicht, brauchte drei Matchbälle (beim zweiten unterlief ihm ein Doppelfehler), aber nach dem 6:4, 7:5, 3:6, 7:6 (6) hat er eine Lücke in seiner Vita geschlossen: Er erreichte im zehnten Anlauf in Wimbledon erstmals das Viertelfinale; bei den anderen drei Grand-Slam-Turnieren stand er schon in den Finals.

Alexander Zverev brüllt seine Freude über den Viertelfinaleinzug heraus.
Alexander Zverev brüllt seine Freude über den Viertelfinaleinzug heraus. Marko Djurica/Reuters

Eine kleine Belohnung gibt es bekanntlich für solche Leistungen. Wie Struff ist er nun Mitglied im Last-8-Club, den es so nur in Wimbledon gibt: Einzelspieler, die es bis in die Runde der letzten Acht schaffen, sowie Doppel-Halbfinalisten erhalten bis ans Lebensende Zutritt zum Turnier. Und noch etwas Besonderes schaffte Zverev: Erstmals besiegte er in Wimbledon einen Top-20-Spieler. Lehecka ist Nummer 14 der Weltrangliste. „Ich bin unglaublich erleichtert, das erreicht zu haben“, sagte Zverev über sein erstes Viertelfinale beim On-Court-Interview.

An diesem Mittwoch trifft Zverev, diesmal auf Court No. 1, auf den US-Amerikaner Taylor Fritz, 28. Eine auch mental spezielle Aufgabe. Denn der Deutsche verlor die sieben letzten Partien gegen den aktuellen Weltranglisten-Siebten. „Wahrscheinlich wird es nicht ganz unterhaltsam“, meinte er schmunzelnd, „wir schlagen beide mit 140 Meilen pro Stunde auf“, also mit 225 km/h. Und dass er, ohne einen Tag Pause, gleich wieder antreten muss? „Ich bin einfach froh, dass ich überhaupt wieder spielen kann.“ Die Erleichterung klang aus jedem seiner Worte.

Struff spielte einen vorzüglichen ersten Satz. Doch bei 5:5 kassierte er das Break. Im zweiten Satz nahm ihm Sinner zum 2:1 das Aufschlagspiel ab, Struff konterte umgehend mit dem 2:2. Sinner zeigte eine Reaktion, gestikulierte verärgert. Der couragierte Struff setzte ihm tatsächlich zu, wagte insgesamt 38 Netzangriffe, verteidigte die Grundlinie. Einmal schob Struff den Ball spektakulär am prominenten Gegner vorbei, da johlten die Zuschauer.

Der große, schlanke Sinner, das fiel aber auch auf, macht seit Längerem nicht den besten Eindruck, zumindest spult er nicht mehr maschinenartig seine Dominanz ab. Bei den French Open brach er in der zweiten Runde, bei hoher Führung kurz vor dem Sieg stehend, körperlich ein. Ohne Vorbereitungsturnier gespielt zu haben, kam er nach Wimbledon. Geschmeidig agierte er nicht immer in Wimbledon, auch gegen Struff war er manchmal genervt von schwachen Schlägen. Trainer Carsten Arriens, der Struff schon früherer betreut hatte und sich bereit erklärte, ihm für ein paar Wochen zu helfen, stand immer öfter auf der Tribüne. Bei 5:4 und Aufschlag Sinner hatte Struff sogar Satzball. „Der zweite Satz hätte auch anders enden können“, räumte Sinner ein.

Rückstände aufzuholen, das wurde bei diesem Turnier zur Spezialität von Struff. Doch diesmal setzte ihm Sinner Grenzen. Mit einem Break zum 5:3 im dritten Satz sicherte er sich den Sieg. „Das war heute eine große Bewährungsprobe. Körperlich habe ich mich heute wirklich sehr wohlgefühlt“, sagte Sinner. Für Struff bleiben neben dieser Respektsbekundung auch 560 000 Euro Preisgeld. Und er springt vom 74. Weltranglistenplatz hoch in die Top 45.  „Ich denke und hoffe, dass mich dieses Ergebnis noch ein wenig weiterbringt“, sagte Struff später. „Es war bisher eine schwierige Saison, aber das ist definitiv ein Höhepunkt meiner Karriere.“

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