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Biathlon-WM:La Wierer im Goldrausch

Goldgewinnerin: Dorothea Wierer

(Foto: AFP)

Er ist schon komisch, dieser Sport. Erst beschleunigen und durch den Fichtenwald hetzen, dann plötzlich wieder abbremsen, um auf fünf kleine Scheiben zu schießen. Also was jetzt - laufen oder schießen? Und dann: Kommen die Läufer als Erste ins Ziel, aber sie gewinnen am Ende doch nicht. Wer soll sich da auskennen? Fußball, Schwimmen, Formel 1, Rad - Italiener lieben Sport mit klaren Treffern und Abläufen. Damit also Biathlon in Italien jemals ein Renner wird, braucht es ein kleines Wunder.

Und womöglich tritt dieses Wunder nun gerade ein. Einige Komponenten, die dafür nötig wären, sind schon erfüllt. Bei der WM in Antholz in Südtirol haben die Italiener Dramen aufgeführt, Siege errungen, und dann schien auch noch fast die ganze Zeit die Sonne Südtirols, unter der Gold besonders glänzt. Doch all das hätte gar nichts bedeutet, wenn der entscheidende Wunderfaktor nicht wäre: eine Siegerin voller Selbstbewusstsein, die nicht nur eine starke Lunge hat und schnell schießen kann, sondern auch die Medien zu einem Wettkampf um die poetischste Beschreibung animiert. Die Augen eines sibirischen Tigers habe sie zum Beispiel, da sind sich viele einig. Und welche Siegerin hat schon einen Vornamen, in dem Oro, italienisch für Gold, schon drinsteckt?

Dorothea Wierer, 29 und aus Niederrasen bei Antholz, ist der Mittelpunkt, um den sich das italienische Biathlon nun dreht. Vermutlich werden ihre Karriere und ihr Leben eine entscheidende Wendung nehmen nach dieser WM, die schon vergangenen Donnerstag mit einem Erfolg angefangen hatte. Das war der zweite Platz in der Mixed-Staffel, den schon viele biathlonfremde Tifosi verfolgten, weil sich Wierer und ihre Teamkollegin Lisa Vittozzi zuvor in den Zeitungen beschimpft hatten: Es ging um eine eigenmächtige Staffelpause Wierers vor einem Jahr - Egoismus, Betrug, Neid und Enttäuschung waren die Eckpunkte des Streits. Nun aber hatte die Mixed-Staffel alle vereint, nebenbei erfuhren die Zuschauer, dass Biathlon doch verdammt spannend sein kann. Und Wierer war überregional erstmals nicht mehr die Wierer, sondern die Doro.

Wierer ist erfolgreich, vereint aber auch Gegensätze

Die Verwandlung hing nicht nur mit ihren Erfolgen zusammen, sondern auch mit ihrer Art. Wierer hat eine gewisse Leichtigkeit, sie antwortet auf Fragen gerne mit einem Gag, sie kann sich inszenieren. Kurz vor Beginn ihrer zweiten großen Pressekonferenz sagte sie erst mal gar nichts. Das Publikum drängte sich, der Moderator wollte die erste Frage stellen: "Mrs. Wierer? Hallo?" Aber Wierer steckte in einem Gespräch mit irgendjemandem, ganz versehentlich natürlich, oder vielleicht auch ein bisschen absichtlich.

Denn nun hatte sie ja eine großartige Sache zu schildern, ihren ersten WM-Sieg in Antholz. Sie hatte die Verfolgung gewonnen, auch dies ein Rennen, das jeder versteht: 39 Sekunden Rückstand hatte Wierer aus dem Sprintrennen, aber sie arbeitete sich vor, und als sie im letzten Schießen die besten Nerven bewies, da war ihr Vorsprung nicht mehr aufzuholen. Die Gazzetta dello Sport schrieb am nächsten Tag: "Wir entdecken einen neuen Sport, sehr unterhaltsam, aber schwer zu praktizieren." Und Premierminister Guiseppe Conte kündigte seinen Besuch in Antholz für diesen Samstag an.

"D'Orothea" (Corriere della Sera) selbst wiederum lieferte weiter Stoff für Geschichten. Sie ist erfolgreich, vereint aber auch Gegensätze. Sie entstammt der braven Idylle Südtirols, hat vier Geschwister, von denen drei Biathlon betrieben. Andererseits zog es sie in die Welt, sie war eine der ersten italienischen Biathletinnen, die WM-Medaillen errangen, schon 2011 wurde sie Juniorenweltmeisterin. Zudem war Wierer war auch eine der Ersten, die sich die Lider kräftiger nachzogen, die Brauen stark konturierten und charmant lachten, nicht nur bei Siegen wie am Sonntag, nach dem es erst so richtig losging.

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