Süddeutsche Zeitung

Wettskandal:"Wo Rauch ist, ist auch Feuer"

Private Wettanbieter sind verärgert darüber, dass der DFB sein Interesse an der Affäre um das Zweitligaspiel Aue - Oberhausen so schnell verloren hat.

München - An diesem Wochenende wird gefeiert unter dem vierblättrigen Kleeblatt. Rot-Weiß Oberhausen, der Zweitligist, der das Glückssymbol im Wappen trägt, lädt zur Gala, um seinen 100. Geburtstag zu begehen.

Vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) kommt dazu das schönste derzeit denkbare Geschenk, ein Freibrief besonderer Güte. Am Freitag bestätigte Horst Hilpert, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, dass es nichts mehr zu kontrollieren gebe.

Jedenfalls nicht in jener misslichen Wettaffäre, die die Vorbereitungen auf das Klubjubiläum seit dem 0:2 bei Erzgebirge Aue schwer belastet hatte.

Nach Ansicht der Fernsehbilder, Lektüre der Eidesstattlichen Erklärungen der RWO-Profis und der Befragung des Schiedsrichters, sei, so Hilpert, kein hinreichender Tatverdacht gegeben.

Befreit von "einem gewissen Druck" sieht Hermann Schulz, der Vorstandsvorsitzende, nun seinen Verein, trotz Tabellenrang 16, trotz Abstiegsplatz, und obwohl im fernen Salzburg jemand laut "Dies ist ein Skandal!" ruft.

Zeitgleich mit dem DFB-Freibrief hat Detlef Train, Geschäftsführer von Intertops, einem privaten Anbieter von Sportwetten im Internet, eine Presseerklärung verfasst.

Darin fragt Train, "warum der ,unabhängige DFB' eine solche zielgerichtete Aussage macht, anstatt seiner Aufsichts- und Kontrollfunktion im übergeordneten Interesse des Fußballs und seiner vielen Millionen Anhänger nachzugehen?"

Er hat auch eine Vermutung: "Ist die brüderliche Nähe DFB/Lotto/Oddset der Grund, warum keine Untersuchung notwendig ist?" Und weiter: "Kann Oddset keine Negativberichterstattung im Wettbereich gebrauchen?"

In die vergangene Woche, in der so manchem aufgrund der Oberhausen-Debatte erst gewahr wurde, dass es einen weltweiten, komplizierten und oftmals illegalen Weltmarkt für Fußball-Wetten gibt, hatte die Konferenz der Ministerpräsidenten der Bundesländer in Berlin die Bedeutung von Oddset per Änderung des Staatsvertrages untermauert: Von Oddset sollen nun 30 Millionen Euro statt ursprünglich geplanter 14 Millionen in die Finanzierung eines gemeinnützigen Rahmenprogramms zur WM 2006 fließen.

Wer diese Gewinne erwirtschaften muss, braucht keine Nachrichten, die die Glaubwürdigkeit gefährden?

Auch Intertops kann keine Beweise dafür liefern, dass die Partie Aue gegen Oberhausen, geprägt von einem kuriosen Eigentor und einem seltsamen Elfmeter, kein fairer Wettkampf war.

Doch Train ("Kein Rauch ohne Feuer") nennt seine Fakten aus einer weltweit beobachteten Kettenreaktion, in der erstmals eine Partie der deutschen Bundesligen vor dem Anpfiff von vielen Anbietern aus dem Angebot gestrichen wurde.

Und er sagt: "Solche Wettmuster sehen wir in jeder Woche einmal. Nur in anderen Ligen, eher weiter östlich. In diesem Jahr ist zum Beispiel auch der Uefa-Cup eine einzige Frechheit. Mich freut ja zu lesen, dass Fifa und Uefa in höchster Sorge sind. Nur der DFB ist nicht in Sorge."

Anders als der europäische Verband Uefa, der nach Klagen englischer Buchmacher ein Ermittlungsverfahren zur Partie Panonios Athen - Dynamo Tiflis (1. Dezember, 5:2 für Athen nach 1:0-Halbzeitführung von Tiflis) eingeleitet hat, will der DFB offenbar nicht einmal die leicht ermittelbaren Tatsachen einsammeln.

Selbst wenn dies nur dazu dient, mehr über jene zu erfahren, die nach Meinung vieler Insider mit kriminellen Mitteln versuchen, zunehmend Spiele zu manipulieren. In kaum einem Markt ist derzeit leichter Geld zu verdienen als auf dem Feld der Sportwetten.

Sobald jemand mehr weiß als die anderen, benötigt er dazu nur noch einen Internetzugang und Konten bei diversen Wettanbietern.

Bei Intertops setzen Durchschnittskunden zwischen 30 und 50 Euro auf ein Zweitligaspiel. Am Sonntag war es so, dass ab dem Vormittag drei- und vierstellige Einsätze (pro Wette maximal 2000 Euro) auf einen Sieg von Aue registriert wurden. Daraufhin wurde die Quote verändert, die von Aue verringert, die von Oberhausen erhöht, also attraktiver gemacht.

Doch auch bei schwachen Siegquoten von 1,40 für einen Euro Einsatz sei, so Train, weiter groß auf Aue gesetzt worden: "Um 13 Uhr haben wir die Wette geschlossen, um unseren Verlust zu begrenzen."

Angenommene Wetten können nicht mehr storniert, sie müssen ausgezahlt werden. Gewöhnlich verzeichne das Unternehmen zwischen 10000 und 20000 Euro Einsatz, bei jener Partie, wahrlich kein Zweitliga-Knüller, seien es bei Annahmeschluss bereits fast 80000 Euro gewesen, "nicht verteilt, sondern fast nur auf den Heimsieg von Aue".

Bei der Pagobet GmbH in Seekirchen/Österreich wurden ähnliche Wettmuster entdeckt. Mit 3,4 zu 1 war die Wette auf Aues Heimsieg angeboten worden, als dort ebenfalls zwei Stunden vor Spielbeginn die Notbremse gezogen wurde, sah die Bilanz so aus: Rund 75000 Euro Umsatz (statt 25000 im Zweitliga-Regelfall), davon 20000 Euro (statt 2000) auf die Handicapwette, nach der der Favorit mit einem Tor Rückstand ins Spiel geht, Aue also - wie geschehen - mit einem Zwei-Tore-Vorsprung gewinnen musste.

Nach dem Abpfiff musste Pagobet eine sechsstellige Summe auszahlen. Dass etwas anders war als sonst, war den Mitarbeitern am Mittag durch einen einzigen Blick auf die Internetseite von Betfair.com aus London aufgefallen.

Dies ist für Europas Wettprofis die wichtigste Seite im Netz, dort werden - allerdings weit hinter Asien - die größten Umsätze getätigt. Betfair ist kein Buchhalter, die Seite funktioniert wie eine Börse. Wer bei Betfair ein Konto besitzt, kann selbst Wetten anbieten oder annehmen.

Er muss nur jemanden finden, der beim ins Netz gestellten Kurs zuschlägt, Betfair kassiert eine Provision. Mindestens 500000 Euro wurde mit Aue-Oberhausen umgesetzt, und es wäre leicht festzustellen, von wem.

Betfair müsste dazu die Computer-Legende der Partie vorlegen mit Namen, Adressen und allen Einsätzen. Anschließend könnten Oberhausens Profis, die an Aufklärung ein brennendes Interesse haben sollten, freiwillig ihre Handyrechnungen und Kontobewegungen einer internen Kommission präsentieren - schon bekäme die Zweite Liga vielleicht ein erstklassiges Gütesiegel.

Für Englands Fußball-Verband ist es einfach, an Unterlagen für seine Premier-League-Spiele zu kommen, er hat einen Vertrag mit Betfair. Auch die ATP-Tour der Tennisprofis kooperiert, nachdem 2003 der Verdacht aufkam, Spiele würden mittels Betfair systematisch und gewinnreich verschoben.

Im Fall von Aue-Oberhausen allerdings wird Betfair handeln wie eine Schweizer Bank und seinen Kunden Datenschutz gewähren.

Dass es irgendwo in dieser weiten Welt der Zocker ein Problem geben muss, hat nun aber auch der deutsche Chefankläger Horst Hilpert erkannt. Am Freitag erklärte er, der DFB werde prüfen, ob er ein Wettverbot für seine Berufsfußballer erlassen könne.

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Quelle:
SZ vom 18.12.2004
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