Süddeutsche Zeitung

Wettskandal im Fußball:Zeuge aus Rache

Er ist smart, glatt und brutal genug, einem Profi notfalls das Bein zu brechen: Jahrelang hat Wilson Raj Perumal Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre bestochen und Partien frisiert. Jetzt ist er Zeuge gegen seine ehemaligen Geschäftspartner.

Von Christopher Keil

Rovaniemi liegt am Polarkreis und ist die Hauptstadt von Lappland. Es gibt einen Fluss, 60.000 Einwohner, drei Golfplätze, acht Jahreszeiten. So ist das im Norden Europas. Manchmal geht die Sonne nicht unter, manchmal möchte man vielleicht im Arctic Hotel übernachten, das komplett aus Eis gebaut ist.

Am 25. Februar 2011 versuchte Wilson Raj Perumal aus Singapur vor dem Gerichtsgebäude in Rovaniemi bei minus 20 Grad zwei Polizisten zu entkommen. Perumal trug eine Jeans, dünne Schuhe und ein T-Shirt. Tags zuvor war er auf dem Flughafen in Helsinki verhaftet worden. Nach Finnland war er mit einem gefälschten Pass eingereist. Dass er unter Beobachtung stand, muss er gemerkt haben, sonst hätte er nicht versucht, Skandinavien zu verlassen. Seine Flucht in Rovaniemi war nach wenigen Schritten beendet. Mit extremer Kälte kannte er sich nicht aus.

Perumal besitzt andere Kenntnisse. Der Malaie ist die wichtigste Quelle für alle europäischen und internationalen Strafverfolger, die schon länger vermuten, dass vor allem Syndikate aus Asien weltweit Fußballspiele manipulieren, Länderspiele, Champions-League-Partien, nationale Spitzenspiele, WM-Qualifikationsspiele.

Wenn man verstehen will, wie der globalisierte und durch das Internet beschleunigte Wettbetrug funktioniert, den Europol Anfang dieser Woche ausrief, muss man sich mit Perumal beschäftigen. Die im Juni 2012 in Bochum erhobene Anklage gegen den früheren Zweitliga-Profi René Schnitzler (FC St. Pauli) beruht teilweise auf dem Wissen Perumals. Schnitzler hatte 100.000 Euro angenommen und sollte 2008 fünf Spiele seines Klubs beeinflussen. Die Anklage gegen ihn beinhaltet den Vorwurf der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Ein Mitglied der kriminellen Vereinigung soll Tan Seet Eng sein.

Jahrelang war Wilson Raj Perumal, 47, einer von fünf Shareholdern eines Singapur-Kartells, das von Tan Seet Eng, auch Dan Tan genannt, gelenkt wird. Gegen Tan liegt ein internationaler Haftbefehl vor. In Singapur, wo jedes nicht korrekt entsorgte Kaugummi zu Bestrafung führt, kümmert das Justiz und Polizei bisher nicht.

In Rovaniemi hatte Perumal vor zwei Jahren wie üblich Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre bestochen und Partien der ersten finnischen Liga frisiert. Über seine Briefkastenfirma Exclusive Sports sollte er Tampere United übernehmen, ein kühner Plan. Doch Perumal wirtschaftete vermutlich auf eigene Rechnung, hielt die Hälfte der mit Tamperes Funktionären vereinbarten Summe von 500.000 Euro zurück. Dan Tan schickte deshalb einen Handlanger, der ihn an die finnische Polizei verriet. Endstation Polarkreis.

Er war smarter, glatter - und er war brutal

Mit 16 verließ Wilson Raj Perumal die Schule. Er war 18, als er erstmals einem Fußballspieler aus der Super League Malaysias ein paar Tausend Dollar zusteckte und ihn drängte, auf ein verabredetes Resultat zu kicken. Perumal stammt aus einem Haushalt der singapurischen Mittelklasse und machte Karriere. Er wurde Einbrecher, Urkundenfälscher, Betrüger und Gewalttäter. Er war smarter als viele im Milieu, glatter und brutal genug, einem Profi das Bein zu brechen, der nicht wie bestellt lieferte. Und er war kreativ. Für die Dan-Tan-Familie ließ er eine Nationalmannschaft Togos in Bahrain antreten, die Probleme hatte, 90 Minuten durchzustehen und aus Nationalspielerdarstellern bestand. Er begann, Verbände in Afrika (Ghana, Zimbabwe) zu "engagieren", statt immer nur einzelne Offizielle und am Match Beteiligte. Er schloss Verträge mit Bolivianern und Südafrikanern.

Das All-inclusive-Modell war außerordentlich erfolgreich, seit etwa 2008 auch in Europa, aber sehr dreist. Perumal setzte unauffällige Freundschaftsländerspiele ohne TV-Übertragung an, suchte die Gegner aus, brachte seine Referees mit, mietete Stadien, bezahlte Flüge, Hotels, Antrittsgagen. Nigeria gegen Argentinien. Südafrika gegen Guatemala. Ein todsicherer Tipp.

Irgendwann fiel das Singapur-System den Spezialisten aus den Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften auf. Zu viele Elfmeterpfiffe und zu hohe Einsätze in China. Irgendwann muss Perumal zwischen seinen falschen Identitäten und Kontinentalflügen den Überblick verloren haben. Irgendwann war er zwischen seinen Gefängnisaufenthalten - er verbrachte von 1995 bis 2011 etwa sieben Jahre in Haft - ohne Bindung. Irgendwann glaubte er, den jungen Spielern aus den von ihm bevorzugten afrikanischen Staaten eine Zukunft in Wohlstand zu ermöglichen - indem er sie und ihre Familie kriminalisierte, abhängig und zu Komplizen machte.

Er, der die Koffer immer mit Bargeld gefüllt hatte, bezeichnete sich als "Robin Hood", der die Armen und Vernachlässigten des Weltfußballs aufgelesen und gut behandelt habe. Im Vergleich zu Dan Tan allerdings sei er eine "Micky Mouse".

Vielleicht. Tampere wurde nach Perumals Geständnis vom Spielbetrieb ausgeschlossen, Perumal kam wegen Bestechung und Betrugs in Rovaniemi vor Gericht und musste zwei Jahren in die Zelle. Nach zwölf Monaten wurde er entlassen. Ein mildes Strafmaß. Der Match-Dealer hatte detailliert ausgesagt, besonders gegen Dan Tan, teils aus Rache wegen des Verrats, teils aus Kalkül. Eine Europareise mit Unterbringung in wechselnden Haftanstalten wollte er nicht antreten.

Rache, keine Reue

Stattdessen machte er sich selbst zum wichtigsten Zeugen der Aufklärung. Nach seiner Verurteilung im Juli 2011 trafen sich Staatsanwälte und Polizeichefs aus Deutschland, Finnland, Ungarn, Slowenien und Österreich regelmäßig in Den Haag. Die Zusammenkünfte wurden als Sonderkommission "Veto" geführt und dienten dem Datenaustausch. Europol-Analysten halfen bei der Auswertung. Von 380 "gedopten" Spielen wusste man bereits.

Doch in 150 neuen Fällen besteht angeblich begründeter Betrugsverdacht, die Partien wurden nicht nur in Afrika, Asien und Südamerika ausgetragen, sondern auch in Europa. Weitere 150 Partien werden als "verdächtig" bezeichnet. Perumal weiß über das alles sehr viel: Die finnischen Polizisten hatten in seinem Mobiltelefon nicht nur die Nummer eines Londoner Escort Service gefunden, sondern mehr als 200 internationale Anschlüsse, 50 davon waren in Singapur registriert.

Seit Jahren verfolgt der für Korruption zuständige Bochumer Staatsanwalt Andreas Bachmann in der Soko "Flankengott" mit dem Bochumer Ersten Hauptkommissar Friedhelm Althans unbeirrbar den Wettbetrug in Deutschland. Bachmann brachte den Kroaten Ante Sapina 2011 vor Gericht. Sapina soll mit zwei Komplizen um die 50 Spiele beeinflusst haben. "Flankengott" wird mit einer Stärke von fünf Beamten 2013 aktiv bleiben, die Bochumer Verfahren sind nicht abgeschlossen, außerdem steht die Revision Sapinas aus, der Dan Tan nach Recherchen des kanadischen Journalisten Declan Hill im Sommer 2008 in Wien getroffen haben soll.

Auch die italienischen Fahnder unterhielten sich intensiv mit Perumal, inzwischen ist der wertvolle Insider in Ungarn an einem geheimen Ort untergebracht. Er könnte sich frei bewegen, die "Veto"-Ermittler schätzen ihn als vermögend ein, weil er siebenstellige Summen auf verschobenen Spiele setzen konnte. Doch Perumal braucht Schutz. Wer die Familie verrate, hatte er geäußert, riskiere sein Leben.

Detailliert hatte Perumal ein Organigramm der Dan-Tan-Bande auf ein Blatt Papier gemalt und es in flüssiger Schönschrift erklärt. Vier Shareholder waren in Ungarn, Bulgarien, Kroatien und Slowenien aktiv, zwei sind bereits festgenommen.

Zaihan Mohamed Yusof von der Zeitung The New Paper aus Singapur, der seit September 2010 den Spuren der Singapur-Connection folgt, erhielt von Juni 2011 bis Anfang 2012 fünf handschriftliche Briefe Perumals. "Ich habe kein schlechtes Gewissen und bereue nichts", teilte er darin mit. "Ich bin aufgewachsen in einer Region, wo Fußball-Wette und Wettbetrug ein Lebensweg sind. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich gerne Kinder haben." Journalist Yusof glaubt, dass Perumal versuchen wird, ins illegale Wettspielgeschäft zurückzukehren.

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Quelle:
SZ vom 08.02.2013/jüsc/bavo
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