bedeckt München 15°

Wettbetrug beim Snooker:Die einfache Manipulation

Wie in kaum einer anderen Sportart lassen sich beim Snooker Absprachen treffen - deshalb gerät der sonst so seriöse Sport ins Visier von Wettbetrügern und steckt nun in der Krise.

Von Jürgen Schmieder

Snooker ist eine Sportart, bei der das Ballen der Faust als ungeheuerlicher Gefühlsausbruch gilt. Über einen glücklichen Stoß hat der Spieler sich nicht zu freuen, sondern beim Gegner zu entschuldigen - und wer einen eigenen Fehlstoß nicht selbst beim Schiedsrichter zugibt, der gilt als unfeiner Flegel. Die Akteure sehen mit Hemd, Fliege und Weste nicht nur aus wie Kellner bei einem Galadinner, sie sollen sich gefälligst auch so benehmen. Stets zurückhaltend, zuvorkommend und vor allem ohne Makel.

Wettbetrug beim Snooker

John Higgins im Visier der Ermittler: Der dreifache Weltmeister soll zugestimmt haben, Frames zu verlieren.

(Foto: Foto: dpa)

Dieser gediegene Sport wird nun seit mehreren Wochen erschüttert von handfesten Skandalen. Der dreimalige Weltmeister John Higgins wurde von der Zeitung News oft he World dabei gefilmt, wie er zustimmte, für die Summe von 300.000 Euro vier Spielabschnitte innerhalb eines Jahres absichtlich zu verlieren. Zudem soll er während einer Toilettenpause des Finales der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr - Higgins gewann damals gegen Shaun Murphy - versucht haben, gegen sich selbst zu wetten.

Die Polizei ermittelt außerdem gegen Stephen Maguire, Jamie Burnett und Stephen Lee, weil sich bei ihren Spielen bestimmte Wettmuster gezeigt haben. Mittlerweile ermitteln nicht nur der Weltverband, sondern auch die britischen Behörden.

"Es ist die schwärzeste Zeit, die ich jemals im Snooker erleben musste", sagte der sechsmalige Weltmeister Steve Davis, nachdem er von den Anschuldigungen gegen Higgins und Maguire erfahren hatte. Viele Freunde der Sportart fragen sich: Warum ausgerechnet beim Snooker, diesem Sport für Gentlemen? Die Antwort darauf ist so banal, dass sie bisher kaum jemand auszusprechen wagte: Weil in kaum einer anderen Sportart das Manipulieren derart risikofrei und einfach vonstatten geht.

Beim Snooker ist eine Partie in mehrere Abschnitte, so genannte Frames, aufgeteilt - das Finale der Weltmeisterschaft etwa gewinnt der Spieler, der zuerst 18 Frames für sich entscheidet. Bei Live-Wetten im Internet oder auch per Telefon kann der Zocker nicht nur auf das Gesamtergebnis setzen, sondern auch auf den Ausgang einzelner Abschnitte.

Das bedeutet: Ein Snooker-Spieler muss nicht einmal die komplette Partie verlieren, wenn er einer Wette gegen sich zustimmt - er kann sich etwa bei einer komfortablen Führung von 7:2 eine kleine Verschnaufpause gönnen und bei der Toilettenpause - die nach jedem Frame erlaubt ist - seinen Partnern signalisieren, dass er nun einen Abschnitt verlieren werde. Ein verlorener Satz beim Tennis kann eine Partie drehen, ein verlorener Frame beim Snooker ist weit weniger spielentscheidend.

"Es gibt kein Risiko, weil andere Spieler involviert sind, die gewinnen wollen. Das ist das kein Problem", sagte Higgins im Video von News of he World. Wenn ein Hochspringer drei Fehlversuche abliefert, würde es auffallen. Ein Snookerspieler dagegen kann den Gegner unauffällig gewinnen lassen.

Dazu ist ein Snooker eine derart diffizile Billardvariante, dass ein absichtlicher Fehler nicht einmal Experten auffällt. "Der Spielball rollt fünf Zentimeter zu weit -und schon musst Du eine schwierige schwarze Kugel spielen", sagt Higgins' Manager Pat Mooney in dem Video. "Das kann an jedem normalen Tag passieren." Der schwierige Lochversuch misslingt - und schon hat der Gegner die Chance, den Abschnitt für sich zu entscheiden.

Das Risiko wird zusätzlich dadurch gemindert, dass im Gegensatz zu anderen Sportarten nur ein Akteur involviert sein muss. In vielen Analysen der vergangenen Monate wurde dargelegt, wie teilweise kompliziert es sein kann, in Mannschaftssportarten wie Fußball oder Basketball das gewünschte Ergebnis zu erzielen - die Erfolgsquote von Manipulationen liegt dort laut mehrerer Studien bei etwa 70 Prozent. Beim Snooker kann sich der manipulierende Zocker gewiss sein, dass sein erbetenes Ereignis auch eintritt.

Dazu kommt, dass bei Livewetten das Frühwarnsystem von Anbietern wie BetRadar oder SportRadar zu spät anschlägt und eine Warnung kaum möglich ist. betradar.com etwa misst die Quotenveränderungen der Wettanbieter in Zwei-Minuten-Intervallen. Verändern sich die Quoten auffällig, werden automatisch Warnhinweise per E-Mail oder SMS verschickt. Wird also schnell bei Angeboten gewettet, die erst nach dem Beginn des Ereignisses freigeschaltet werden, kommt eine Warnung meist zu spät. Kenner der Szene wissen, dass die Toilettenpause zwischen Spielabschnitten lange genug ist, um ausreichend Wetten abzuschließen-- und kurz genug, um das Frühwarnsystem zu übertölpeln.

"Die vielzitierten Frühwarnsysteme sind ein gut gemeinter Ansatz, jedoch vielfach noch unausgereift, da in vielen Ländern, die gerade jetzt vom Wettskandal betroffen sind, die notwendige Sensibilität für das Thema Wettbetrug nicht vorhanden ist", sagt Wolfgang Fabian, Gründer des Wettanbieters interwetten.com.

Die Zukunft des Sports steht auf dem Spiel

Dies zeigt der Fall der Spieler Stephen Maguire und Jamie Burnett. Maguire hatte sich am 14. Dezember 2009 in der ersten Runde mit 9:3 Frames durchgesetzt, nachdem Burnett die schwarze Kugel zum Gewinn seines vierten Frames nicht ins Loch befördert hatte. Die Snooker-Offiziellen waren zwar vorher darauf aufmerksam gemacht worden, dass ungewöhnlich viele Wetten auf einen 9:3-Erfolg von Maguire platziert worden seien - eine Warnung wegen einzelner Frames gab es indes nicht.

Die Sportart Snooker - aufgrund sinkender Einschalquoten in Großbritannien und fehlender Sponsorengelder ohnehin angeschlagen - muss mit dieser Krise nun sorgsam umgehen. Sie muss nicht nur die Vorfälle der vergangenen Wochen aufklären, sondern auch dafür sorgen, das Vertrauen in den Sport wieder herzustellen. "Wir dürfen diesen Sport nicht sterben lassen", sagt der Präsident des Weltverbandes, Barry Hearn.

Wie schwer diese Aufgabe werden kann, erklärt Steve Davis: "Der schlimmste Gedanke ist, dass von nun an bei jedem kleinen Fehler jemand denken könnte, dass er absichtlich gemacht wurde." Davis geht gar so weit, über seinen Abschied vom Snooker nachzudenken: "Ich muss mir nun ernsthafte Gedanken über meine Zukunft machen."

Wohlgemerkt: Dieser Satz stammt von einem sechsfachen Weltmeister, der noch vor wenigen Wochen erklärt hatte, dass er den Sport so liebe, dass er niemals freiwillig aufhören würde und dass man ihn einmal vom Snookertisch wegtragen müsse.

© sueddeutsche.de/aum
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema