West-Ham-Trainer David MoyesHappy East End

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696 Partien als Trainer: David Moyes hört mit 61 Jahren als Trainer bei West Ham United auf.
696 Partien als Trainer: David Moyes hört mit 61 Jahren als Trainer bei West Ham United auf. (Foto: Richard Pelham/Getty)

David Moyes führte West Ham United zum Europacup-Triumph. Nun verlässt der 61-Jährige den Premier-League-Klub aus dem Londoner Osten und wird zum Abschied gefeiert wie ein Held.

Von Sven Haist, London

Die Fans des stolzen Arbeitervereins West Ham United bewiesen im letzten Heimspiel von David Moyes ähnliche Klasse wie der Trainer. Statt im Trainingsanzug coachte Moyes die Spieler diesmal in feiner Garderobe zum Sieg gegen Luton Town (3:1). Und die Zuschauer sangen ihm auf der Ehrenrunde nach Spielende anerkennend den Folk-Klassiker "500 Miles", zu dem der Schotte nach dem Conference-League-Sieg 2023 mit West Ham in der Kabine ausgelassen getanzt hatte.

Kaum ein Lied beschreibt das Wirken des beharrlichen 61-Jährigen besser als das der Kult-Band "Proclaimers", das von Hingabe und Treue handelt - und davon, wie viel jemand bereit ist, dafür zu geben. Moyes ist in den vergangenen viereinhalb Jahren wahrlich mehr als eine Extrameile für den Klub gelaufen.

Seine Verdienste honorierten die Leute mit einer emotionalen Verabschiedung, die in London so wohl nur das herzliche East End hinbekommt - nicht mit Geschenken und Ansprachen, sondern mit einer Ovation. Die Dankbarkeit konnte Moyes bei seinem Rundgang durch das London Stadium, der Olympia-Herberge 2012, auf einigen Plakaten nachlesen - auf einem stand: "Moysie, thank you. 3 years in Europe, and Champions!" Immer wieder winkte er den Anhängern gerührt zu. Ein riesiges Gefühl sei es für ihn gewesen, Trainer eines solch großartigen Klubs zu sein, sagte Moyes bescheiden wie immer. Wenn man denkt, gute Arbeit geleistet zu haben, sei es toll, den Applaus zu ernten.

Wie beim FC Everton, den er von 2002 bis 2013 betreut hatte, gelang es Moyes auch bei West Ham, einen kriselnden Traditionsverein zu stabilisieren und nach oben zu führen. Er ist wie geschaffen für solch volatile Klubs, weil ihn offenbar nur wenig aus der Fassung bringt. Zweimal übernahm er West Ham in Abstiegsnot, zuerst im November 2017 für ein Dreivierteljahr und dann im Dezember 2019 - jeweils schaffte er den Ligaerhalt. Mit körperbetontem und auf Konter ausgerichtetem Spiel schlug West Ham den Spitzenvereinen immer wieder ein Schnippchen, in der Saison 2020/21 wurde der Klub Sechster - die höchste Platzierung jemals für den Klub in der Premier League.

Er hat die Europapokal-Träume der Menschen wahr werden lassen

Zu Moyes' Vermächtnis zählt auch, dass er die Fans nach dem Stadionumzug 2016 mit dem Standort Stratford versöhnt hat. Er hat quasi die Brücke geschlagen zwischen dem ehrwürdigen Boleyn Ground und der schicken neuen Multifunktionsarena, in der die Tribünen deutlich weiter vom Spielfeld entfernt sind als früher. Und er hat die Europapokalträume der Menschen wahr werden lassen - was bei West Ham noch möglich war, weil der Klub letztmals 1965 einen internationalen Titel abgeräumt hatte: den Europapokal der Pokalsieger. Die Mannschaft habe den Anhängern "einige wirkliche große Abende" beschert, sagte Moyes. Er freue sich darauf, die nächsten Schritte von West Ham zu verfolgen - wohl wissend, dass aus dem Verein in absehbarer Zeit schwerlich mehr rauszuholen sein wird.

An seiner Personalie verdeutlicht sich auch die Zerrissenheit des Klubs: Denn im Winter erhielt Moyes ein Angebot zur Vertragsverlängerung, er zögerte aber, weil er spürte, dass sich das Management nach einer progressiveren Spielweise sehnte. Der Klub scheint Ambitionen zu haben, zu einem Champions-League-Aspiranten zu wachsen, gleichzeitig ist da die Sorge, sich zu übernehmen und wieder in den Abstiegskampf zu geraten. Zuletzt erhöhte sich der Druck indirekt durch die Ligakonkurrenten Crystal Palace und Brighton, die in Oliver Glasner und Roberto De Zerbi jeweils Trainer moderner Prägung beschäftigen. So verkündeten Moyes und West Ham vor einer Woche das Ende der Zusammenarbeit. Sein Nachfolger wird dem Vernehmen nach der Spanier Julen Lopetegui.

Durch den Abschied von David Moyes verliert die Premier League nach dem auch gesundheitsbedingten Rückzug des 76-jährigen Roy Hodgson im Februar das nächste Unikat. Nur Arsène Wenger und Alex Ferguson standen bei noch mehr Premier-League-Spielen an der Seitenlinie als der Schotte, der es nach dem Saisonabschluss bei Manchester City am Sonntag auf 697 Partien bringen wird. Anschließend wird Moyes die EM als Experte für den Radiosender Talksport begleiten. Aber es ist nicht auszuschließen, dass er auch als Trainer in Zukunft nochmals mindestens fünfhundert Meilen für einen Verein auf sich nehmen wird.

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