Süddeutsche Zeitung

DFB-Elf bei der EM 2021:Timo Werners blockierter Instinkt

Der deutsche Angreifer blickt auf ein wechselhaftes erstes Jahr in England zurück. In der Nationalmannschaft startet er daher wohl in der Jokerrolle - und übt Selbstkritik.

Von Philipp Selldorf, Herzogenaurach

Um das Fazit seines ersten Lebensjahres als Engländer zu ziehen, braucht Timo Werner bloß ein einziges Wort: "Gut" falle das Fazit aus. Damit begnügt er sich aber nicht - Werner neigt erstens nicht zur Einsilbigkeit und zweitens ist er kein Mann von einfachen Wahrheiten. Sein Leben als Engländer war im ersten Jahr ein wechselhaftes Dasein.

Der sportliche Ertrag hat gestimmt, er war reicher, als man das beim FC Chelsea vorgesehen hatte: "Am Ende haben wir die Champions League gewonnen - den größten Wettbewerb im Vereinsfußball." Aber Werners vermag auch nicht zu verschweigen, dass sein eigener Weg dorthin kein leichter war. "Für mich war das Jahr mit vielen Hochs und Tiefs verbunden. Es hat gut begonnen, zwischendrin habe ich einen Durchhänger gehabt, und am Ende war es anders, als ich es mir vorgestellt habe, nicht mit Toren, aber mit Assists." Zulieferdienste sind aus seiner Mittelstürmer-Sicht jedoch allenfalls ein Trostpreis, was zählt, sind die Treffer. Ein Tor im Auftaktspiel gegen Frankreich würde Werner seelisch in himmlische Höhen befördern. Aber sein Platz dürfte erstmal die Ersatzbank sein.

Aus dem Gemenge von widrigen Zuständen und Stimmungen, das ihn bei Chelsea beschäftigte, versucht Werner nun schlau zu werden. Das Finale gegen Manchester City gibt ein gutes Beispiel, warum die Selbstwahrnehmung kompliziert ist. Begonnen hatte das Spiel für Werner hervorragend - er stand von Anfang an auf dem Platz.

Dann hielten sich die schlechten und die guten Momente erstmal die Waage: Schlecht war, dass er bei einer Groß- respektive Riesenchance am Ball vorbeitrat; gut war, dass er mit seinem Laufweg ein Loch in Manchesters Deckung riss und damit Platz schuf für das 1:0 durch Kai Havertz. Solche Aktionen liebt nicht nur der Torschütze, sondern auch der Trainer, der die Aktion taktisch instruiert hatte.

Der Trainer reagierte dann aber umso ungnädiger, als Werner zu Beginn der zweiten Hälfte durch einen weiteren Laufweg einen aussichtsreichen Konter zunichtemachte, indem er geradewegs ins Abseits rannte. Die ganze Welt konnte anschließend den Wutanfall von Thomas Tuchel sehen, und wenig später war dann folgerichtig Schluss für Werner: Er wurde ausgewechselt und durfte grübeln, ob er jetzt ein gutes oder ungutes Spiel gemacht hatte.

"Es war nicht immer alles schlecht, wie es vielleicht nach außen gewirkt hat", blickt Werner nun mit etwas Abstand auf sein Einstandsjahr zurück und bemüht sich, gnädig mit sich selbst zu sein. Er habe viel gelernt und sich in Dingen verbessert, die er in der Bundesliga nicht gelernt hätte, "aber natürlich muss man auch selbstkritisch sein und sagen: Das eine oder andere Tor mehr hätte sein müssen."

Bei Angreifern gebe es eben solche Momente, man müsse bloß wissen, woran es liegt - "und das weiß ich: Wenn man zu viel denkt als Stürmer, blockiert man seinen Instinkt." Ja, Werner macht es sich nicht leicht mit sich selbst. Man könnte sogar mit Andy Möller sagen, dass er ein bisschen zu selbstkritisch sich selbst gegenüber ist.

Die magere Torquote hat ihn auch in die Nationalmannschaft verfolgt

In seiner Abschiedssaison in Leipzig hatte Timo Werner in 45 Spielen phänomenale 34 Tore geschossen, in seiner Chelsea-Saison waren es nicht ganz so phänomenale zwölf Tore in 52 Spielen. Die magere Quote hat ihn auch in die Nationalmannschaft verfolgt, wo er zuletzt kaum noch zu den Schützen zählte. Beim 7:1 gegen Lettland steuerte er, was er selbst als Fortschritt empfand, das 6:0 bei - als Einwechselspieler allerdings. Sein Status in Jogi Löws Team war schon mal ein höherer . Nach wie vor ist Werner rasend schnell, aber zurzeit wird er halt auch sehr schnell hektisch, und zwar genau dann, wenn´s drauf ankommt.

Wenn er gegen Frankreich in der Startelf stünde, würde ihn das selbst überraschen. Es gebe "ein brutales Überangebot an Offensivspielern", findet er, und er sei dabei wohl nicht die erste Wahl: "Es ist im Moment so, dass ich hinten dran bin, das ist auch nicht so schlimm", bekennt Werner.

So viel Klarheit und Ehrlichkeit bei der Selbsteinschätzung ehren den Menschen. Doch nicht nur der Trainer Tuchel in London zweifelt, ob sich der Fußballprofi Werner mit seinem selbstkritischen Blick immer einen Gefallen tut. Ein bisschen gesunde Selbstüberhöhung kann einem Leistungssportler über kritische Phasen hinweghelfen.

Miese Laune wird Timo Werner nicht zur Schau tragen, wenn er bei den Reservisten sitzen sollte. Er sei "kein Spieler, der sich mit verschränkten Armen auf die Tribüne setzt und schmollt", sagt er. Er hofft lieber, dass seine Einsätze schon kommen werden: "Ob ich von der Bank versuche, Tore zu schießen oder von Anfang an, ist mir nicht egal. Aber das ist ein Team-Turnier." Eben dies ließ Löw gerade auch durch seinen Assistenztrainer Marcus Sorg ausrichten, der mit einer kleinen Motivationsrede die Spieler aus der zweiten Reihe zur Geduld aufrief.

Womöglich werde ihr erster Einsatz erst am Ende des Turniers kommen, und dann werde es vielleicht diese eine Aktion geben, in der der betreffende Spieler "den Ball von der Torlinie kratzt oder das entscheidende Tor schießt" - sich also unsterblich macht. Ganz so lang will Timo Werner trotzdem nicht warten, und das muss er vermutlich auch nicht. Jogi Löw gehört zu den Trainern, die sich an den guten Momenten ihrer Spieler orientieren.

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