SV Werder Bremen:Bremer auf Bewährung

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AUT, 2.FBL, FSP, SV Werder Bremen Teamevent Rafting Tour / 05.07.2021, Rafting-Tour, Mayrhofen, AUT, 2.FBL, FSP, SV Werd; x

Bootsfahrt mit dem neuen Steuermann: Spieler des SV Werder mit Trainer Markus Anfang (ganz rechts) bei einer Rafting Tour im Trainingslager.

(Foto: nordphoto/imago)

Beim SV Werder ist nach dem Abstieg die große Kaderreform ausgeblieben - zumindest vorläufig. Vor dem Zweitliga-Start steht deshalb vor allem ein Mann im Fokus: Sportchef Frank Baumann.

Von Thomas Hürner, Bremen

Den Geistern der Vergangenheit kann man überall begegnen, sogar bei einer Fußball-Europameisterschaft. Bestens ausgeleuchtet schwirrten sie durch die Stadien, eingefangen von den Kameras, die ihre opulenten Bilder natürlich auch in alle Haushalte der Hansestadt Bremen sendeten. Dort dürften die Anhänger des SV Werder so manche Live-Übertragung mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz verfolgt haben.

Es war zum Beispiel Serge Gnabry zu sehen, der zwar ein höchstens mäßiges Turnier gespielt hat, der allerdings im glänzenden Gewand eines deutschen Nationaltrikots mit der Rückennummer 10 auf der großen Bühne unterwegs war. Und bei den Belgiern spielte ein gewisser Kevin De Bruyne mit, der aufgrund einiger Wehwehchen leider nicht sein gesamtes Repertoire abrufen konnte, der seinem Trainer bei Manchester City, Pep Guardiola, aber längst als bester Mittelfeldspieler der Welt gilt - und der neben seinem Extrakönnen noch etwas mit Gnabry gemeinsam hat: Beide waren mal für für ein Jahr in Bremen, beide haben in dieser Zeit so viel Eindruck hinterlassen, dass das grün-weiße Trikot im Eiltempo um einige Konfektionsgrößen zu klein wurde. Sie waren deshalb für Werder vor allem eines: wohlkalkulierte Glücksgriffe auf dem Transfermarkt.

Baumann muss in diesem Transfersommer mehr Kreativität beweisen

Wahrscheinlich hat der Bremer Sport-Geschäftsführer Frank Baumann auch an diese exponierten Fußballer gedacht, als er im vergangenen Jahr einen jungen Offensivmann namens Tahith Chong präsentiert hatte. Wie einst Gnabry und De Bruyne wurde Chong für wenig Geld von einem englischen Spitzenklub an die Weser gelotst, am Ende sollten wieder drei Parteien vom Geschäft profitieren: Chong sollte sich während seiner Leihe in der Bundesliga die nötige Wettkampfhärte aneignen, Manchester United sollte einen wettkampfgestählten Chong zurückbekommen - und die Bremer wollten ihren Kader um einen Angreifer erweitern, der maßgeblich zum anvisierten Klassenerhalt beitragen sollte.

Ein begabter Spieler auf der Durchreise, diese Idee war nicht neu in Bremen, aber bei Chong wurde das Rückflugticket dann doch etwas früh gebucht: Das Leihgeschäft wurde nach nur einem halben Jahr beendet. Was zweimal funktioniert hat, muss halt noch lange nicht auch im dritten Anlauf glücken.

Das führt wieder zum Sportchef Baumann, der innerhalb der Bremer Anhängerschaft als der Hauptverantwortliche dafür gilt, dass der stolze Traditionsklub nun erstmals seit 40 Jahren in die Zweitklassigkeit zwangsversetzt wurde - und der trotz allem der Hauptverantwortliche dafür geblieben ist, in diesem Sommer ein wiederaufstiegsfähiges Team zusammenzustellen. Bei einigen Fans sorgt das für Unbehagen, Baumann werden unter anderem Fantasielosigkeit und ein antiquiertes Marktverständnis vorgeworfen. In Erinnerung geblieben ist auch das kommunikative Desaster in der vergangenen Abstiegssaison, als der Sportchef lange an Trainer Florian Kohfeldt festhielt, ihn dann öffentlich anzählte, auf Bewährung setzte und ihn schließlich doch kurz vor Saisonende abservierte.

Und dieser Baumann soll jetzt plötzlich alles besser machen?

Komplizierter könnte die Aufgabe jedenfalls nicht sein, die der Sportchef in diesem Transfersommer bewältigen muss. Der Abstieg und die Pandemie haben tiefe Löcher in die Bremer Kasse gerissen, weshalb Experimente wie einst mit Gnabry, De Bruyne oder Chong ausgeschlossen sind. Jede Verpflichtung muss sitzen, jeder Weggang muss das Maximum an Ressourcen freisetzen, bei jedem Geschäft sind Improvisationstalent und Kreativität gefragt. Kurzum: Baumann, der heftig Kritisierte, muss sich und den SV Werder neu erfinden.

Baumann prophezeit noch 15 bis 20 Transfers - in beide Richtungen

Am kommenden Samstag starten die Bremer in die neue Zweitliga-Saison, zu Gast ist Hannover 96, einer der vielen namhaften Rivalen in einem Unterhaus, das stärker besetzt sein dürfte als je zuvor. Und es ist gut möglich, dass der neue Werder-Trainer Markus Anfang, den Baumann vor einigen Wochen aus Darmstadt auslöste, am vierten oder fünften Spieltag ein komplett anderes Team aufstellen wird als bei seiner Premiere im Weserstadion. Als nennenswerte Zugänge konnten bislang die kostengünstigen Verteidiger Anthony Jung (Bröndby IF) sowie Nicolai Rapp und Lars Lukas Mai (Leihe/FC Bayern) vorgestellt werden, die Anfang aus der vergangenen Saison in Darmstadt kennt. Ablösefrei verabschiedet haben sich die Abwehrspieler Theodor Gebre Selassie und Niklas Moisander; Angreifer Milot Rashica wurde für elf Millionen Euro an Norwich City verkauft, was dringend benötigte Einnahmen zum Ende des Geschäftsjahres bedeutete.

Und sonst? Herrscht noch Stillstand auf dem Bremer Transferkarussell, von dem erwartet worden war, dass quasi täglich Fußballer auf- und abspringen. Bald dürfte das Karussell jedoch Fahrt aufnehmen, die sagenhafte Zahl von "15 bis 20 Transfers bis zum 31. August" stellt Baumann in Aussicht; gemeint sind Transfers in beide Richtungen, inklusiver möglicher Leihgeschäfte.

Es wäre eine ungewöhnliche Arbeitssituation für Markus Anfang. Der Coach steht für einen fein orchestrierten Offensivfußball, in dem frühe Balleroberungen und klare Abläufe vorgesehen sind. Einstudiert wurde all das im Trainingslager im Zillertal, wo einige geeignete Fußballer für dieses Konzept dabei waren: der Angreifer Josh Sargent zum Beispiel, oder die Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein, Yuya Osako und Leonardo Bittencourt sowie der Verteidiger Ömer Toprak. Sie alle müssten dem Vernehmen nach in der zweiten Liga vertraglich festgelegte Gehaltseinbußen von 40 bis 60 Prozent in Kauf nehmen, was ungefähr auch dem Absinken des Gesamtetats entspricht. Aber: Sie alle stehen zum Verkauf, weil Werder aufgrund einer gewaltigen Schuldenlast dringend auf Transfererlöse angewiesen ist.

"Die zweite Liga ist auch toll", sagt Leonardo Bittencourt

"Ich muss nicht gleich meine Sachen packen", sagte etwa Bittencourt neulich, "die zweite Liga ist auch toll." Der Spielmacher berichtete von einer "rundum positiven Stimmung" in der Mannschaft, obwohl den Kadermitgliedern bewusst sei, dass im Prinzip jeder auf gepackten Koffern säße. Baumann versicherte zuletzt, dass es durchaus ein Vorteil sein kann, mit vielen etablierten Erstliga-Kräften in eine Zweitliga-Saison zu starten. Was auch plausibel klingt, da es der Sportchef höchstselbst war, der dem nahezu selben Kader vor zwei Jahren sogar eine mögliche Europapokal-Tauglichkeit bescheinigt hatte. Ein Trugschluss, der Baumann nun bis mindestens zum 31. August verfolgen wird.

An diesem Tag schließt das Transferfenster - und für Werder, den einstigen Meister und Pokalsieger, dürfte dann der beschwerliche Alltag in der zweiten Klasse erst richtig losgehen.

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