Süddeutsche Zeitung

Werder Bremen:Schlag in den Magen

Fehlende Effizienz, grobe Patzer: Bremen verpatzt den Saisonstart gegen Fortuna Düsseldorf - offensichtlich sind die Defizite im offensiven Mittelfeld.

Gerade hat man in Bremen noch diskutiert, ob man sich nach dem 1867. Bundesliga-Spiel am Samstag zukünftig Dino nennen sollte. Weil der SV Werder jetzt jener Verein ist, der die meisten Partien in der seit 1963 bestehenden höchsten Spielklasse bestritten hat. "Nein", sagte Werder-Geschäftsführer Frank Baumann am Donnerstag, "Dinos sterben ja aus." Das habe man am Hamburger SV gesehen, hätte er noch anfügen können. Der HSV, der bis dahin die meisten Spiele absolviert hatte, ist inzwischen ein Zweitligaklub. Ein alternativer Vorschlag war "Evergreen", auch wegen der grünen Vereinsfarbe.

Ob Dino oder Evergreen - diese Debatte löste sich nach dem 1:3 gegen Fortuna Düsseldorf vorerst in Luft auf. Zwar ist Werder seit der Beförderung des einstigen Nachwuchstrainers Florian Kohfeldt gefühlt wieder weit davon entfernt, das Schicksal des hanseatischen Nachbarn zu erleiden. Aber die Vorsätze, in denen das Wort Europa vorkam, sind vorerst auf Halde.

Das große Problem: Das von Kohfeldt beschriebene Entwicklungsziel, nämlich ein effizientes, cleveres Team zu werden, hat allein der Gast erreicht, der aus wenigen Möglichkeiten drei Tore machte. "Sie waren gnadenlos", sagte Werder-Offensivspieler Johannes Eggestein. Kohfeldt berichtete, sein Analyst hätte elf Großchancen notiert, zudem habe man 65 Minuten den Rhythmus bestimmt, belegt durch 14:5 Eckbälle und 63 Prozent Ballbesitz.

Kohfeldt, 2018 ausgezeichnet als Trainer des Jahres, hat versucht, seinen Ruf als langfristiger Denker zu festigen. Diese Niederlage werde "nicht dazu führen, dass wir an unserer Art, Fußball zu spielen, auch nur einen Hauch zweifeln". Weitere Erörterungen, etwa zu "Europa" oder zu "Kruse" hat er vermieden. So als fürchte er genau eine solche Diskussionen über diese Begriffe, die auch ein Grund für den "Scheiß-Anfang" (Maximilian Eggestein) sein könnten. Über den nach Istanbul abgewanderten Kapitän Max Kruse hat er dann doch etwas gesagt. "Max hat uns enorm geholfen, ins letzte Drittel zu kommen. Aber wir wollen im Rückblick keine Heldenverehrung betreiben", bemerkte der Coach, der sich nach eigenen Angaben fühlte, als habe er einen Schlag in die Magengrube bekommen.

Gleichwohl fällt der Transfer-Vergleich zwischen Werder und den über deutlich weniger Geld verfügenden Düsseldorfern zumindest am ersten Spieltag nicht gut aus für die Bremer. Bei der Fortuna, die ihre torgefährlichsten Angreifer Raman und Lukebakio verloren hat sowie Spielmacher Kevin Stöger, den neuen Stürmer Nana Ampomah und Kapitän Adam Bodzek (gesperrt) ersetzen musste, haben gleich drei von Sportdirektor Lutz Pfannenstil verpflichtete Profis erheblich zum Sieg beigetragen. Der US-Nationalkeeper Zack Steffen wurde mit etlichen Paraden zum "Mann des Spiels" (Fortuna-Coach Friedhelm Funkel). Lewis Baker, der seit 2014 vom FC Chelsea immer wieder verliehen wird, entpuppte sich als genialer Sechser. Auch Erik Thommy vom VfB Stuttgart erwies sich als Verstärkung.

Werder dagegen hatte nur einen Zugang im Startteam, Ömer Toprak, den bisherigen Dortmunder Innenverteidiger. Und der war an zwei Gegentoren beteiligt. Sowohl beim 0:1 durch Rouwen Hennings (36. Minute) als auch beim 1:3 durch einen Kopfball von Kaan Ayhan (64.) stand er falsch. Es könnte aber auch gesundheitliche Gründe gehabt haben. Toprak hatte nach einem Zusammenprall in der ersten Halbzeit Atemprobleme und wurde später zur Untersuchung ins Krankenhaus gefahren. Dort ergab sich allerdings nichts.

Die größeren Patzer leisteten sich aber Profis, deren Cleverness größer eingeschätzt wurde. Maximilian Eggestein fiel mit einem krassen Fehlpass vor dem 1:2 durch Kenan Karaman auf; Nuri Sahin verlor vor dem 0:1 den Ball gegen Karaman. Der talentierte Sahin, bald 31 Jahre alt, ist inzwischen zu langsam ist für Europa. Selbst Davy Klaassen fehlte diesmal die Coolness. In der 67. Minute zog er den Ball aus fünf Metern noch am Tor vorbei. Pech hatte Werder bei Lattenschüssen von Niklas Füllkrug und Klaassen.

Nach diesen sichtbaren Defiziten wird Bremen wohl - nach dem vergeblichen Bemühen etwa um den an Hertha BSC vom FC Liverpool ausgeliehenen Marko Grujic - noch mal um einen kreativen Mittelfeldspieler buhlen. Ob der in Schalke zum Streichkandidaten erklärte Nabil Bentaleb ein Kandidat ist, wird offenbar intern gerade diskutiert. Gut möglich, dass der Ruf nach einer Verstärkung für die Mittelfeldzentrale nach einer weiteren Niederlage in Hoffenheim lauter wird.

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Quelle:
SZ vom 19.08.2019
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