SV Werder Bremen:Auch Anfang telefoniert jetzt

Bundesliga - Werder Bremen v Eintracht Frankfurt

"Es ist heutzutage nicht nur im Fußball so, dass man einen Schuldigen braucht": Werder-Sportchef Frank Baumann.

(Foto: REUTERS)

1:4 gegen Paderborn, Pfiffe und "Baumann raus!"-Rufe: Weil es in Bremen immer noch keinen schlüssigen Zweiligakader gibt, steht der Sport-Geschäftsführer massiv in der Kritik - vor allem nach einer Äußerung des Trainers am Wochenende.

Von Thomas Hürner

Falls sich noch jemand gefragt hat, wann der SV Werder nach Jahren des Siechtums endlich am Tiefpunkt ankommen würde: am Sonntag gegen halb Vier dürfte der Aufschlag am Boden erfolgt sein. In der Bremer Vereinschronik findet sich jedenfalls wenig, was heranreicht an die vergangenen Monate, innerhalb derer erst die Zugehörigkeit zur ersten Liga verloren wurde, danach weite Teile der Mannschaft, ein Pokalspiel in Osnabrück und am Sonntag schließlich die Heimpartie gegen Paderborn, mit 1:4.

Doch noch schlimmer als das Ergebnis dürfte sein, dass sich der Aderlass jetzt auch bei jenen vollzieht, die das Bremer Weserstadion einst zu einer Festung mit einem unumstößlichen Kollektivgeist gemacht hatten: den eigenen Fans. Seit Februar warten sie auf einen Heimsieg, ihr Frust offenbart sich nicht mehr nur in Pfiffen, sondern inzwischen auch in Häme und Zynismus. "Oh, wie ist das schön!", sang ein Teil der Anhängerschaft am Sonntag, dazu gab es lautstarke "Baumann raus!"-Rufe - eine Botschaft an den früheren Werder-Kapitän und heutigen Sport-Geschäftsführer Frank Baumann, den viele für die aktuelle Misere verantwortlich machen.

Das Spiel gegen Paderborn stellt alle Defizite noch einmal zur Schau

Vor einigen Monaten galt noch der FC Schalke, mit vier Punkten aus drei Spielen auch nicht gerade überzeugend ins neue Dasein als Zweitligist gestartet, als das Sorgenkind des deutschen Fußballs. Aber die Schalker können, trotz ähnlicher finanzieller Schwierigkeiten, bereits einen Kader vorweisen, der nach schlüssigen Kriterien zusammengestellt zu sein scheint. In Bremen ist das nicht der Fall, wie das Spiel gegen Paderborn noch mal eindeutig zur Schau stellte: Die einzelnen Mannschaftsteile wirken isoliert, der Offensive mangelt es an Ideen, die Defensive sammelt Individualfehler wie andere Panini-Sticker. Bereits nach 27 Minuten stand es 0:3.

Die Logik der Branche sieht eigentlich vor, dass nach so einem Spiel auch der Trainer zum Gegenstand der Kritik wird. Doch die Branche hat Mitleid mit Markus Anfang. Seit dieser Saison steht er in sportlicher Verantwortung, er kam aus Darmstadt und war Baumanns absoluter Favorit für den Job. Von Beginn an wusste der neue Coach also, worauf er sich einlässt - und zwar auf ein Projekt, das Anfang selbst mit "Wiederaufbau vor Wiederaufstieg" zusammenfasste. Deshalb hatte auch er lange stillgehalten mit Ansprüchen in Transferfragen, vor dem Paderborn-Spiel hatte Anfang aber erstmals eine Spur von Ungeduld zum Ausdruck gebracht. Es geht ja schließlich auch um seine Reputation als Trainer.

"Das ist nicht angenehm", sagt Baumann zu den Pfiffen

Es war klar, dass die erst am letzten Spieltag abgestiegenen Bremer einen eklatanten Nachteil im Vergleich zu Schalke haben, wo quasi ab Winter mit einer Saison im Unterhaus geplant werden konnte. Der avisierte Wiederaufbau ist jedoch nicht ansatzweise in Gang gekommen, weil bislang fast nur Verluste im Kader zu beklagen sind. Allein in der Vorwoche haben in Verteidiger Ludwig Augustinsson, Spielmacher Yuya Osako und Angreifer Josh Sargent drei Akteure den Klub verlassen, für die zwar fast 15 Millionen Euro eingenommen wurden - doch nach Auskunft von Baumann reicht das noch immer nicht, um das nötige Geld in die pandemie- und abstiegsbedingt leeren Kassen zu spülen. Die angekündigten Verstärkungen konnte der Sportchef auch noch nicht präsentieren. Interesse besteht offenbar an den Stürmern Marvin Ducksch (Hannover 96) und Georgios Giakoumakis (VVV Venlo).

Der Unmut einiger Werder-Fans gegenüber Baumann ist kein neues Phänomen, sie fühlen sich ob seiner Erklärungen für Fehltransfers und dem zu großen Kostenapparat schon länger verschaukelt. Bereits in der Abstiegssaison hatte der Sportchef mehrmals betont, dass der Markt für Werder kaum Möglichkeiten biete. Was die Frage aufwarf: Auf welchem Markt wurde eigentlich die damalige Erstliga-Konkurrenz fündig, deren Budget auch nicht größer war? Klubs wie Union Berlin, Mainz 05 oder der SC Freiburg?

"Es ist heutzutage nicht nur im Fußball so, dass man einen Schuldigen braucht", sagte Baumann am Sonntag: "Und das bin ich jetzt in diesem Fall. Das ist natürlich nicht angenehm." Seine Gunst bei den Anhängern dürfte nicht unbedingt gestiegen sein, seitdem Werder-Coach Anfang am Wochenende etwas durchblicken ließ: Auch er ist jetzt ins Transfergeschäft eingestiegen - und führt zahlreiche Telefonate mit möglichen Zugängen, um sie von einem Wechsel nach Bremen zu überzeugen.

© SZ/klef/tblo
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