Werder Bremen Nacht der Joker

Die Bremer Variante eines klassischen Fußballmärchens: Josh Sargent (rechts) hat mit seiner ersten Ballberührung in der Bundesliga ein Tor erzielt – und wird von seinem Kapitän Max Kruse gefeiert.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Bremen stoppt seine Talfahrt. Werder-Trainer Kohfeldt gelingen beim 3:1 über Düsseldorf drei Glücksgriffe.

Von Jörg Marwedel, Bremen

Zum ersten Mal in dieser Saison sei es ein "Druck-Spiel" gewesen, sagte Bremens Trainer Florian Kohfeldt. Nicht ganz so wie in Zeiten des Abstiegskampfs der vergangenen Jahre, aber nach fünf sieglosen Partien mit nur einem Zähler wollte Werder Bremen beweisen, dass es trotzdem noch in die obere Tabellenhälfte gehört. Und so gingen die Norddeutschen die Partie gegen Schlusslicht Fortuna Düsseldorf auch an: hart und direkt. Sehr bald schon gab es robust geführte Zweikämpfe, Rudelbildungen, große Nervosität. "Tiki Taka geht in so einem Spiel nicht", räumte Werders Mittelfeldspieler Davy Klaassen hinterher ein. Das Ergebnis dieser bodenständigen Einstellung war ein wenig ansehnlicher, aber trotzdem von den Fans im ausverkauften Weserstadion ausgiebig bejubelter 3:1-Sieg. Der soll nun die "Leichtigkeit" zurückbringen, welche die Bremer zu Saisonbeginn ausgezeichnet hatte. Zumindest erhofft sich das der Werder-Coach.

Gleich auf fünf Positionen hatte Kohfeldt das Team verändert. Teilweise aus freien Stücken, aber auch weil Abwehrchef Niklas Moisander (gesperrt) und sein Adjutant Milos Veljkovic (Muskelfaserriss) verhindert waren - weshalb die Innenverteidigung mit Sebastian Langkamp und Marco Friedl besetzt war. Das ist jenes Duo, das kürzlich beim 2:6 gegen Leverkusen mehr als einmal patzte. Sie wollten "Wiedergutmachung" betreiben, sagte Langkamp vorher. Das gelang über weite Strecken, nur kurz vor der Pause nicht. Da hatte Langkamp, nicht übermäßig hart bedrängt, die Hand unnötig am Ball. Schiedsrichter Marco Fritz hatte es nicht gesehen, dafür aber der Video-Assistent, der eine Phase, in der sich ausgiebig Fritz die Nase schnäuzte, zur Revision nutzte, bevor auf Elfmeter entschieden wurde. So durfte sich Düsseldorfs Dodi Lukebakio den Ball schnappen und in der 43. Minute das 1:1 erzielen.

Kohfeldt durfte mit seinen personellen Entscheidungen dennoch zufrieden sein, seine Joker entschieden das Spiel. Tor Nummer eins erzielte in der 20. Minute Kevin Möhwald, dessen Jokertum darin bestand, dass es sein erstes Bundesligaspiel von Beginn an war. Es war zudem ein sehr schöner Treffer aus 16 Metern, nachdem der agile Milot Rashica auf Kapitän Max Kruse gespielt und dieser den Ball Möhwald in den Lauf legte.

Der "Pizarro-Effekt" hilft Bremen - auch als Pizarro längst ausgewechselt ist

Der frühere Nürnberger hatte den Vorzug vor Routinier Nuri Sahin auf der Sechs erhalten, weil eine seiner Stärken Fernschüsse sind. Die seien, wie Kohfeldt anmerkte, ein Mittel gegen die tief verteidigende Fortuna. Möhwald hat auch sonst seinen Job gut gemacht.

Tor Nummer zwei war in der 71. Minute schon der "Pizarro-Effekt", wie es der Trainer nannte - also ein Produkt der Endphase in einem Spiel, das bis dahin trotz 63 Prozent Ballbesitz nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hatte. Nur war es nicht Pizarro selbst (der diesmal zu Beginn 60 Minuten spielen durfte, anstatt wie sonst in der Schlussphase eingewechselt zu werden), sondern Martin Harnik, der für Pizarro gekommen war. Der Stürmer reagierte blitzschnell, als Fortuna-Keeper Michael Rensing einen satten Außenrist-Schuss von Maximilian Eggestein nur abklatschen konnte.

Und sieben Minuten später gab es dann noch eines dieser Fußball-Märchen. Der 18-jährige Amerikaner Josh Sargent, der für Rashica aufs Feld gekommen war, erzielte mit seinem ersten Bundesliga-Ballkontakt per Kopf das 3:1. Er stürmte heran, als Johannes Eggestein (noch ein Kohfeldt-Joker) den erneut nicht souverän agierenden Rensing fast schon bezwungen hatte. Eine Geschichte, welche den Kollegen den Glauben an das Romantische am Fußball zurückgab, zumal er "ein guter Junge ist", wie Langkamp hervorhob.

Für Werder war dieser Sieg auch deshalb wichtig, weil die letzten drei Aufgaben in diesem Jahr vermutlich nicht drei Siege bringen werden. Die Gegner heißen Borussia Dortmund (auswärts), Hoffenheim (daheim) und Leipzig (auswärts). Alles Teams also, die derzeit höher einzuschätzen sind als die sich gerade erholenden Bremer.

Die Fortuna, die vielleicht nur den 16. Tabellenplatz anstrebt, hat bis auf Dortmund zwei Gegner, die eher ihrer Kragenweite entsprechen: erst daheim den SC Freiburg, dann vor Heiligabend auswärts den Tabellennachbarn Hannover 96. Vor allem diese letzte Partie dürfte wieder Abstiegskampf pur werden - vermutlich mit Rudelbildungen, harten Zweikämpfen und viel Nervosität.