Fritzy Kromp wollte sich nicht mit weniger zufriedengeben, und deshalb sitzt sie jetzt in Trainingsklamotten vor Palmen. Es ist Mitte Januar, und sie muss für dieses Videogespräch immer wieder die Augen zukneifen, die Sonne blendet. Erstmals hat Werder Bremen seine Fußballerinnen in ein Wintertrainingslager geschickt. Sie bereiten sich auf die zweite Saisonhälfte der Bundesliga vor, die am Freitagabend mit der Partie Union Berlin gegen Bayer Leverkusen und für Bremen am Sonntag (14 Uhr, Magenta) gegen den 1. FC Nürnberg beginnt. Ihre Aussichten zu diesem Zeitpunkt des Jahres sind gut wie nie.
Platz drei, 26 Punkte, nur vier Niederlagen, davon drei handelsübliche gegen Doublesieger Bayern München, den VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt. Schon nach 14 Partien sind die Bremerinnen nah dran an ihrem Rekord von 29 Zählern, der sie die vergangene Runde auf Platz sieben beenden ließ. Dazu erreichten sie zum ersten Mal das Finale des DFB-Pokals, nach einem viel beachteten Halbfinale beim Hamburger SV vor 57 000 Zuschauern. Am Ende verabschiedete sich Trainer Thomas Horsch nach mehr als vier Jahren. Und dass diese Saison nun noch erfolgreicher werden dürfte, hat viel mit seiner Nachfolgerin zu tun: Friederike Kromp, genannt Fritzy, in Fußballdeutschland bekannt als TV-Expertin des ZDF im Analyse-Trio mit Per Mertesacker und Christoph Kramer.

Frauen-Bundesliga:Die Zukunft startet im Streit
Die Gründung des Ligaverbands der 14 Bundesligisten wird überlagert vom Konflikt mit dem DFB. Es geht um Machtfragen – konkrete Inhalte müssen erst einmal warten.
Allein diese Woche an der Ostküste Spaniens zeugt davon, wie sich bei Werder der Stellenwert des Frauenfußballs verändert hat. In der Chefetage gilt Geschäftsführer Klaus Filbry ohnehin schon als Antreiber. Und wenn einmal nicht, dann hat er in Kromp nun eine Trainerin, die ihn immer wieder daran erinnert, was es braucht, um bei der Entwicklung mitzuhalten. „Im Frauenfußball müssen wir fast überall noch um vermeintlich normale Bedingungen kämpfen und Druck machen, das ist eben so“, sagt die 41-Jährige. Themen wie: fester Trainingsplatz, vernünftiger Kraftraum, eigene Kabine. Da sind Beharrlichkeit und Diplomatie gefragt. „Ich glaube, das entspricht meinem Naturell, und ich kann das inzwischen gut, weil ich über die Jahre ein Gespür entwickelt habe, was man fordern kann und was möglich sein sollte – nicht immer sofort, aber irgendwann.“
Kromp ist nun eine von insgesamt sechs Trainerinnen, so viele Frauen als Chefcoach hatte die Bundesliga noch nie gleichzeitig
Kromp hätte auch zu anderen Vereinen gehen können. Sie entschied sich für Bremen, weil sie den Eindruck hatte, hier mehr bewegen zu können in einer Phase des Aufschwungs. „Früher hätte ich nicht so viel Gehör bekommen, da gab es den Druck in dieser Form noch nicht, den allein schon Union Berlin macht“, sagt die gebürtige Würzburgerin. Beim 1. FC Union konnten sich die Spielerinnen schon in der Regionalliga als Profis auf den Sport fokussieren und stiegen dann direkt nach ganz oben auf. Das neue Trainingszentrum in Köpenick soll von ihnen genauso genutzt werden wie von den Männern. Das setzt auch Werder unter Zugzwang. „Der Zeitpunkt, jetzt die Dinge gemeinsam weiter voranzutreiben, ist genau der richtige“, sagt Kromp. „Ansonsten ist die Gefahr mittlerweile groß, dass du den Anschluss zu anderen Vereinen verlierst.“

Kromp ist nun eine von insgesamt sechs Trainerinnen, so viele Frauen als Chefcoach hatte die Bundesliga noch nie gleichzeitig. Sie bringt die Erfahrung von vier EM-Titeln mit den deutschen U17-Juniorinnen mit, dreimal als Co-Trainerin, einmal als Cheftrainerin. Danach verantwortete sie das zweite Frauen-Team von Eintracht Frankfurt in der zweiten Bundesliga. Ihre neue Aufgabe trat sie mit klar artikulierten Vorstellungen an. Werder war nicht gerade bekannt für die besten Bedingungen. Inzwischen beinhaltet das Paket auch Training am Vormittag, tägliche Besprechungen, Videoanalysen, Krafttraining und Verpflegung für die Spielerinnen. „Wir haben noch Luft nach oben. Aber das gibt ihnen schon mal das Gefühl, wirklich Profis zu sein“, sagt Kromp. „Und dass wir diese Bedingungen weiter verbessert und mit angeschoben haben, bekommen der Klub und wir als Trainerteam von ihnen zurück.“
Überhaupt, die Mannschaft. Keine Ansammlung von internationalen Bekanntheiten wie beim FC Bayern, doch der Kader funktioniert. Leistungsträgerin und Pokal-Heldin Sophie Weidauer ging zwar zu Union Berlin, erfahrene Fußballerinnen wie Michelle Ulbrich und Kapitänin Lina Hausicke (180 Bundesliga-Einsätze) aber blieben. In Bremen sprechen die Trainer und das Team jetzt noch mehr miteinander. Und die Erfahrung mancher Spielerin, kombiniert mit der von Kromp veränderten Spielweise, haben neues Potenzial geweckt. Wobei sie Wert darauf legt, dass der Wandel ein Gemeinschaftswerk ist.
Stünde Bremen am Saisonende auf Platz drei, wäre das für Fritzy Kromp auch ein Signal, dass sich Investitionen auszahlen
Zuvor fokussierten sie sich in Bremen mehr auf die Defensive, es ging halt meist um den Klassenverbleib. Kromp aber wollte von Anfang an den spielerischen Ansatz stärken, ihr schwebt mutiger Offensivfußball mit viel Ballbesitz vor, und hohes Pressing, wenn die Gegnerinnen den Ball haben. Sie hatte mit mehr Schwierigkeiten gerechnet. Doch statt zu stolpern, setzte Werder sich in engen Spielen durch und wurde zur Überraschung der Liga. Spielerinnen wie Juliane Wirtz (ja, die Schwester von …) blühten durch diesen Wandel neu auf, erzählt Kromp. Larissa Mühlhaus spielte sich in den Dunstkreis des Nationalteams, mit 15 Scorerpunkten in 14 Partien war sie entscheidend an den ersten 22 Treffern beteiligt. Andere mussten sich damit arrangieren, dass es nun klarere Zuschreibungen und eine feste Stammelf gibt: „Das zu moderieren, ist die große Kunst. Es war herausfordernd, weil das in den vergangenen Jahren zum Teil anders war und sich manche Rollen verändert haben.“
Bei Werder haben sie sich vorgenommen, weiter Etappenziele zu setzen, um sich den Flow erhalten zu können. Platz drei brächte die Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation, im Pokal würde ein Weiterkommen gegen die SGS Essen das Halbfinale bedeuten. Für Kromp wäre das auch ein Signal an die anderen Vereine, dass sich Investitionen auszahlen und die Liga davon profitiert.
Sie sieht deshalb auch einen wichtigen Schritt in der Gründung des Ligaverbands der 14 Bundesligisten, durch den die Liga vom Deutschen Fußball-Bund gelöst werden soll. Über die neuen Anforderungen könne das Feld enger zusammenrücken und das Niveau sich verbessern. „Solange die Bedingungen der Klubs so unterschiedlich sind, wird sich das Budget weiterhin in der Tabelle ausdrücken. Aber wenn ab März klar ist, es geht eigentlich um nichts mehr, ist das langweilig für die Zuschauer und für die Mitarbeiter in den Klubs auch“, sagt Kromp. „Wir müssen endlich vorankommen und nicht versuchen, es allen Vereinen recht zu machen. Dann bleibst du stehen. Und wir haben schon Zeit verloren.“ Sie wäre lieber mit allen auf der Überholspur unterwegs.

