Werder Bremen:Ein bisschen viel Spektakel

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Werder Bremen: Es gibt im Weserstadion immer was zu sehen - hier Torwart Jiri Pavlenka (gelbes Trikot), der in der Nachspielzeit noch gerne das 4:4 geköpft hätte.

Es gibt im Weserstadion immer was zu sehen - hier Torwart Jiri Pavlenka (gelbes Trikot), der in der Nachspielzeit noch gerne das 4:4 geköpft hätte.

(Foto: Jan Huebner/Imago)

Bei Spielen des SV Werder fallen aktuell die meisten Tore der Liga - zum Leidwesen der Bremer auch eine Menge Gegentore. Obwohl der Klub immer für einen fröhlichen Offensivfußball stand, will Trainer Ole Werner wieder mehr Balance reinbringen.

Von Thomas Hürner, Bremen

Mit nachdenklicher Miene ging Ole Werner zurück an seinen Arbeitsplatz. Kurz vorher hatte er seine Coaching-Zone schimpfend und gestikulierend verlassen, nun sah der Trainer des SV Werder seinen Spielern dabei zu, wie sie am Mittelkreis mal wieder einen Anstoß ausführten.

Es braucht schon viel, um den reservierten Werner, 34, zu reizen, aber in der 48. Minute hatte es seine Mannschaft endgültig geschafft. Ein Mal, zwei Mal, vielleicht auch drei Mal mögen aus Trainer-Sicht noch einigermaßen in Ordnung aussehen, wenn auch der Gegner regelmäßig mit dem Ball in der Hand am Mittelkreis vorbeischaut. Aber gleich vier Anstöße fürs eigene Team? Das ist halt eine derart große Häufung, dass sich unliebsame Nebenwirkungen auf der Anzeigetafel kaum noch kaschieren lassen: 3:4 zeigte diese am Sonntagabend nach einem turbulenten Spiel gegen Eintracht Frankfurt an.

Das Ergebnis war gleichbedeutend mit der ersten Saisonniederlage des SV Werder, doch abgesehen von dieser kleinen Premiere enthält das aufgezeichnete Videomaterial keine Argumente, mit denen man das nächstgelegene Patentamt aufsuchen könnte. Man hat das ja in der vergangenen Wochen ja so oder so ähnlich schon gesehen: Wo Werder draufsteht, steckt eine Menge Spektakel drin. Die Frage ist nur: Wie viel Spektakel kann sich ein Aufsteiger auf Dauer leisten?

Bei Spielen unter Beteiligung des SV Werder fallen ligaweit die meisten Tore

Das Frankfurt-Spiel ist Teil einer Ereigniskette, deren einzelne Komponenten auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden sind. "Wir sind als gesamte Mannschaft offensiv sehr stark, sehr unausrechenbar und haben viele verschiedene Torschützen", lobte zum Beispiel der Bremer Stürmer Niclas Füllkrug, der mit dieser Beobachtung goldrichtig lag: Im Spiel gegen die Eintracht trafen mal wieder drei verschiedene Werder-Spieler, neben Füllkrug selbst (90. Minute/Elfmeter) trugen der Linksverteidiger Anthony Jung (14.) und der später verletzt ausgewechselte Spielmacher Leonardo Bittencourt (17.) ihre Namen in die Schützenliste ein. Mit insgesamt zehn erzielten Saisontreffern liegen die Bremer in der Sonderkategorie "erzielte Tore" ligaweit auf Platz drei. Das ist aber nur die eine, funkelnde Seite der Medaille. Die andere sieht so aus: Werder hat bislang auch zehn Treffer kassiert - und damit den vierthöchsten Wert im Teilnehmerfeld vorzuweisen.

Das bringt zwar einerseits die bemerkenswerte Statistik hervor, nach der in Spielen mit Beteiligung des SV Werder insgesamt mehr Tore fallen als in Partien mit dem FC Bayern, weil selbst die weltweit gefürchtete Münchner Offensivmaschine vorne nicht all jene Tore schießen kann, die sich Werder hinten einfängt. Andererseits wissen die Bremer sehr genau, dass natürlich auch für sie eine der historisch belegten Grundweisheiten des Fußballs gilt. Denn solange die DFL keine Extrapunkte für geschossene Tore oder kuriose Spielverläufe vergibt, solange muss auch der SV Werder damit leben, dass sich der angestrebte Klassenverbleib nicht allein über den Angriff absichern lässt. Oder, wie es der Werder-Stürmer Füllkrug nach dem neuerlichen Sieben-Tore-Spektakel gegen Frankfurt formulierte: "Es ist schwer, ein Spiel zu gewinnen, wenn du so viele Tore kriegst. Dementsprechend muss sich unsere defensive Leistung verbessern."

Die erste Pressing-Linie attackierte zurückhaltend, der Reihe dahinter fehlte es an Struktur und Verlässlichkeit

Raum für Verbesserungen war aus Werder-Sicht am Sonntag reichlich vorhanden, denn die Heimelf setzte höchstens rudimentär um, was in den Handbüchern für effizientes Verteidigen so geschrieben steht. Die erste Pressing-Linie attackierte zurückhaltend, der Reihe dahinter fehlte es an Struktur und Verlässlichkeit. Angesichts der Tatsache, dass die Frankfurter über ein paar blitzschnelle Angreifer verfügen, erzeugten diese Zutaten ein missliches Gesamtbild: Hinten taten sich riesengroße Räume auf. Und vorne gab es nur wenige jener frühen Ballgewinne, die eigentlich fest zur Bremer Strategie gehören.

Und weil dann auch noch Mittelfeldmann Christian Gross und der Abwehrchef Marco Friedl jeweils rabenschwarze Tage erwischten, fehlte es Werder an seinen zentralen Autoritäten, die jene Fehler ausputzen, die sich bei ihren Vorderleuten aufsummiert haben. So ergab es sich, dass der Mittelfeldmann Mario Götze freistehend aus dem Rückraum seinen ersten Treffer im Eintracht-Trikot erzielen konnte (2.). Und so ließ sich eben auch nicht verhindern, dass die Frankfurter Angreifer Randal Kolo Muani (32.), Jesper Lindsdröm (39.) und Djibril Sow (42.) in höchstem Tempo aufs Werder-Tor zulaufen konnten und aus dem zwischenzeitlichen Rückstand eine Führung machten, die bis zum Schluss Bestand haben sollte.

Mehr Tore schießen? Oder lieber weniger kassieren? Diese Frage beschäftigt Werder schon immer

"Heute hat die Balance gefehlt", monierte Werner, "und dann kommt eben so so ein Spiel wie heute raus." Der Werder-Coach legte hinterher aber Wert darauf, dass die Partie gegen Frankfurt eher die Ausnahme als die Regel war. Denn auch bei den Aufholjagden gegen Stuttgart (2:2) und Dortmund (3:2-Sieg), so Werner, habe sein Team war zwar ein jeweils dramatisches Unterhaltungsprogramm geboten. Aber letztlich seien auch "deutliche Unterschiede" zu Tage getreten: Gegen Frankfurt habe sich Bremen aus einer Vielzahl an zugelassenen Torchancen eine Menge Tore eingefangen, in den anderen Spielen habe es sich eher um eine Menge Gegentore bei vergleichsweise wenig zugelassenen Torchancen gehandelt.

Dennoch ließ sich auch in diesem auf den ersten Blick eher unbedeutenden Bundesliga-Sonntag jenes große Muster erkennen, das in der nahen Zukunft über den Saisonverlauf des SV Werder entscheiden und den Traditionsklub auch in eine etwas fernere Zukunft hinein beschäftigen dürfte. Es geht um eine Fragestellung, die in Bremen schon diskutiert wurde, als die Zielsetzung noch "Bayern ärgern" und nicht "In der Liga bleiben" lautete: Geht es im Fußball nun darum, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner? Oder darum, eins weniger zu kassieren?

Der Trainer Werner hat jedenfalls schon eine klare Tendenz entwickelt: Je weniger Anstöße seine Spieler in Zukunft ausführen, desto besser für den SV Werder.

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