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Bremen:Eine Saison, wie sie Werder noch nie erlebt hat

Werder Bremen sichert sich Bundesliga-Verbleib

Werder-Fans jubeln nach dem Klassenverbleib in Bremen.

(Foto: dpa)

Am Ende entlädt sich der Druck: In Bremen eskaliert ein gefährliches Straßenfest und Trainer Kohfeldt gibt Einblicke in sein Seelenleben. Werder bleibt in der Bundesliga - aber wie geht es weiter?

Von Ralf Wiegand, Bremen

Es war wie an Silvester oder am 1. Mai - und es war, als würde es Corona nicht mehr geben. Hunderte, wenn nicht mehr als tausend Menschen blockierten am Montagabend die Sielwall-Kreuzung in Bremen, Straßenbahnen stauten sich, Autos hupten durch die Stadt, die Beifahrer aus den Fenstern hängend wie Heimkehrer von einer langen Reise. Feuerwerkskörper schossen in den Nachthimmel, und in der Luft lag der würzige Geruch nach gerauchtem Gras.

Was von Weitem noch aussah wie ein spontanes Freudenfest, war aus der Nähe betrachtet aber eine gefährliche Mischung aus Erleichterung, Alkohol und dem üblichen Krawall-Tourismus. Schon allein die Erwartung, dass an dieser politischsten Ecke Bremens, vergleichbar vielleicht nur mit Berlin-Kreuzberg oder dem Hamburger Schanzenviertel, bestimmt etwas passieren wird in einer besonderen Nacht wie dieser, führt dazu, dass etwas passiert. Zu viele Menschen. Zu viele Emotionen. Zu wenig Vernunft. Die Polizei mahnte zur Einhaltung von Abstandsregeln, holte behelmte Verstärkung, setzte schließlich Reizgas ein und nahm mehrere Personen fest. Noch um zwei Uhr nachts war die Lage so angespannt, dass die lokalen Medien am nächsten Morgen von "Randale nach Werder-Party" berichteten.

Bremen ist nicht ermattet zusammengesunken nach dieser ermüdenden Saison, in der sich Enttäuschung an Enttäuschung gereiht hatte, im Gegenteil. Druck, Angst, Frust und die letzte Hoffnung Relegation hat sich bei vielen Sympathisanten des SV Werder - den vernünftigen, die sich in den Kneipen der Innenstadt vor Stress die Fingernägel abkauten und den unvernünftigen, die nur auf die Eskalation danach zu warten schienen - Luft gemacht. Dort, wo sonst nach Niederlagen und Siegen das Spiel seziert, manchmal auch nur schön getrunken wird, öffneten sich jetzt die Ventile. Lange Zeit hatte die Bremer Politik mit der latenten Drohung, dem Corona-Sonderspielbetrieb den Stecker zu ziehen, wenn sich zu viele Menschen rund um die Fußballspiele zusammenfinden würden, Disziplin erzwungen. Manchem könnte dieses letzte Spiel auch einfach wie das inoffizielle Ende einer Ausgangssperre vorgekommen sein. Es ist halt viel zusammengekommen in einer Saison, wie sie nicht nur Werder Bremen, aber besonders Werder Bremen noch nie zuvor erlebt hat.

"Ich weiß, was das für die Stadt bedeutet, ich weiß, was das für die Menschen bedeutet", atmete Werders Trainer Florian Kohfeldt im fernen Heidenheim mehr ins Mikrofon, als dass er noch hätte sprechen können. Selbst in der Nähe von Bremen aufgewachsen, weiß er, wie sehr die Hansestadt im Takt des Fußballs schlägt. Der Sport hat ja noch immer eine vollkommen irrationale Komponente, die aus jedem Langweiler eine Heißdüse machen kann und aus jedem Nordlicht einen Südländer. Man muss sich nur darauf einlassen. Und normalerweise kommt halt immer noch ein nächstes Spiel. Doch Heidenheim war Endstation dieser Saison, in der Werder als Europacup-Aspirant gestartet und als Abstiegskandidat gelandet war. Kein nächstes Spiel, "kein Danach", hatte Kohfeldt vorher geraunt.

Und damit also zum Danach. Das glückliche Ende der steilen Talfahrt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bremer sich übernommen haben, als sie schon nach einer einzigen Saison ohne Abstiegsnöte nach Höherem strebten. Warum das nicht geklappt hat, warum zwei Unentschieden gegen Heidenheim (0:0, 2:2) erst alles auf die Spitze treiben mussten, will die sportliche Führung in dieser Woche aufarbeiten. "Wir werden uns in den nächsten Tagen zusammensetzen und sehen, was das Beste für Werder Bremen ist", sagte Florian Kohfeldt.

Aufsichtsrat Marco Bode, Sportchef Frank Baumann, Geschäftsführer Klaus Filbry, alle Ebenen des Managements haben schon deutlich hinterlegt, mit Kohfeldt weitermachen zu wollen. "Wir haben Florian immer das Vertrauen ausgesprochen, auch in schwierigen Phasen. Florian hat in einer ganz schwierigen Saison gezeigt, dass er solche Situationen meistern kann. Ich bin nach wie vor von Flo absolut überzeugt. Da gibt es für mich keine Fragen", sagte Sportchef Baumann noch in Heidenheim. Und einen Vertrag bis 2023 hat der Coach ja praktischerweise schon.

Aber Gesprächsbedarf hat er auch. In der Erschöpfung von Heidenheim, nach einem unberechenbaren Spiel, "das ganz viel von dem gezeigt hat, was unsere Saison ausgemacht hat", brachte Kohfeldt das Kunststück fertig, viele Andeutungen in bemerkenswerte Offenheit zu kleiden. So verwies er noch mal auf die "unglaublich vielen Verletzten", aber auch auf "Nebenkriegsschauplätze im Verein, im Staff, im Drumherum. Ich bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich das durchgehalten habe".

Die Belastung der Saison, der Existenzkampf "in einer Blase, weil du niemanden siehst", hatte sich wie Raureif auf seine Stimme gelegt. "Skurril, es ist alles skurril", sagte Kohfeldt. "Seit Monaten war man im Stadion oder zu Hause und sonst nie raus", der Corona-Spielbedingungen wegen. "Es war sehr belastend, auch für mich, für meine Familie." Man könne leicht sagen, das sei als Schmerzensgeld mit im Gehalt, "wenn man auf der anderen Seite steht. Aber wenn du nach Hause kommst und deine Kinder dich anschauen und deine Frau, dann will ich mal sehen, wer das so locker wegsteckt. Und zwar nicht über zwei, drei Wochen, sondern im Prinzip über neun Monate". Jede Kritik sei berechtigt, was das Fußballerische angehe, "aber ich bin immer noch ein junger Trainer", und er habe sich auch in der erfolgreichen vergangenen Saison "nicht hingestellt und gesagt, ich bin der geilste". Zum Trainer des Jahres 2018 hatte ihn der DFB bestimmt.

Kohfeldts Botschaft ist klar: So wird es nicht weitergehen können. Allerdings ist Werder vermutlich nicht in der Lage, einen großen Umbruch in der spielenden Belegschaft, in der Mannschaftsbetreuung und in der Infrastruktur so ohne Weiteres zu finanzieren. Der Kader ist durch teure Leihgeschäfte mit Kaufverpflichtung auf wichtigen Positionen blockiert, Spieler wie Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt oder Davie Selke bleiben im Verein, während eine der wenigen Führungsfiguren, Kevin Vogt, nach Hoffenheim zurückkehren muss. Milot Rashica wird den Verein verlassen, sein Erlös soll die größte Not lindern.

In der langen Nacht von Bremen stellte niemand Fragen nach der Zukunft. Dort lassen sie sich jetzt wahrscheinlich ein T-Shirt drucken, mit noch einem Kohfeldt-Zitat: "Scheiß-Saison, geiles Ende."

© SZ vom 08.07.2020/schm

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