Werder Bremen Brotlose Bremer Großartigkeit

So viel Qualität, so wenige Punkte: Der SV Werder muss nach dem 2:2 gegen Frankfurt anerkennen, kein Spitzenteam zu sein - noch nicht.

Von Thomas Hahn, Bremen

Das Spiel der Bremer war schön. Es verband Kampfgeist mit technischem Können, taktisches Geschick mit Einsatz. Es zeigte die Raffinesse des klugen Verteidigens gegen eine Offensive von Eintracht Frankfurt, in der zu viel Talent versammelt ist, als dass man sie ganz lahmlegen könnte. Es feierte die Freude am Vorwärtsgang, den Mut und die Einheit der Mannschaftsteile. Die Treffer von Maximilian Eggestein und Martin Harnik wirkten wie Lehrbeispiele dafür, dass Erfolg die Summe aus Team- und Einzelleistung ist. Dieser Fußball des SV Werder verstieg sich weder in eitlem Kleinklein noch in plattem Gerenne. Er war Handwerk und Kunst zugleich, ein feines Gemälde in kräftigen Farben. Im Grunde ein Meisterwerk. Spannend, bewegend ...

"Ich kann's nicht mehr hören", sagte Max Kruse, der Werder-Kapitän.

Nach den Prinzipien der Ergebnisdenker ist der Komplimente-Reigen, der am Samstagabend zuverlässig wie ein norddeutscher Winterniesel über den Bremer Fußballern niederging, tatsächlich wertlos und schal gewesen. Ein 2:2 (1:1) ist eben kein Sieg, auch gegen den Pokalsieger Eintracht Frankfurt nicht, der mit seinem Offensiv-Trio Luka Jovic/Ante Rebic/Sébastien Haller gerade zum Torgefährlichsten gehört, was die Liga zu bieten hat. Eine winzige Nachlässigkeit vor dem Strafraum, ein blödes Handspiel im Strafraum - das ergab zwei Gegentore, denen die Chancenreichen aus dem Werder-Angriff keinen dritten Treffer entgegensetzen konnten. Unentschieden. Punkteverlust. Ein Drama?

Selbst das Profane wirkt kunstvoll: Das Spiel zwischen Bremen und Frankfurt bot so ziemlich alles, was Fußball bieten kann – wie etwa hier Maxi Eggestein bei seinem Solo vor dem 1:0.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Nach ihrem gelungenen Auftritt hat man den Bremern jedenfalls angemerkt, dass sie zu kämpfen haben mit ihrer fast brotlosen Großartigkeit. Werder ist die Mannschaft, die man gerne sieht. Aber das Team kommt nicht raus aus dem Mittelfeld der Tabelle. Es steckt Energie und Einschussmöglichkeiten in den ewigen Versuch, nicht nur gut, sondern erfolgreich zu sein. Der Lohn? Applaus und Hadern. "In den entscheidenden Situationen sind wir offensiv wie defensiv einfach nicht dabei", sagte Kruse. Und Trainer Florian Kohfeldt nervte es, dass er das Lob auf seine Mannschaft mit dem Zugeständnis teilen musste, zwei Punkte zu wenig geerntet zu haben: "Wir müssen das Spiel gewinnen. Den Vorwurf müssen wir uns machen."

Später saß Kohfeldt einsam inmitten von Reportern. Er war eigentlich froh, aber irgendwie eben auch nicht. Es hatte im Grunde alles geklappt, was er seiner Mannschaft aufgetragen hatte. Die defensive Grundordnung mit den laufstarken Mittelfeldspielern Davy Klaassen und Maximilian Eggestein als eine Art Doppelsechs hatte funktioniert. Das schnelle Umschaltspiel der Bremer verdiente sich sogar eine Würdigung des Frankfurter Trainers Adi Hütter. Es gab fast nichts, was Kohfeldt seinen Leuten vorwerfen konnte. Die gesamte Partie verdiente es eigentlich nicht, über Missgeschicke erklärt zu werden. Sie war offen bis zum Schluss, was auch an der Eintracht lag, die durchaus mehr Torgelegenheiten hatte, als mancher im Gedenken der Bremer Angriffsfreuden wahrgenommen haben wollte.

Sébastien Haller trifft per Elfmeter zum 2:2.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

"Das war nur bedingt ein Fehlerspiel, das waren immer wieder sehr gelungene Aktionen, die schwer zu verteidigen waren", sagte Kohfeldt und versuchte sein zwiespältiges Befinden irgendwie in Erklärungen zu gießen. Schiedsrichter Markus Schmidt hatte ihn am Schluss auf die Tribüne verwiesen, Kohfeldt grollte. Ein paar Augenblicke vor Rebics Schlenzer zum 1:1 in der 35. Minute hatte der Schütze den Ball mit dem Oberarm gestoppt. "Egal, was er tut, das ist ein Handspiel", sagte Kohfeldt, "man muss auch mal sagen dürfen, wenn was nicht gerecht ist, und das war heute nicht gerecht." Schnell ruderte er gegen den Eindruck an, als wolle er den verpassten Sieg allein auf diese Szene schieben. Aber irgendwo musste diese seltsame Enttäuschung ja hin. So ein gutes Spiel. So viel Qualität. So wenige Punkte. "Ich bin angefasst", sagte Kohfeldt entschuldigend.

Gerechtigkeit ist noch nie die Stärke des Fußballs gewesen. Dass aus dem verhangenen Samstagabendhimmel über dem Weserstadion die ganz große Ungerechtigkeit schrie, hat man allerdings auch nicht sagen können. Das 2:2 spiegelte schon ganz gut die Kräfteverhältnisse zwischen einer Bremer Mannschaft, die noch ihre Identität als Spitzenteam sucht, und einem Frankfurter Team, das schon abgeklärt genug ist, um auch mit weniger Spielanteilen Beute zu machen. Rebic, Jovic und Haller, diese drei Ausrufezeichen im Eintracht- Angriff, mussten nicht brillant sein, um ihr Können zu unterstreichen. Hütter quittierte genussvoll einen "guten Punkt". Er weiß es zu schätzen, dass er über Leute verfügt, die eine Freude für Ergebnisdenker sind.

Werder hat noch was zu tun, um eines Tages wie die Eintracht zu sein. "Das ist unser nächster Schritt, diese Spiele zu gewinnen", schloss Florian Kohfeldt aus dem schönen Spiel und klang schon wieder zuversichtlich, als er seine Betrachtungen mit einem Gruß an den Rest der Liga verband. "Wir lernen", sagte der Trainer, "und wir lernen schnell."