Werder Bremen:Mit dem Messer zwischen den Zähnen

SV Werder Bremen - Bayer 04 Leverkusen

"Drauf!", "Weiter!", "Immer auf den zweiten Ball!": Florian Kohfeldt als Vorkämpfer eines Arbeiterkollektivs.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Werder Bremen erkämpft sich einen Punkt gegen Bayer Leverkusen - Trainer Florian Kohfeldt darf bis zum Saisonende am Klassenverbleib arbeiten.

Von Thomas Hürner, Bremen

In Bremen ist Verlass darauf, dass einige Fans vor die geschlossenen Stadiontore pilgern, so war das auch am Samstag vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen. Grün-weiße Ballons und ein paar Versprengte säumten die Straße, als die Delegation des SV Werder in zwei Bussen auf eine Mission zurollte, die von der Anhängerschaft sicherheitshalber noch einmal auf ein großes Transparent gepinselt war: "Kämpfen bis zum Ende für die 1. Bundesliga."

Das ist im Prinzip auch alles, mit dem dieses Werder-Team aufwarten kann; und das war dann auch das, was es den Ausgesperrten zu bieten hatte. Sofern sie die Partie auf ihren Smartphones verfolgt haben, sahen die Bremer Fans von ihrer Mannschaft freilich kein Spektakel und schon gar nichts für die Galerie. Aber sie sahen immerhin elf Fußballer, die alles daran setzten, den Gegner auf ihr Niveau herunterzuzerren, die sich jeweils ein Messer zwischen die Zähne geklemmt hatten und deren Beine einfach nicht müde wurden - und die sich am Ende ein 0:0 erkämpfen konnten, was an diesem Nachmittag wohl das Maximum des Erreichbaren darstellte.

Es war ein Punkt für die Mission Klassenverbleib. Nicht mehr, aber immerhin auch nicht weniger.

Was dieser Punkt am Ende wert sein wird? In zwei Wochen sei man da schlauer, sagte Florian Kohfeldt, der Trainer des SV Werder. Ihm war hinterher anzumerken, was für seine Mannschaft auf dem Spiel stand, worum es auch für ihn selbst wieder gegangen war. Kohfeldt war zuletzt ein Trainer auf Bewährung, der für eine Weiterbeschäftigung strikte Auflagen erfüllen muss. Vor zwei Wochen, nach einer leblosen Leistung gegen Union Berlin und der siebten Niederlage in Serie, hatten beinahe alle Interpreten des Fußballgeschehens mit einer Demission des Trainers gerechnet. Kohfeldt erhielt jedoch eine letzte Chance im Pokal gegen Leipzig: Eine Reaktion war vonseiten der Bremer Verantwortlichen erwartet worden, ein Lebenszeichen der Mannschaft. Und ja, sie lebte, so der Befund in den Gremien.

Baumann bestätigt: Kohfeldt darf bis Saisonende bleiben

Das Bekenntnis war damals jedoch nur vorläufiger Natur - bei einem kümmerlichen Auftritt gegen Leverkusen wäre Kohfeldt vermutlich das Vertrauen doch noch entzogen worden. Der Trainer hat am Samstag also mit einer gewissen Erleichterung davon sprechen können, dass das Engagement seines Teams "kein Pokalphänomen" sei. Das sieht offenbar auch Frank Baumann so. Der Bremer Sportdirektor bestätige nach Abpfiff erstmals, dass Kohfeldt in den verbliebenen beiden Spielen auf jeden Fall an der Seitenlinie stehen werde. Es geht also gemeinsam einem bitteren oder bittersüßen Saisonende entgegen, je nach Ausgang der Mission.

Hoffnung lässt sich jedenfalls nicht durch spielerische Mittel generieren, das räumte auch Kohfeldt unumwunden ein. "Das Thema gerade", sagte er, "ist nicht gut Fußball zu spielen." Was bedeutet: Es geht jetzt nur noch darum, Fußball zu arbeiten. Kohfeldt trug zu dieser Herangehensweise mit seinen Anweisungen bei, er war gewissermaßen der Vorkämpfer eines auf Kampf getrimmten Kollektivs. "Drauf!", "Weiter!", "Der zweite Ball, immer auf den zweiten Ball!" - der Coach pulsierte an der Seitenlinie, und seine Spieler leisteten bedingungslose Gefolgschaft.

Bayer-Coach Wolf fand, Werder sei "voll da" gewesen

Werder, wieder geschwächt durch den Ausfall von Abwehrchef Ömer Toprak, bot an Physis auf, was diesseits der Weser aufzutreiben war. Wie schon im Pokal gegen Leipzig stellte Kohfeldt in Davie Selke und Niclas Füllkrug eine Doppelspitze auf, die beinahe vier Zentner Angriffsmasse auf die Waage bringt und den Kollegen als Referenzpunkt im Spiel nach vorn dienen sollte. Dahinter ein laufstarkes, aber eher defensives Mittelfeld, dessen Aufgabe es war, die Leverkusener permanent in lästige Nahduelle zu verstricken. Die rustikale Strategie ging auf, das musste auch Bayer-Coach Hannes Wolf hinterher einräumen. Er attestierte den Bremern, zu jedem Zeitpunkt der Partie "voll da" gewesen zu sein.

Trotzdem hatten die Leverkusener vor allem in der ersten Hälfte ein paar Chancen, doch weder Leon Bailey (33.) noch Patrik Schick (43.) konnten diese zu einer Pausenführung nutzen. Ein Treffer von Florian Wirtz wurde nach Ansicht der Videobilder wieder zurückgenommen (38.), aber spätestens in der zweiten Hälfte wurde klar, dass Leichtigkeit an diesem Tag keinen Raum zur Entfaltung finden würde. Bayer hatte noch eine Großchance, als Wendell freistehend vor Werder-Torwart Jiri Pavlenka zum Schuss kam, während die Bremer fast ausschließlich über Standards gefährlich wurden.

Am Ende führte Leverkusen in nahezu allen Statistiken, die für die Ästhetik dieses Sports relevant sind: bei den Torschüssen, bei den angekommenen Pässen, beim Ballbesitz sogar sehr deutlich. "Sie waren die fußballerisch bessere Mannschaft", sagte Kohfeldt, "wir waren dafür kämpferisch extrem aufopfernd." Wenn für eine Mannschaft nur das nackte Ergebnis zählt, dann ist der Weg dorthin egal. In der kommenden Woche geht es für die Bremer zum FC Augsburg und damit zu einem brisanten Duell um den Ligaverbleib: Der Tabellen-14. trifft auf das direkt davor postierte Team im Klassement. Kohfeldt erwartet, wenig überraschend, ein "richtiges Kampfspiel".

© SZ/bkl/ebc
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