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Werder Bremen:Zu viel Kunst, zu wenig Wehrhaftigkeit

Werder Bremen: Trainer Florian Kohfeldt beim Spiel gegen den FC Augsburg

Weser-Blues: Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt leidet.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Vor einem Jahr machte Bremens Sieg im DFB-Pokal gegen Dortmund Hoffnung auf mehr Erfolge. Nun spielt Werder gegen den Abstieg - auch wegen romantisch-naiver Fehleinschätzungen.

Kommentar von Christof Kneer

Werder sei "ein verdienter Sieger", sagte Max Kruse, als er nach dem Pokalspiel in Dortmund vor die Kameras trat. Sein Trainer stand vor einer anderen Kamera und gab dort eine ähnliche Antwort: Man sei "ein verdienter Sieger", sagte Florian Kohfeldt und freute sich vor allem über die "Cleverness, die wir aus dem heutigen Spiel mitnehmen. Jeder kann sich sicher sein: Wir lernen. Und wir versuchen, schnell zu lernen".

Archive können grausam sein. Fast genau ein Jahr ist es jetzt her, dass die Bremer solche schönen Sätze sagten, und zum Glück wird man nie erfahren, welche Sätze sie zusätzlich noch so dachten. Vielleicht dachten sie, dass es eh nicht mehr lange dauern wird, bis ein Werder-Sieg in Dortmund wieder eine Selbstverständlichkeit ist? An diesem Abend vor einem Jahr hatten die Bremer noch ein Elfmeterschießen (7:5) gebraucht, um in Dortmund ein Achtelfinal-Spiel im DFB-Pokal zu gewinnen, unter anderem dank eines Treffers des 40-jährigen Slimfit-Stürmers Claudio Pizarro. Er habe im Winter eine gute Vorbereitung gehabt, sagte Pizarro damals, und er wolle jetzt "noch mehr spielen".

Schnitt. Bremen, ein Jahr später.

Ein Jahr später begegnet der SV Werder den Dortmundern wieder im Achtelfinale des Pokals, diesmal zu Hause, aber das ist dummerweise nicht der einzige Unterschied zu damals. So vieles ist so anders.

Der Trainer Kohfeldt spricht jetzt davon, dass man das Pokalspiel als Highlight betrachten und die Bundesligatabelle "für einen Abend vergessen" solle. Max Kruse spielt jetzt in Istanbul. Claudio Pizarro ist jetzt 41, und er hat eine Vorbereitung hinter sich, bei der er mit einer Bierdose in einem Pool fotografiert wurde. Und die vor einem Jahr erworbene Cleverness äußert sich im Moment dergestalt, dass sich die Bremer durch drollige individuelle Fehler meistens selber besiegen.

Vor einem Jahr wähnten sich die Bremer auf bestem Weg, sie wollten die Geschichte der Gladbacher Borussia nachspielen: Nach überstandenem Abstiegskampf sollte es auf handwerklich seriöse Weise Schritt für Schritt aufwärts gehen - bis ein Sieg gegen den BVB wieder selbstverständlich sein würde. So weit die Vision. In der Realität müssen die Bremer nun allerdings aufpassen, dass sie nicht aus Versehen die Geschichte des VfB Stuttgart nachspielen. Der ist in den letzten vier Jahren zweimal mit viel zu guten Mannschaften abgestiegen - oder: mit Mannschaften, die in manchen Teilen viel zu gut, in anderen hingegen abstiegsreif waren. 2016 stieg der VfB mit den Offensivspielern Timo Werner, Filip Kostic, Daniel Ginczek und Daniel Didavi ab - bis heute unglaublich. Aber die Elf besaß ebenso wenig eine stabile Achse wie heute die Bremer: eine fatale Mischung aus Verletzungspech und romantisch-naiven Fehleinschätzungen der Verantwortlichen.

Die Bremer haben vor einem Jahr offenkundig die falschen Schlüsse aus dem Pokalspiel in Dortmund gezogen, sie haben der künstlerischen Ader ihrer Elf zu sehr vertraut und darüber die Wehrhaftigkeit des Kaders vernachlässigt. Es ist eine klassische Erkenntnis, dass Teams, die nicht für den Abstiegskampf komponiert sind, Abstiegskampf nicht können. Sie halten ihn lange für unter ihrer Würde, und wenn sie den Ernst der Lage kapiert haben, fehlen ihnen die Tugenden der Augsburger und Mainzer. Sollte der Fußballgott einen boshaften Humor besitzen, beschert er den Bremern am Ende der Saison zwei Relegationsspiele gegen den VfB Stuttgart.

© SZ vom 04.02.2020/tbr
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