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EM-Finale in London:Anarchie rund ums Stadion

Am Finaltag setzt das Wembley-Stadion in Sachen Stimmung neue Maßstäbe. Doch vor der Arena und auf den wichtigsten Plätzen Londons kommt es zu mehreren Vorfällen und 49 Festnahmen. Fans gelingt es, ohne Ticket ins Stadion zu stürmen.

Von Javier Cáceres, London

Der Fußball hat einen seltsamen Sinn für Allegorien. Wer das bislang nicht glauben mochte, der war am Sonntagabend in London am richtigen Ort. Genauer gesagt: in Wembley, im EM-Finale zwischen England und Italien. Denn was hätte es Sinnbildlicheres für diesen alles in allem verrückten, punkig-anarchischen Tag gegeben als das Tor einzutreten? Ohne anzuklopfen oder zu fragen, geschweige denn ein Ticket zu lösen. In der zweiten Minute erzielte das englische Team sein Führungstor; sie fielen, wie man so schön sagt, mit der Tür ins Haus. Im Stile ihrer Fans vor dem Stadion, die für reichlich Ärger sorgten. Die Metropolitan Police teilte in der Nacht zum Montag mit, dass 49 Personen vorläufig festgenommen wurden.

In London hatte man tagsüber bestens beobachten können, wie sich die Stimmung mehr und mehr zu einem latent unkontrollierbaren Sturm aufbaute. London war unter einem wolkenfreien Himmel erwacht, und wer sich auf den Weg durch die Innenstadt machte, der sah, wie sich Menschen aller Altersklassen, überwiegend Männer, schon am Morgen in englische Fahnen und Trikots gehüllt hatten. Sie zogen zu den emblematischen Plätzen der Stadt, bis sie voll waren. Also sie selbst, und die Plätze eben auch.

Am späten Nachmittag eskalierte die Lage hier und da. Auf dem Leicester Square, auf dem am Mittag noch englische Fans friedlich die Hitliste der Fußballpopsongs dargeboten hatten - von "Wonderwall" über "Sweet Caroline" bis hin zum unvermeidlichen "Football's Coming Home" - flogen nun Dosen und Flaschen, als hieße der richtige Soundtrack-Titel "Anarchy in the U.K." von den Sex Pistols. Später war rund um das Wembley-Stadion das Gleiche zu beobachten. Noch ehe die Stadiontore öffneten - drei Stunden vor Spielbeginn - waren die Zugänge heillos überfüllt, war mit Händen zu greifen, dass sich weit mehr Menschen eingefunden hatten als das Stadion Plätze bereithielt. In Wembley waren am Sonntag zum Finale etwas mehr als 60 000 Zuschauer zugelassen. Englische Medien sprachen aber von mindestens 250 000 Menschen, die rund ums Stadion tranken, sangen, hüpften - eine Zahl, die dem Augenschein nach plausibel wirkte. Und es konnte da einem schon mulmig werden.

Überraschend war dabei vor allem dies: dass die vorbeugenden Maßnahmen laxer waren als bei jedem vorangegangenen Turnier zuletzt. Anders als es - weit vor Beginn der Pandemie - längst Usus geworden war, wurde die Finalstätte nicht weiträumig abgesperrt. Sondern im Grunde gar nicht. Obendrein war auch die Zahl der Sicherheitskräfte der Menge nicht einmal ansatzweise angemessen. "Wir sind hier 3000 Sicherheitsstewards. Aber hier ist kaum Polizei", sagte ein Security-Mitarbeiter vor dem Stadion, während er völlig verschwitzt und sichtlich gerädert eine Zigarette rauchte. Ein paar Hundeführer und ein paar berittene Polizisten habe er gesehen - viel zu wenige, um die Lage zu kontrollieren. Angeblich sei Verstärkung angefordert worden, er hoffe darauf. Denn bis dahin waren die Sicherheitskräfte, ob private oder öffentliche, völlig überfordert gewesen. Erst recht, als exakt das geschah, was sich angedeutet hatte.

Das Sky-Studio wird aus Sicherheitsgründen geräumt, die Sicherheitsleute türmen.

Eine Reihe von Fans, die offenkundig nicht dem Geldadel Londons entstammten, sondern den jungen Deklassierten der Gegenwart, und sich vermutlich nicht mal das günstigste Ticket von offiziell 292 Euro hätten leisten können, versuchten, die Stadiontore zu stürmen, mit der Tür ins Haus zu fallen wie später ihr Team. Sie rüttelten an Zäunen und rissen den einen oder anderen nieder. An mehreren Stellen vermochten sie es, die Sicherheitskräfte zu überwinden und Treppen zu erstürmen. Ein Sprecher des Wembley-Stadions erklärte vor der Partie, der "Vorfall" habe sich am äußersten Sicherheitsring zugetragen, es seien keine Menschen ohne Ticket ins Stadion gelangt. Das war Wunschdenken und wurde später auch korrigiert. Es seien durchaus Fans ins Stadion gelangt, sagte ein Sprecher in der Halbzeit. Als das Spiel begann, waren unterhalb der Pressetribüne jedenfalls die Aufgänge von Fans blockiert. Im Internet kursierten einzelne Videos mit Gewaltszenen.

Doch bei allen Sicherheitsvorfällen: Dass die Stimmung im Stadion unvergleichlich war, konnte niemand von der Hand weisen. Die vornehmlich englischen Zuschauer stellten sogar die Passion und auch die Dezibel in den Schatten, die man von den Clásicos in Spanien oder Argentinien kennt, von den leidenschaftlichen Duellen zwischen Hassrivalen im Camp Nou in Barcelona und im Bernabéu zu Madrid, vom Monumental und oder auch der Bombonera in Buenos Aires. Aber: Während die Italiener im Stadion die frühe Führung Englands durch Leonardo Bonucci noch egalisiert hatten (67.), herrschte draußen eine aggressive Stimmung. Uli Köhler, Reporter des TV-Senders Sky, berichtete der SZ, die Lage sei "etwas scary". Das Sky-Studio an der Treppe vor dem Stadion sei auf Anraten der Polizei geräumt worden, die zur Sicherung des Studios abgestellten 20 Stewards seien dann regelrecht getürmt.

"Ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn England das Finale verliert", hatte ein Sicherheitsmann vor der Partie gesagt, als er noch nicht den Ausgang nach Elfmeterschießen kennen konnte. Am Ende überwog dann aber wenigstens im Stadion die Trauer.

© SZ/cca
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