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Weltfußballer:Der beste Lewandowski, den es je gab

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Robert Lewandowski: Schick gemacht für den großen Moment

(Foto: Marco Donato-FC Bayern/Pool via)

Nachdem er sein 250. Tor in der Bundesliga schießt, wird der Stürmer des FC Bayern erstmals zum Weltfußballer gewählt. Sein Erfolg ist das Ergebnis einer langen Geschichte von Beharrlichkeit.

Von Sebastian Fischer

Miroslav Klose hat im Sommer entweder eine dankbare oder komplizierte Aufgabe übernommen, das ist eine Frage der Sichtweise. Der erfolgreichste deutsche Stürmer der vergangenen Jahrzehnte ist seit diesem Jahr Assistent von Trainer Hansi Flick beim FC Bayern, und als solcher ist er allein schon dank seiner Biografie für die Schulung der Angreifer des Rekordmeisters zuständig - und damit auch für die Weiterbildung von Robert Lewandowski. Doch, das wäre die einfache Variante: Muss man einem solchen Spieler eigentlich noch Tipps geben? Oder, das wäre die komplizierte: Geht das überhaupt?

Nach allem, was man weiß, hat Lewandowski seinem Stürmertrainer die Sache eher einfach gemacht. "Er will immer mehr", sagt Klose, also immer noch besser werden und sich neue Möglichkeiten erschließen, mehr Tore zu schießen. Klose, 42, hat in diesen Tagen mit Spielen alle drei Tage und dem DFB-Trainerlehrgang keine Zeit für ein ausführliches Gespräch darüber, ob er mit Lewandowski gerade Kopfbälle am kurzen Pfosten einstudiert oder doch eher Schüsse mit dem linken Außenrist. Aber er übermittelt immerhin ein paar Sätze zum Thema des Tages.

"Robert", sagt Klose, "hat eine großartige Saison gespielt und ist gerade dabei, dies zu wiederholen." Er vergesse außerdem nicht, "dass sein Erfolg nur durch seine Mitspieler möglich ist". Deshalb sei er für ihn "aktuell die Nummer eins", der beste Spieler der Welt. Und das ist, in den einfachen Worten eines großen Stürmers, ja schon ein großer Teil der Geschichte.

Die Geschichte von Lewandowskis Karriere ist eine von Ehrgeiz und Fleiß, von Beharrlichkeit

Lewandowski, 32, ist seit Donnerstagabend zum ersten Mal in seiner Karriere Weltfußballer des Jahres, als erster Spieler überhaupt aus der Bundesliga. In der Wahl landete er vor Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. "Das ist ein unglaubliches Gefühl, ich bin sehr stolz und zufrieden. Das ist ein großer Tag für mich und meinen Verein, die Mitspieler", sagte er, als ihm der nach München gereiste Fifa-Präsident Gianni Infantino den Pokal überreichte.

Es war wie gemacht für ein kitschiges Drehbuch, dass er am Vorabend noch einmal die entscheidenden beiden Tore beim 2:1 gegen den VfL Wolfsburg geschossen hatte. Dass er mal wieder gemeinsam mit Manuel Neuer, der als Welttorwart ausgezeichnet wurde, der entscheidende Spieler war. Dass er dabei auch noch gegen jenen Gegner traf, gegen den er so oft getroffen hat wie gegen keinen anderen: 23 von nun 251 Bundesligatoren hat Lewandowski gegen Wolfsburg geschossen, im September 2015 gleich fünf binnen acht Minuten und 59 Sekunden. Und es lohnt durchaus, sich noch mal daran zurückzuerinnern, um zu verstehen, warum der Lewandowski mit 32 noch besser ist als der Lewandowski mit 27, der doch schon alles zu können schien.

Damals, in der Saison 2015/2016, wurde er mit 30 Treffern Torschützenkönig. Und im Sommer darauf überlegte er, was er unternehmen könnte, um noch mehr Tore zu schießen, obwohl ihm die Verteidiger ständig auf den Füßen standen. Seine Idee war es, mehr Freistöße zu schießen, so wie es Messi und Ronaldo machten, die Weltfußballer der vergangenen Jahre. Also trainierte Lewandowski Freistöße.

Die Geschichte seiner Karriere ist eine von Ehrgeiz und Fleiß, von Beharrlichkeit. Lewandowski wurde mit 17 bei Legia Warschau vor die Tür gesetzt, einem der großen Klubs seiner Geburtsstadt. Zu schmächtig, körperlich zu schwach, so habe das Urteil vom Mannschaftsarzt gelautet, hat Lewandowski mal erzählt, es war ein einschneidendes Erlebnis für ihn.

"Ich habe noch nicht viel darüber nachgedacht", hat er am Mittwoch nach dem Spiel über die anstehende Weltfußballer-Wahl gesagt, aber man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man das für charmant geflunkert hält. In Wahrheit hat es ihn wohl seit Jahren angetrieben, dass Messi und Ronaldo diese Wahl stets unter sich ausmachten. Und dabei war es Lewandowski wohl ziemlich egal, dass man diese Wahl, zumal in der Mannschaftssportart Fußball, aus guten Gründen für ein Popularitätsvotum von nachrangiger Bedeutung halten kann.

In der Saison 2016/2017, im Sommer, nachdem er den Plan fasste, hat Lewandowski tatsächlich mehr Freistoßtore geschossen. Er trifft inzwischen, zum Beispiel neulich gegen den VfB Stuttgart, auch mal aus der Distanz, das hatte er sich 2019 vorgenommen. 55 Tore in 47 Spielen in allen Wettbewerben hat er in der Saison 2019/2020 geschossen, 15 Bundesliga-Tore in elf Spielen sind es in dieser Saison. Er trifft mit rechts, mit links, mit dem Kopf.

Als er einsah, dass es den Wechsel zu einem größeren Klub kaum mehr geben würde, wurde aus einem Solisten ein Führungsspieler

Doch es sind nicht nur seine Tore, die seinen Anteil an den Erfolgen des FC Bayern definieren, an Champions League, Meisterschaft, Pokal und zwei Supercups.

Lewandowski stand in München immer unter Egoismus-Verdacht, das zeigte sich nicht nur in seinem Ehrgeiz auf dem Platz, von dem die Bayern natürlich profitierten; das zeigte sich auch in seinem Wunsch, den Verein zu verlassen - hin zu einem Klub, bei dem man die großen Titel gewinnen und Weltfußballer werden kann.

Immer wieder wollte er einen Transfer zu Real Madrid forcieren, 2018 zuletzt. Doch die Bayern ließen ihn nicht gehen. Und als er einsah, dass es den Wechsel zu einem größeren Klub als dem FC Bayern kaum mehr geben würde, war die Wandlung nicht mehr weit: Aus dem Solisten Lewandowski wurde der Führungsspieler, der beim FC Bayern inzwischen zum Mannschaftsrat gehört, wie Trainer Hansi Flick am Mittwoch betonte, als er in der Pressekonferenz wieder einmal die Rolle des Stürmers im Team erklären sollte.

Was Lewandowski neben seinen Toren zum erfolgreichen Fußball der Bayern beiträgt, hat Thomas Müller noch vor dem Champions-League-Turnier im August treffend beschrieben. Lewandowski habe "nicht nur mit Toren geglänzt, sondern auch richtig gut mitgearbeitet", sagte Müller im SZ-Interview. "Früher gab es ja immer mal Phasen, da haben wir Mittelfeldspieler gesagt: Heute hätten wir uns da vorne noch ein bisschen mehr Laufleistung gewünscht - immer dann, wenn wir wieder mit rotem Kopf das Spielfeld verlassen haben, nach 13 gelaufenen Kilometern." Oder, noch so ein grinsend vorgetragener Müller-Satz: Lewandowski könne sich ja "sogar fast über einen Assist freuen".

"Man muss wohl immer egoistisch bleiben, damit dieser Instinkt nach Toren bleibt."

Nun sollte man nicht den Fehler machen und sich Lewandowski als einen Spieler vorstellen, der sein Ego höflich beiseitegelegt hat. Neulich hat er sich mit allen Pokalen, die seine Mannschaft in dieser Saison gewonnen hat, ganz alleine fotografieren lassen, auf die Idee muss man auch erst mal kommen. Und als Hansi Flick einmal in einer Pressekonferenz davon berichtete, dass Lewandowski mit seiner Auswechslung einverstanden gewesen sei, war das noch immer eher eine Ausnahme. Er ist natürlich immer noch der Meinung, dass er dem FC Bayern vor allem damit hilft, selbst zu treffen. "Man muss wahrscheinlich immer egoistisch sein, damit dieser Instinkt nach Toren bleibt", sagte er nach dem Spiel gegen Wolfsburg.

Dass er diesen Torinstinkt vor allem gegen Mannschaften wie Wolfsburg, Hertha BSC oder Eintracht Frankfurt zeigt, in den eher kleinen Spielen also, ist ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält, auch wenn er in der vergangenen Saison in der Champions League nur im Finale nicht traf.

Am Samstag, in seinem ersten Spiel als Weltfußballer, hätte er mal wieder die Gelegenheit, seine Kritiker zu widerlegen. Der Gegner, Bayer Leverkusen, ist neuerdings wieder ein großer, es geht immerhin um die Tabellenführung zu Weihnachten. Und gegen Leverkusen hat Lewandowski bislang nur viermal in 16 Spielen getroffen. Gegen keinen Bundesligisten ist seine Quote schwächer.

© SZ/pps/bkl/and/ska
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