Weltfußballer-Wahl Das Ende der Zweifaltigkeit

  • Luka Modric wird als Weltfußballer ausgezeichnet. Seit 2007 hatten immer entweder Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo den Preis gewonnen.
  • Deutsche Fußballer spielen bei der Wahl keine Rolle. Auch Spieler aus der Bundesliga kommen nicht vor.
  • Dafür erhält Lennart Thy den Fair-Play-Preis, Dzsenifer Marozsan belegt bei den Frauen den zweiten Platz.
Von Martin Schneider

Manuel Neuer findet, dass der Belgier Eden Hazard der beste Fußballer der Welt ist. Oder zumindest der beste Fußballer der vergangenen Saison. Man weiß das, weil die Fifa am Montagabend den Weltfußballer gekürt hat und die Auszeichnung wird nach einer Abstimmung vergeben. Nationaltrainer, Kapitäne der Nationalmannschaft und noch ein paar Journalisten aus jedem Fifa-Mitgliedsland (also auch Montserrat, Macau oder den Virgin Islands) müssen ihre Top Drei der vergangenen Saison benennen. Der Erstgenannte bekommt fünf Punkte, der Zweitgenannte drei und der Dritte einen Punkt. Manuel Neuer wählte Eden Hazard, Luka Modric und Raphael Varane aus, Joachim Löw entschied sich für Luka Modric, Kylian Mbappé und Eden Hazard.

Die Fifa hat das Abstimmungsergebnis hier veröffentlicht, man kann aus dieser Liste ein paar interessante Details gewinnen, zum Beispiel dass Lionel Messi für Cristiano Ronaldo gestimmt hat (wenn er ihn auch nur auf Platz drei gesetzt hat), dass Cristiano Ronaldo nicht für Lionel Messi gestimmt hat (und auch nicht für sich selbst, weil das verboten ist, sondern für Varane und Modric) und dass Cristiano Ronaldo offenbar ein Faible für den Stürmer Antoine Griezmann hat - den setzte er auf Position drei, obwohl er mit dem Spieler nichts tun hat und er durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, nur Ex-Mitspieler von Real Madrid zu wählen. Und wer das jetzt für kleinkariert hält: Beim FC Bayern führte es mal zu einem kleinen Krisen-Theaterstück, weil Robert Lewandowski als Kapitän der polnischen Nationalmannschaft Cristiano Ronaldo statt Manuel Neuer wählte - Matthias Sammer, damals Sportdirektor in München, rüffelte ihn daraufhin.

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Außerdem kann man dieser Liste entnehmen, dass niemand auf der ganzen Welt für Neymar gestimmt hat (nicht einmal seine Teamkameraden), wohl aber für den englischen Stürmer Harry Kane. Außerdem hat es der 35-jährige Dani Alves in die sogenannte Weltauswahl geschafft - was ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass es auf der ganzen Welt keinen gescheiten Rechtsverteidiger gibt.

Es ist immer schwierig, in einer Mannschaftssportart Einzelspieler auszuzeichnen, aber da der Fußball das Bedürfnis hat, Helden zu generieren und sie auf ein überlebensgroßes Podest zu heben, findet die Wahl jedes Jahr statt. Wobei, schon das stimmt nicht, es finden seit kurzem wieder zwei Wahlen statt - einmal der Weltfußballer der Fifa und einmal der goldene Ball, der Ballon d'Or, die Auszeichnung der französischen Zeitschrift France Football, die zwar kein Fifa-Siegel hat, aber als die prestigeträchtigere Auszeichnung gilt.

Man darf das also vor allen Dingen nicht überbewerten und doch gibt es zwei Erkenntnisse, die über das Kuriositäten-Level hinausgehen. Zum einen bricht mit Luka Modric zum ersten Mal seit 2007 (da gewann der Brasilianer Kaka) jemand die heilige Messi-Ronaldo- Zweifaltigkeit. Und zum anderen spielten sowohl deutsche Männer als auch Spieler bei deutschen Vereinen - zumindest sportlich - überhaupt keine Rolle bei dieser Wahl.

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Die erste Erkenntnis war allein deswegen absehbar, weil sowohl Messi als auch Ronaldo trotz ihrer zuweilen ins galaktische abdriftenden Fähigkeiten zum einen dem Alterungsprozess unterliegen und zweitens nicht nur an den Leistungen der anderen, sondern eben auch an ihren eigenen Leistungen gemessen werden. Die waren nicht schlecht, Messi schoss in der spanischen Liga in 36 Spielen 34 Tore, Ronaldo in 27 Spielen 26 Tore und außerdem gewann er zum dritten Mal in Folge die Champions League und nagelte dabei einen sauberen Fallrückzieher gegen Turin ins Netz. Aber wenn beide im WM-Jahr sich mit ihren Teams im Achtelfinale verabschieden - dann blickt die Welt eben auf den kleinen (1,72 Meter), dünnen (66 Kilogramm) Spielmacher des WM-Finalisten, der auch schon viermal die Champions League gewonnen hat, schon seit Jahren einen wunderbaren Fußball spielt und neben dem Platz eher leise ist. Und der, nebenbei bemerkt, vor drei Tagen eine achtmonatige Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung akzeptiert hat. Auch da passt Modric sich Messi und Ronaldo an - die übrigens im Gegensatz zu Spielern wie Marcelo, Mbappé oder Sergio Ramos beide die Gala schwänzten.

Daran, dass deutsche Spieler bei dieser Wahl sportlich keine Rolle spielen, daran hat man sich schon gewöhnt. Wobei die Betonung auf "Spieler" und "sportlich" liegt. Der letzte Gewinner war Lothar Matthäus 1991, die letzten Spieler, die etwas mit Deutschland zu tun haben und unter den Top drei auftauchen, waren Franck Ribéry (2013, Platz drei) und Manuel Neuer (2014, Platz drei). Auf der einen Seite kann man das weglächeln, weil Deutschland ja 2014 Weltmeister geworden ist und Fußball - wie erwähnt - ein Mannschaftssport ist (auch vom aktuellen Weltmeister Frankreich kommt Kylian Mbappé als bester Spieler nur auf Platz vier) und in den vergangenen Jahren sowieso Spieler von Real Madrid und dem FC Barcelona dominierten.

Aber von den fünf großen Ligen (Spanien, England, Italien, Frankreich, Deutschland) ist die Bundesliga die Liga, die bei dieser Gladiatoren-Ehrung am wenigsten vorkommt. Das könnte man als kleines Puzzle-Stück im größeren Bild des schleichenden Abstiegs der Bundesliga deuten - oder sich daran erinnern, dass die Bundesliga im Prinzip seit 1991 ohne die besten Spieler der Welt ganz gut durchkommt.

Warum liegt nun die Betonung auf "Spieler" und "sportlich"? Nun, Lennart Thy, in Frechen bei Köln geborener Stürmer in Diensten des türkischen Klubs Büyüksehir Erzurumspor, erhielt den Fifa-Fair-Play-Preis. Er hatte auf ein Liga-Spiel verzichtet, um Blut für einen Leukämiepatienten zu spenden. Und bei den Spielerinnen ist Deutschland seit Jahren in der Spitzengruppe vertreten. Dzsenifer Marozsan belegte bei der Wahl Platz zwei hinter der Brasilianerin Mata, 2013 wurde Nadine Angerer, 2014 Nadine Keßler zur besten Fußballerin der Welt gewählt.

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