Weltcupauftakt in Sölden:Auf ratternden Kanten

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Audi FIS Alpine Ski World Cup - Men's Giant Slalom

Saisonstart in Sölden: Stefan Luitz beim Riesenslalom im Oktober 2019 auf derselben Piste.

(Foto: Hans Bezard/Getty Images)

Erst optimistisch, dann zaghaft und unkonzentiert: Die Deutschen enttäuschen beim Riesenslalom in Sölden.

Von Johannes Knuth, Sölden

Das Essensangebot für die rund 15 000 Gäste beschränkte sich weitgehend auf Würstl, Brezln und Pizza Salami ("extra scharf!"). Eisverkäufer wurden bis Redaktionsschluss jedenfalls keine gesichtet im Zielraum am Rettenbachgletscher, und das war wirklich jammerschade. Fast 15 Grad hatte es am Sonntagmittag auf knapp 2700 Metern, dazu Sonne und blauen Himmel, durchaus Eisdielen-taugliches Wetter also. Was noch ein wenig absurder wirkte angesichts der grauen Gerölllandschaft, die sich rund um die weißgepuderten Gipfel und die weiße Kunstschneepiste erstreckte.

Es ist "wirklich sehr, sehr warm", bestätigte der Skirennläufer Stefan Luitz vom SC Bolsterlang. Seine Riesenslalom-Ski waren sogar ein bisschen weicher geworden, als ihm lieb war, in der Wärme, aber das ließ Luitz nicht als Ausrede gelten: "Es war ein echter Traum heut' zum Fahren", sagte der 27-Jährige, "die Piste ist genial und das Wetter und alles, das ist sehr, sehr cool." Sogar ohne Eiscafé-Angebote. Dann kam Luitz auf seine Leistung zu sprechen.

Die war nicht ganz so cool, so wie das erste Wochenende der neuen Alpinsaison ganz und gar kein cooles gewesen war für den Deutschen Skiverband (DSV). Luitz hatte den Riesenslalom am Sonntag als 16. beendet, er hatte sich in beiden Läufen "von oben bis unten" schwergetan und am Ende 1,83 Sekunden auf Sieger Alexis Pinturault aus Frankreich vergeudet. Alexander Schmid vom SC Fischen fiel nach Platz 14 im ersten auf Rang 27 im zweiten Lauf zurück, und auch am Riesenslalom der Frauen am Vortag hatten sie sich im DSV nur mäßig begeistern können. Viktoria Rebensburg, die WM-Zweite von 2019, hatte als 13. und mit hängenden Schultern in ihrer Leib- und Magendisziplin abgeschwungen, allein Lena Dürr, die Slalomspezialistin, schlug sich mit Platz 18. achtbar. "Das braucht uns jetzt nicht komplett aus dem Gleis schmeißen", fand der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier - aber Luitz und Rebensburg, die Zugpferde, die die Hoffnungen im Riesenslalom noch immer weitgehend alleine schultern, "sind halt noch nicht so weit, wie wir uns das vorgestellt haben. Das ist einfach Fakt". Für diese These musste Maier wahrhaftig keine Freitagsdemonstrationen befürchten.

Dabei waren die Zugpferde noch recht frohen Mutes angereist: Luitz hatte sowohl eine Schulterverletzung als auch einen Innenbandriss im Knie auskuriert, die er sich zum Ende der vergangenen Saison zugezogen hatte. Wichtiger noch: Er ging als Gewinner des Riesenslaloms von Beaver Creek in die neue Saison, mit seinem ersten Weltcupsieg also, der ihm erst nach langem juristischen Tauziehen im vergangenen Frühjahr zugesprochen worden war - wegen seiner umstrittenen Sauerstoffinhalation. Nicht nur Pinturault hatte Luitz in den vergangenen Tagen in Sölden in den Rang eines großen Favoriten für die kommenden Riesenslaloms erhoben, wenn Luitz denn seine Beaver-Creek-Form reaktivieren könne. Wobei der Belobigte und Christian Schwaiger, der neue Cheftrainer der DSV-Männer, sich vorsichtiger äußerten. Wenn Luitz in Sölden "bei der Musik dabei" wäre, sagte Schwaiger, wäre er schon zufrieden.

Die Ursache für die Zurückhaltung sah man am Sonntag. Luitz stellte die Ski vor fast jedem Tor im Steilhang kurz quer, ließ die Kanten über das Eis rattern, anstatt sie für die ganze Dauer des Schwungs ins Eis zu pressen. Skirennläufer handeln immer Kompromisse mit dem Gelände und der Schwerkraft aus, aber was die Deutschen in Sölden aus diesen Verhandlungen heraustrugen, war dann doch etwas dürftig. "Da fehlen mir einfach auch ein paar Trainingskilometer im Steilhang", sagte Luitz, man dürfe ja nicht vergessen, dass die Verletzungen seine jüngste Vorbereitung noch beeinträchtigt hatten. Und sonst? Der Alpinsport sei nun mal ein Geschäft mit "extremer Härte", sagte Maier am Sonntag, "die ersten 30 rücken immer enger zusammen". Wer sich da auch nur einen Hauch zu passiv verhalte, den reiße es halt sehr schnell aus der Weltspitze.

Damit durfte sich auch Viktoria Regensburg angesprochen fühlen: Die 30-Jährige hatte die Vorbereitung noch störungsfreier als Luitz absolviert, auch sie war optimistisch in die Saison gezogen - und auch sie fuhr in Sölden nicht wie auf Schienen über den Hang, sondern ließ ihre Skier immer wieder über den Schnee driften. Platz 13 war "nicht ganz so, wie man sich das vorstellt", sagte sie, aber sie habe im Training zuletzt auch nicht so oft im Steilen geübt, und das Material hatten sie vor dem ersten Lauf offenkundig auch nicht richtig auf den Kunstschnee abgestimmt. Allzu viel Verständnis wehte ihr im Verband dafür nicht entgegen - am Ende wirkte ihr Auftritt wie ein kleiner Blackout in der ersten Prüfung eines langen Schuljahres, trotz gewissenhafter Vorbereitung. Und jetzt?

Sie müsse das alles "erst mal sacken lassen", sagte Rebensburg noch, bis zum nächsten Riesenslalom in Killington könne sich ja schon vieles ändern. Und Luitz versicherte, er werde Anfang Dezember mit einem "sehr, sehr guten Gefühl" nach Beaver Creek anreisen, dorthin, wo seine Saison im vorigen Winter so stark begonnen hatte. Auch das ist ja ein Vorteil des frühen Saisonauftakts in Sölden, der in erster Linie den Ski-Verkauf ankurbeln soll: dass bis zur richtigen Eröffnung noch vier, fünf Wochen Zeit sind.

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