Weltcup der Springreiter:Ein Mann für komplizierte Seelen

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Weltcup der Springreiter: Schweizer Präzision: Alamo mit vorbildlicher Beinarbeit beim Weltcup-Finale in Göteborg, eingeflüstert von seinem Reiter Steve Guerdat.

Schweizer Präzision: Alamo mit vorbildlicher Beinarbeit beim Weltcup-Finale in Göteborg, eingeflüstert von seinem Reiter Steve Guerdat.

(Foto: Björn Larsson Rosvall/AFP)

Der Schweizer Steve Guerdat, Nummer eins der Weltrangliste, hat auch den Weltcup gewonnen. In einem Sport, in dem viele nur nach den Gewinngeldern schielen, ist er ein Athlet mit Prinzipien.

Von Gabriele Pochhammer, Göteborg

Steve Guerdat mag schwierige Pferde. Nino des Buissonets war so eins, der Wallach, mit dem der Schweizer 2012 in London olympisches Gold gewann. Oder Bianca, die ihm den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft in Tryon 2018 einbrachte. Pferde, von denen man sagt, sie bewegten sich zwischen Genie und Wahnsinn. Fehler tolerieren sie nicht. Sie wollen einen Reiter, der sie versteht, der sie akzeptiert, der mit ihnen auf Augenhöhe agiert. Nur dann zeigen solche Pferde alles, was sie können. In Steve Guerdat, der am vergangenen Wochenende zum dritten Mal den Springreiter-Weltcup gewann, haben sie ihren kongenialen Partner gefunden.

In Göteborg hatte Guerdat diesmal freilich einen vergleichsweise unkomplizierten Partner unterm Sattel. Der elfjährige schwarzbraune Alamo sei einfacher zu reiten als Bianca, "aber ich weiß nicht, ob er so genial ist," sagte Guerdat nach seinem Sieg. Genial genug jedenfalls für die mächtigen Weltcup-Kurse. "Ich musste nur richtig zum Hindernis reiten und ihm die Chance geben, gut rüberzukommen", sagte der 36-Jährige bescheiden, "Springen müssen die Pferde schließlich selbst." Noch nie war Alamo über einen so schweren Parcours gesprungen, er wuchs über sich hinaus.

Die Global Champions Tour lehnt Guerdat ab

Es ist kein Zufall, dass Steve Guerdat den Ruf hat, ein besonderes Händchen für komplizierte Pferdeseelen zu haben. Auch er selbst ist kein Einfacher. In einem Sport, in dem die meisten nur nach den dicksten Gewinngeldern schielen, leistet er sich Rückgrat. Den Stall des Niederländers Jan Tops, des heutigen Chefs der Global Champions Tour, verließ Guerdat 2007 nach dreieinhalb Jahren, weil die guten Pferde immer wieder verkauft wurden. Das bot dem aufstrebenden jungen Springreiter zu wenig Perspektive. Ein siebenstelliges Angebot des Ölmilliardärs Oleksandr Onitschenko, für sein Team der Ukraine zu reiten, lockte zunächst. Guerdats Vater Philippe, einst selbst erfolgreicher Springreiter und der erste Trainer seines Sohnes, betreute zu der Zeit gerade die Reiter aus der Ukraine. Doch als Guerdat hörte, dass er die ukrainische Staatsbürgerschaft annehmen sollte, um im Onischenkos zusammengekaufter Nationalmannschaft zu reiten, stieg er aus. "Ich bin Schweizer. Punkt."

Auf den Starterlisten der Global Champions Tour und der dazugehörigen League, in die sich reiche Leute mit einem Team für 2,5 Millionen Euro einkaufen können, sucht man Guerdats Namen vergebens. Das System der "Paycards", das der Global Tour nach einem Deal mit dem Weltverband FEI erlaubt, einen Großteil der Startplätze zu verkaufen, lehnt er ab. "Es ist gegen den Sport", sagt Guerdat. Inzwischen besteht bei der Global Tour mehr als die Hälfte des Starterfeldes aus Leuten, die für ihren Start bezahlen. "Wie soll ich meinem Kind eines Tages erzählen, dass ich 30 000 Euro pro Wochenende bezahlt habe, nur um mitzumachen?", sagte Steve Guerdat in einem Interview: "Das hat doch nichts mehr mit Sport zu tun." Je mehr Geld fließe, umso mehr Probleme gebe es. Umso beachtlicher ist seine Leistung, auch ohne Weltranglistenpunkte der 20 Global Tour-Turniere die Nummer eins der Welt zu bleiben. Seine Punkte sammelt Guerdat auf anderen Fünf-Sterne-Turnieren und in Nationenpreisen. Im Jahr 2018 war er der Reiter mit den meisten Nullrunden in diesem klassischen Mannschaftsspringen.

Zu den dunkleren Tagen in Guerdats Karriere zählte der Dopingverdacht im Sommer 2015, der ihn nicht nur den Sieg im Großen Preis von La Baule kostete, sondern auch den Start bei der Europameisterschaft in Aachen. Bei der Dopingprobe beim CSIO La Baule war bei Nino eine verbotene Substanz gefunden worden, die sich in Mohnsamen findet. Am Ende war ein Fehler des Futterherstellers die Ursache, Guerdat wurde voll rehabilitiert.

"Sie müssen Pferd bleiben dürfen."

Vor zwei Jahren kaufte er die Reitanlage von Paul Weier in Elgg im Kanton Zürich. Mit zwölf nationalen Titeln in allen drei olympischen Disziplinen - Springen, Dressur, Vielseitigkeit - war Weier der Schweizer Reiterstar des 20. Jahrhunderts. Der heute 84-jährige lebt jetzt 200 Meter vom Anwesen entfernt und kann miterleben, wie sein Stall wieder auf Hochglanz gebracht wurde. Guerdat legte selbst Hand mit an und zeigte unerwartete handwerkliche Qualitäten. Auch die Naturhindernisse, über denen Weier einst für Geländestrecken trainierte, werden wieder benutzt.

Steve Guerdat versucht, seinen Pferden so etwas wie Normalität zu gönnen. "Ich behandle meine Pferde nicht nur wie Athleten, sie müssen auch Pferd bleiben dürfen." Sie dürfen auf die Weide, er reitet regelmäßig spazieren. Manchmal konnte es Außenstehenden so vorkommen, als ob Steve Guerdat nicht viel mehr brauche als seine Pferde. "Auf dem Pferd fühle ich mich am lebendigsten. Ich liebe Pferde, ohne sie ist mein Leben sinnlos." Das sagte er vor mehr als zwölf Jahren. Seit anderthalb Jahren ist er mit der französischen Nachwuchsspringreiterin Fanny Skalli liiert. Heute klänge das vielleicht ein bisschen anders.

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