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Wellenreiten:"Das Wasser schmeckt hier nach nichts"

Gute Laune statt Konkurrenzkampf: Was Münchner Surfer auf Sylt lernen können - und wie Nordlichter am Eisbach zurechtkommen.

Agnes Fazekas

Vor der Höhle mit dem Monster wurde sie gewarnt, vor schwimmenden Ratten und auch vor einem Wasserfall. Aber dass sich die flache Standwelle am Münchner Eisbach als so widerspenstig erweisen könnte, damit hat die 17-jährige Janni Hönscheid aus Sylt nicht gerechnet.

Eisbach Surfer

Eisbach-Veteran Flo Kummer zeigt einen bombigen Sprung.

(Foto: Foto: Andreas Fuchs/oh)

Sechs Surfer aus Sylt hatten Gelegenheit, sich mit der einzigartigen Münchner Kunstwelle am Haus der Kunst anzufreunden. Ein paar Tage zuvor hatte sich eine Delegation von Münchner Süßwasser-Surfern auf der stürmischen Nordsee behaupten müssen.

Ein ungleicher Wettkampf, schließlich fahren die bayerischen Surfer alle schon lange im Meer, während die Münchner Flusswelle eine lokale Rarität darstellt - in der Szene zwar sehr bekannt, aber nicht wirklich ernst genommen.

Das störte die Surfer wenig, denn die Idee hinter dem "Sweet'n Salty Roadtrip" ist weniger der Wettkampf, als der freundschaftliche Austausch zwischen Nord und Süd. Projektleiter Simon Scheffold, selbst Surfer, beschäftigt auch das Image der Eisbachwelle: Wegen einiger Badeunfälle ist sie der Stadt immer wieder ein Dorn im Auge.

Aus zwei Brückenbögen strömt der Isarableger aus dem Untergrund ans Tageslicht, gleichzeitig rieselt es an diesem Tag fein aus den Wolken. Surfern ist es egal, woher das Wasser kommt. Eingemummt in Neopren-Anzüge mit Gummihauben unterscheiden sich die Roadtrip-Teilnehmer nur noch durch ihre Statur und die bunt besprühten Bretter.

Münchner Tricks

Auf dem Video-Screen am "Red-Bull"-Transporter nebenan springt gerade ein Snowboarder über eine Klippe - ein paar Meter weiter unten am Eisbach nimmt der Münchner Eisbach-Veteran Flori Kummer Anlauf und schwingt sich von den Baumwurzeln der Böschung über die steinerne Einfassung in das grün schäumende Wasser. Beifällig trommeln die Surfer am Ufer mit Neopren-Handschuhen auf die Boards.

Die Jungs aus Sylt staunen. "Das ist die über-übernächste Stufe. Wenn uns die Münchner nicht ihre Tricks verraten würden, hätten wir keine Chance", seufzt Timo Eichner aus Norderney. Den Eisbach kannte der Nordsee-Surfer schon aus Videos, aber live gefalle es ihm viel besser. Erst hier habe er gemerkt, wie anspruchsvoll das Riversurfen überhaupt ist.

Auch Gerry Schlegel, Tao Schirrmacher und der erst 16-jährige Paul Günther bewegen sich mit Leichtigkeit an ihrem Heimat-Spot - manchmal surfen sie sogar zu zweit auf der nur knapp sechs Meter breiten Welle und filmen sich gegenseitig mit einer wasserdichten Kamera.

Von oben aus dem Wagen wummert laute Musik und es sieht aus, als ob Gerry und Paul miteinander tanzten: Der eine konzentriert sich auf die Welle, der andere folgt seinen Turns, kommt ganz dicht heran und weicht dann wieder zurück, um mit der Kamera möglichst viel einzufangen vom Balance-Akt.

Zwölf Wellenreiter sind im stilechten VW-Bus von Norden nach Süden gefahren, um sich über die zwei extremen deutschen Surfspots auszutauschen. Erst war da die weite Sylter Nordsee, in der die Wellen steil von hinten heranrollen, sich brechen und immer anders aussehen. Und jetzt sind sie am Münchner Stadtbach, in dem nur eine einzige Welle existiert - dafür rund um die Uhr verfügbar. Sie ist flach, baut sich vor dem Surfer auf und stellt sich ihm mit viel Druck entgegen.

"Dein Drop ist end sick"

"Es ist eine kleine Welle, huggelig, aber immer noch das Beste, was man hier so machen kann", sagt der Münchner Gerry Schlegel schulterzuckend. Zu dem Sylter Fin-Eric sagt er: "Dein Drop ist end sick." Dieser reibt sich zustimmend das Steißbein, ist aber trotzdem ganz zufrieden für den zweiten Versuch nach der Nachtsession von gestern.

Auch Melf Lange und Timo Eichner aus dem "Salty Team" schlagen sich extrem gut, findet Sarah Czepluch, die einzige Frau bei den Münchnern. Denn im Moment sei die Welle besonders schwer zu reiten: "Da wo das Weiße runterkommt ist ein Loch, da sackt man ein und verschwindet." Dann heißt es: Schnell weg vom Brett und bloß nicht Kopf voran tauchen.

Timo fährt "goofy", also mit dem rechten Fuß vorne. Deswegen steigt er links von der Brücke ein. Auf dem Holzrand sitzend, positioniert er das Brett unter seinen Füßen. Er gibt ein kurzes Nicken zur anderen Flussseite hin, denn auch hier warten schon Sylter wie Münchner auf den Ritt in der Welle - dann stößt er sich ab.

Nachdem das Wasser ihn nach wenigen Sekunden vom Brett gespült hat, lässt sich Timo treiben, bis ihn der Rückstau packt und zurück zum Einstieg spült. Janni dagegen versucht es auf der anderen Seite, gerade hat es sie nach ihrem Sturz schon "bis zu den Büschen da ganz hinten" gezogen. Sie spürt den Muskelkater von gestern - in den Armen. Noch ein Unterschied zum Meer: Hier schmerzen die Arme vom Paddeln, während die Surfer auf die Welle warten, am Eisbach dagegen kostet es vor allem Kraft, sich samt Board über den Uferrand auf den Rasen zu ziehen. "Manchmal saugt sich das Brett richtig fest, wenn es unter Wasser hängen bleibt", erklärt Janni.

Höllenlaut und "scary"

"Höllenlaut" sei es da unten, man müsse genau den richtigen Moment abpassen und ein bisschen "scary" sei der Eisbach auch mit "dieser Höhle". Melf hat gehört, dass es das Schlimmste sei, was passieren könne, wenn es einen dort hineinsaugt. Zwar war hat keiner der Münchner je persönlich mit der Höhle Bekanntschaft gemacht, trotzdem pflegen sie den Mythos gerne.

Allmählich sind sie gezeichnet von der Woche, die Bretter und die Surfer: kaltes Wasser hier wie dort, unangenehme Hindernisse im Eisbach, aber auch an der Nordseeküste. Benni Steensbecks Hals ist vom Neopren böse aufgescheuert, Melf zeigt auf sein ramponiertes Board, und nach der Nacht in Hamburg haben sie nur drei Stunden geschlafen - natürlich wurde während des ganzen Trips ordentlich gefeiert.

Auch der Münchner Tao Schirrmacher, der gerade noch seinen aggressiven Fahrstil demonstriert hat, lässt sich - behindert durch seine Neoprenhandschuhe- dabei helfen, die Red-Bull-Dose zu öffnen. "1A der ganze Trip", findet Melf. Ihm fällt noch ein Unterschied zur Nordsee ein: "Das Wasser schmeckt hier nach nichts."

© sueddeutsche.de/tbc
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