Süddeutsche Zeitung

Schwimm-EM:Florian Wellbrocks verlorene Tage in Rom

Lesezeit: 3 min

Deutschlands bester Schwimmer wollte bei den Europameisterschaften seine goldenen WM-Wochen bestätigen. Doch die Wettkämpfe in Italien wurden für den Corona-geplagten Olympiasieger zum Flop.

Von Sebastian Winter

"Italia, Italia": Während die italienische Nationalhymne im Freiluft-Stadion in Roms historischem Sportstättenkomplex Foro Italico für den nächsten Sieger erklang, wie so oft bei diesen von den Gastgebern dominierten Schwimm-Europameisterschaften, gab Florian Wellbrock seinen Abschied bekannt. An diesem Donnerstag fliegt der Weltmeister und Olympiasieger zurück, die Freiwasser-Wettbewerbe am Lido di Ostia, wo Ende dieser Woche ohnehin Hitze und stürmische See erwartet werden, lässt er aus. Im Gepäck hat der beste deutsche Schwimmer nun einen fünften Platz über 1500 Meter - und die Erkenntnis, dass er sportlich völlig verlorene Tage in Italiens Hauptstadt verbracht hat.

Der 24-Jährige war am Dienstagabend noch die 1500 Meter Freistil geschwommen, eigentlich seine Paradestrecke und sein erstes Rennen bei dieser EM, nachdem er die 800 Meter wegen der Nachwirkungen seiner Corona-Infektion abgesagt hatte. Bereits nach 300 Metern hatte Wellbrock dann gespürt, dass er nicht konkurrenzfähig sein würde. Der neue Europameister Michailo Romantschuk aus der Ukraine, den Wellbrock im Frühjahr nach Kriegsbeginn in seine Magdeburger Trainingsgruppe aufgenommen hatte, und der Italiener Gregorio Paltrinieri waren viel zu schnell außer Reichweite. Aber auch andere, die Wellbrock in Normalform locker hinter sich lässt. Fast 30 Sekunden lag der Fünftplatzierte Wellbrock am Ende hinter Romantschuk.

"Ich bin unzufrieden mit dem Ergebnis, aber irgendwo auch ein bisschen stolz auf mich, dass ich es versucht habe. Andere wären in meiner Situation gar nicht erst angereist", sagte Wellbrock. Bundestrainer Bernd Berkhahn erklärte, "wir streichen die Wettkämpfe, er fährt nach Hause, kriegt den Kopf wieder frei und wir bauen von Null wieder auf. Wir hören auf die Gesundheit, auf den Körper, er braucht jetzt erst mal Ruhe und nicht den Stress einer Freiwasser-Meisterschaft". Wellbrock wollte einerseits bei dieser EM unbedingt starten, er schwärmte von den italienischen Fans, der Stimmung, dem grün-weiß-roten Farbenmeer auf der Tribüne. Andererseits stellt sich durchaus die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, diese EM gleich ganz sein zu lassen und zu Hause zu regenerieren. Zumal Berkhahn in Rom noch sagte: "Wir müssen auch ein paar Schritte weiterdenken, da ist eine Europameisterschaft nicht so wichtig." Eine EM, die ohnehin völlig schief im Wettkampfkalender steht, wegen der sehr kurzfristig in den Juni gepressten WM in Budapest, bei der Wellbrock herausragend schwamm und neben zwei Goldmedaillen ein Mal Silber und zwei Mal Bronze gewann.

Die Vorbereitung wurde für den 24-Jährigen wegen seiner Covid-Erkrankung zum Roulette-Spiel

Irgendwo im WM-Umfeld dürfte sich auch Wellbrock mit Corona infiziert haben, "spätestens bei den Freiwasser-Wettbewerben in Budapest war klar, dass sich in den Becken-Wettbewerben wahnsinnig viele angesteckt haben. Das ist von Anfang an bei der WM ein bisschen rumgegangen", hatte Wellbrock der SZ noch vor dem EM-Start in Rom gesagt. Er klagte über Halsschmerzen, Fieber, Husten, war zehn Tage komplett aus dem Training. Seither quält er sich mit einem ständigen Auf und Ab, das die EM-Vorbereitung zum Roulette-Spiel machte - und seine Aussichten, dort erfolgreich zu sein, massiv schmälerte.

Ganz abgesehen davon, wie groß der Aufschrei der TV-Sender gewesen wäre, wenn der deutsche Führungsschwimmer Wellbrock nicht in Rom an den Start gegangen wäre: Im Hinblick auf die nächsten Monate haben sich die Trainer und auch er selbst keinen großen Gefallen mit ihrer Entscheidung getan, ihn in Rom starten zu lassen. Während andere wie Isabel Gose, Lukas Märtens, Lucas Matzerath und Ole Braunschweig dort Medaillen gewannen und Tina Punzel und Lou Massenberg am Mittwoch das erste Gold für Deutschland holten, bekommt die EM für Wellbrock nach dem für ihn indiskutablen Ergebnis einen faden Beigeschmack.

Zumal er nicht gerade einfache Wochen vor sich hat: Eine Urlaubsreise ist nicht geplant, Wellbrock möchte lieber so trainieren, wie es der Körper zulässt. Am 1. September tritt er dann seine vierwöchige Grundausbildung bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr an, "da geht dann auch noch mal Training verloren", sagte er. Im Dezember folgt die Kurzbahn-WM in Melbourne, bei der er einen Start wegen der langen Flugzeit und des Jetlags noch nicht zusagen wollte. Im Juni 2023 und Februar 2024 stehen dann binnen eines halben Jahres zwei weitere (wegen Corona verschobene) Langbahn-Weltmeisterschaften in Fukuoka und Doha auf dem Programm, neben Europameisterschaften und Kurzbahn-Weltmeisterschaften, und, ach ja: Im Sommer 2024 sind ja noch die Olympischen Spiele in Paris. "Der Wettkampfkalender ist schon krass", sagte Berkhahn in Rom. Umso weniger erklärlich erscheint der Start bei dieser EM. In einem 50-Meter-Becken in Rom, in dem Wellbrock dem Jubel dann viele Sekunden hinterherschwamm.

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