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Ost-Fußball:Oberliga war so schön

Dynamo Dresden v Arminia Bielefeld - 2. Bundesliga

Enttäuschung, hinten Wut: Romain Bregerie (l.) und Tobias Müller von Dynamo Dresden während Fans Rauchbomben zünden.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

"Das ist nicht Disneyland, das ist der dunkle Osten": Mit Dynamo Dresden und Energie Cottbus verschwindet der alte Fußball-Osten aus der zweiten Liga. Hier zählt nur noch die Vergangenheit. Die Zukunft spielt in Leipzig.

Als die SG Dynamo Dresden im vergangenen Sommer ihr Trikot für die neue Saison vorstellte, sorgte vor allem ein Detail am rechten Ärmel für Diskussionen: ein schwarzer Ring auf gelbem Grund. Das war ästhetisch gewöhnungsbedürftig, symbolisch aber ergibt der Trauerflor im Rückblick einen bitteren Sinn.

Nach drei Jahren in der zweiten Liga ist Dynamo am Sonntag mit mehr als nur einem lauten Knall abgestiegen, und wenn es im nächsten Jahr trotzdem wieder ein Derby gegen Energie Cottbus geben wird, dann eben nur, weil auch auf dem anderen sicheren Abstiegsrang ein Verein aus dem Fußball-Osten Platz genommen hat. Im Tausch für beide bekommt die zweite Liga aller Wahrscheinlichkeit nach die in Leipzig gelandete Vereins-Drohne RB, aber das Leben ist kein Panini-Album und der Umbruch alles andere als ein Nullsummenspiel.

Das Experiment Leipzig scheint zu funktionieren, aber es ist nicht exemplarisch. Ein schneller Blick über den Dosenrand: Drittligist Hansa Rostock meldete gerade stolz einen Erfolg - der Bürgschaftsausschuss des Landes Mecklenburg-Vorpommern hat Unterstützung bei der Entschuldung zugesagt. Energie Cottbus gehörte 17 Jahre lang ohne Unterbrechung der ersten und zweiten Liga an - Präteritum. Und vom Viertligisten 1. FC Magdeburg nimmt bestenfalls noch Notiz, wer wachsamen Auges auf der A9 unterwegs ist. Auf einer Autobahnbrücke steht dort in gesprayten Lettern: "Nur der FCM, ihr Fotzen!"

So sieht er aus, der gestreckte Mittelfinger, mit dem sich auch ein Teil der Anhänger von Dynamo Dresden am Sonntag in den Untergrund verabschiedet, formvollendet allein in der Dramaturgie. Bei der Niederlage gegen Arminia Bielefeld (2:3) raffte sich noch einmal alles zusammen, was diesen Verein nicht nur in dieser Saison ausmacht. Erstens: übersteigerte Begeisterung. Schon vor dem Spiel sieht es auf der Straße zum Stadion aus wie sonst nach Silvester nicht.

10 000 Fans flankieren den Mannschaftsbus auf seinem Weg zum Spiel, als ginge es nicht um den Relegationsplatz der zweiten Liga, sondern als habe man gerade den Weltallpokal gegen eine Auswahl bionischer Krieger eines fernen Planeten gewonnen. Zweitens: Hausfriedensbruch. Nach einer guten Stunde steht es 2:0 nach Toren für Bielefeld - und 4:0 nach Knallkörpern für Dresden. Spielunterbrechung. Drittens: heiße Hoffnung. Nach 70 Spielminuten steht es 2:2 nach Toren, die Führung nach Knallkörpern wird zum Missfallen der meisten im Stadion ausgebaut. Viertens: Unfähigkeit, 2:3. Fünftens: routinierte Resignation. Nach dem Abpfiff qualmt Kondolenzrauch aus dem K-Block.

Dresden muss schrumpfen

Während ein paar Spielern wie dem ehrenwerten Robert Koch das nasskalte Funkeln in die Augen steigt, gerinnt an den Stehtischen der Vereinsspelunke Acki's die Trauer zügig zu Bitterkeit. Der Abstieg ist verdient, dazu gibt es keine eineinhalb Meinungen - schon mehr auf die bange Frage, was er bedeuten könnte.

Die strukturellen Probleme des Ost-Fußballs bleiben ja weiterhin bestehen, und sie zeigen sich bei Dynamo Dresden in besonderer Weise. Mit der Spielklasse sinken nun entscheidende Kenngrößen des Vereins: Der Etat für die Profiabteilung von 6,2 auf 2,8 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeiter der Geschäftsstelle von 30 auf vermutlich die Hälfte. Was dies für die Nachwuchsarbeit und die für Dynamo besonders wichtige Fanbetreuung bedeutet, lässt sich nur befürchten. Besonders daran ist freilich nicht, dass der Apparat nach einem Abstieg schrumpfen muss.

Besonders dürfte die Herausforderung sein, in der Zukunft zurückzukehren, wann auch immer. Es fehlt in Sachsen wie im Osten generell an kräftigen Konzernen und Unternehmern, die einen Verein wie Dynamo über Jahre aufbauen könnten. Und der ohnehin schwierige Wettbewerb um Sponsoren, fähigen Nachwuchs und letztlich auch um die Gunst der Öffentlichkeit wird gewiss nicht einfacher. Dem Klub Dynamo Dresden, zu DDR-Zeiten acht Mal Oberliga-Meister, bleibt nun vor allem seine Tradition und damit ein Wert der Vergangenheit - in Leipzig können sie mit Geld werben, mit Perspektive und Erfolg, also mit Zukunft.

Wie lebt es sich so, von der Vergangenheit? Auch darauf gibt der Sonntag einen Ausblick. Nach dem Spiel steht die Dynamo-Oma im Presseraum, das gutmütige Lebendmaskottchen des Vereins. Sie nimmt die Silberkrücke in die Hand und Trainer Olaf Janßen in den Arm. Oma: "War 'ne schöne Zeit." Janßen: "Ja, war 'ne schöne Zeit." Oma: "Mach's gut." Janßen geht ab. Vor dem Stadion sammeln sich da gerade ein paar kräftige Männer, die nur den dunkleren Teil der Vereinsfarben am Körper tragen und die nun den Spielern auflauern wollen.

Etwas weiter zieht eine Gruppe davon und singt: "Oberliga, Oberliga, Oberliga war so schön / Randale und Tumulte, Oberliga war so schön!" Die Gruppe läuft an einem Baucontainer vorbei, und selbst dieser trägt eine Botschaft: "Das ist nicht Disneyland, das ist der dunkle Osten."

© SZ vom 13.05.2014
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