Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Watzke widerspricht Merkel

Der BVB-Erfolg in Hoffenheim bleibt eine Randnotiz. Dortmunds Geschäftsführer hat danach den Hauptauftritt und warnt: Einen erneuten Lockdown würden viele Klubs nicht überstehen.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Das waren noch Zeiten, als ein Hausmeister im Stadion der TSG Hoffenheim Sirenen laufen ließ, um gegen die Schmähgesänge der Hardcore-Fans von Borussia Dortmund anzukommen. Am Samstag, als der BVB wieder in Sinsheim aufspielte - und 1:0 gewann -, fand das vor der handverlesenen Kulisse von 6000 einheimischen Anhängern statt, denen man bekanntlich schon vor Corona keine übertriebene Ekstase anmerken konnte. Hans-Joachim Watzke hatte einen halben Block für sich allein. Und seinen Hauptauftritt hatte er eh später: im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF, wo Dortmunds Geschäftsführer vor "populistischem Fußball-Bashing" warnte, das sich aus seiner Sicht in Medien und Politik breitmache, und das einen erneuten Lockdown der Spiele heraufbeschwören könnte.

Auf dem Rasen hatte sich Corona wenigstens indirekt auch bemerkbar gemacht: Drei Spieler fehlten bei der TSG, darunter Andrej Kramaric und Kasim Adams, die sich offenbar während ihrer Länderspiel-Reisen angesteckt hatten. Ebenfalls in Quarantäne musste Pavel Kaderabek, in dessen Familienumfeld es einen Positiv-Test gegeben hatte. Dortmund hatte Manuel Akanji in der Quarantäne gelassen, weil auch er positiv getestet wurde, bei seiner Abstellung zur Schweizer Nationalmannschaft.

Der Sieg blieb eine Randnotiz

Im Spiel hatte Dortmund anfangs auf Marco Reus und den von zwei Länderspielen mit Norwegen ausgelaugten Erling Haaland verzichtet. Als beide nach einer Stunde gemeinsam eingewechselt wurden, fabrizierte Haaland schnell eine Vorlage, und Reus das einzige Tor des Tages. Doch der Sieg blieb eine Randnotiz.

Hoffenheims Sportchef Alexander Rosen hatte sich schon vor dem Anpfiff ungewöhnlich deutlich auf die Verbände Fifa, Uefa und DFB eingeschossen. Tenor: Länderspiel-Reisen brächten in diesen Zeiten das Fass zum Überlaufen. Man müsse "intensiv darüber nachdenken, ob man die Jungs das nächste Mal noch gehen" lasse. BVB-Trainer Lucien Favre mahnte: "Diese Reiserei ist gefährlich. Wir müssen sehr aufpassen. Es werden mehr Fälle kommen." Auch Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche oder der Kölner Horst Heldt äußerten sich kritisch zum Programm der Nationalteams in Zeiten explodierender Corona-Zahlen.

Allerdings reist Hoffenheim nun in der Europa League in Krisengebiete wie Belgrad (Serbien), Gent (Belgien) und Liberec (Tschechien), während der BVB am Dienstag bei Lazio Rom spielt, später in Brügge und Sankt Petersburg. Tour de Hotspot? Die Uefa verdient an Champions- und Europa League mit, aber die Landesverbände ächzen inzwischen unter Einnahme-Einbrüchen, daher die Länderspiele. Das System Fußball "hockt allerorten auf riesigen Kostenstrukturen", räumt Watzke ein, "wir müssen irgendwann Geld einnehmen".

"Wir brauchen zumindest die Geisterspiele. Sonst wird es ganz eng"

Am Abend, im Sportstudio, drehte Watzke wohl auch deshalb den Fokus eher auf die eigenen vier Fußball-Wände. Derzeit erscheint unabwendbar, dass die meisten Ligaspiele vorerst wieder als "Geisterspiele" stattfinden, allenfalls vor symbolischer Kulisse. Watzkes BVB wird davon schon am kommenden Wochenende hart getroffen: Wegen der in der größten Ruhrgebiets-Stadt Dortmund inzwischen ebenfalls zu hohen "Inzidenz"-Zahl, wird das Derby gegen Schalke erneut ohne Zuschauer stattfinden. Watzke beziffert den Verlust pro Heimspiel mit je einer Million Euro.

Während im Frühjahr unter Fußball-Fans noch heiß diskutiert wurde, ob Geisterspiele zumutbar sind, tun sich acht Monate später ganz andere Abgründe auf. In der Liga geht vor allem die Angst um, dass es noch einmal zu einem echten "Shutdown" kommen könnte, mit dem verbal vor allem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kokettiert. Watzke, seit seinem 16. Lebenjahr CDU-Mitglied, feuerte unterdessen eine Breitseite gegen seine Parteifreundin Angela Merkel: "Ich habe gelesen," so Dortmunds Geschäftsführer, "die Bundeskanzlerin habe gesagt, es gebe gerade wichtigere Themen als Bundesliga-Spiele vor Zuschauern. Das finde ich nicht zielführend."

Es gebe "natürlich immer" sehr viele Dinge, die wichtiger als der Profi-Fußball seien, aber es gehe nicht um "Wichtigkeit". Es gehe um die Frage des Gefährdungspotenzials, und das sei bei den bisher mit begrenzten Zuschauer-Kontingenten gelaufenen Spielen nicht zu sehen gewesen. "Wenn sich alle Mitbürger immer so vorbildlich verhalten würden, wie das unsere Zuschauer in den Stadien bisher getan haben, dann hätten wir viele Sorgen gar nicht." Von den Spielen sei bisher nachweislich kein einziger positiver Fall ausgegangen, behauptete er. Bisher hatte sich Watzke, ebenso wie DFL-Chef Christian Seifert, mit offener Kritik an der Politik bedeckt gehalten, wohl um die politische Zustimmung zu dem fragilen "Hygiene-Konzept" der Bundesliga nicht zu gefährden.

Und nun? Kanzlerin Merkel hatte anklingen lassen, man könne "überlegen, ob man bei Fußballspielen weniger Leute oder gar keine hereinlässt". Mit dieser Version könnte die Bundesliga wohl noch eine Weile überleben. Aber sollten die Spiele wieder, wie im Frühjahr, komplett abgesetzt oder verschoben werden, dürfte etlichen Vereinen ganz schnell die Luft ausgehen. "Wir brauchen zumindest die Geisterspiele. Sonst wird es ganz eng", sagte Watzke im Sportstudio.

Wie man hört, werben DFL und Klubvertreter gerade intensiv bei den zuständigen Ministerpräsidenten und den Bürgermeistern der großen Städte, es auf keinen Fall noch einmal zu einem echten Shutdown kommen zu lassen. Das sei jetzt noch existenzgefährdender als im März. Denn viele Vereine sind inzwischen so verschuldet und unter Druck, dass jetzt nichts mehr passieren darf. Sonst würde es wohl schnell erste Insolvenzen geben.

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SZ vom 19.10.2020/sonn
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